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Ausland lobt Merkel für Flüchtlingspolitik Wie aus der „Zerstörerin Europas“ eine Heldin wird

„Licht der Nationen“, „das gute Gesicht“: Deutschlands Offenheit den Flüchtlingen gegenüber verändert das Bild des Landes im Ausland. Angela Merkel wird gefeiert. Doch nicht jeder kann sich damit anfreunden.

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Ein Flüchtling, der kurz zuvor mit einem Zug in München angekommen ist, hält dabei ein Foto von Angela Merkel in den Händen. Quelle: dpa

Es ist eine Hommage an die deutsche Bundeskanzlerin, die diese Woche in der israelischen Tageszeitung „Haaretz“ zu lesen ist: „Deutschland, Licht für die Nationen der Welt“, so die Überschrift des Leitartikels. Der Tenor: Angela Merkel beweise, dass man aus der Geschichte lernen könne. Sie habe die Tore Berlins für all die Flüchtlinge geöffnet, die dem Tod entflohen seien. „Gut für dich, Deutschland.“

Ob in Israel, in Amerika oder innerhalb Europas: Die Bilder eines Deutschlands, in dem jubelnde Menschen Flüchtlinge willkommen heißen und mit Spenden überhäufen, gehen um die Welt. Eine deutsche Kanzlerin, die Grenzen öffnet, statt Ländern wie Griechenland Sparsamkeit zu predigen, das rüttelt an Stereotypen.

Italiens Medien beschäftigen sich seit Tagen mit diesem seltsamen neuen Deutschland. In der Griechenland-Krise wurde Merkel gerne mit der Pickelhaube dargestellt. Jetzt versuchen die Medien, den Wandel der deutschen Seele zu erklären. Der „Corriere della Sera“ widmet dem Phänomen eine ganze Seite unter dem Titel „Der deutsche Geist“. „La Repubblica“ schreibt: „Der Wandel der Merkel: Berlin wählt das gute Gesicht“.

Besagte Angela Merkel, zunächst im Inland für ihren verzagten Umgang mit dem Flüchtlingsstrom gescholten, nutzt das positive Echo auf ihren Schwenk, um Druck auf andere Staaten zu machen. „Wir müssen jetzt einfach anpacken und alle Hindernisse aus dem Weg räumen“, sagte sie in dieser Woche bei ihrer Rede im Bundestag. „Wenn wir mutig sind und manchmal vorangehen, dann wird es wahrscheinlicher, dass wir eine europäische Lösung finden.“

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    Merkels Öffnung der Grenze lasse andere Regierungschefs als „Parodien einer männlichen, flachen und unmenschlichen Macht“ dastehen, schreibt Deutschland-Kenner Carlo Bastasin in „Il Sole 24 Ore“. Ganz ähnlich sieht dies die „Washington Post“: „Frau Merkels Antwort auf die Krise war ein Lichtblick in einer ansonsten trostlosen Umgebung, einem Bild der Schande, das auch die USA einschließt, die bisher weniger als 1000 Syrer aufgenommen haben.“

    Es gibt auch Kommentare, die davor warnen, dass sich Deutschland übernehmen könnte. Es bestehe die Gefahr, dass das Wohlfahrtssystem unter der Last der Einwanderer zusammenbreche, schreibt etwa die Gratiszeitung „Israel Heute“, die Premier Benjamin Netanjahu nahe steht. Merkel hätte dann eine Zunahme rechtsradikaler Kräfte zu verantworten, sind in Israel einige mahnende Stimmen zu hören.


    „Der Rest Europas schaut zu“

    Doch es dominiert dieser Tage weltweit das Lob. Die britische Presse reflektiert Deutschland als Gegenmodell zum eigenen Land, sieht Merkel als „Engel der Barmherzigkeit“ und weitsichtige Führungspolitikerin, die der Forderung der Stunde gerecht wird, im Kontrast zu David Cameron. „Merkel’s Moment: Germany, Generosity, Glory“, verbindet der „Economist“ per Stabreim in seinem „Espresso“-Blog: Deutschland, Großzügigkeit, Ruhm.

    Den Ton geben bei dieser Begeisterung nicht Bischöfe oder Flüchtlingsorganisationen an, sondern die Wirtschaftspublikationen „Financial Times“ und „Economist“, die sich seit langem gegen die Anti-Immigrationsstimmung im Land wehren. Sogar der „New Statesman“, der vor nicht langer Zeit Merkel als „Zerstörerin Europas“ im Terminator-Gewand auf die Titelseite gebracht hat, stellt sie nun als Vorbild hin.

    Nicht nur in Großbritannien, auch in den Vereinigten Staaten, in Kanada oder in Italien prallt Deutschlands Rolle in der Flüchtlingskrise auf die in der Krise um Griechenland. „In beiden Fällen steht Deutschland im Zentrum – in dem einen als großzügiges Vorbild, in dem anderen als hart (und ungerechtfertigt) als geizig kritisiert“, schreibt die einflussreiche schwedische Tageszeitung „Dagens Nyheter“ Zeitung und charakterisiert damit den Wandel des Bilds in Schweden: Deutschland nicht nur ein Land der knallhart kalkulierenden Macher, sondern auch ein Land mit Herz. Lange war Schwedens Verhältnis zu Deutschland von Distanz und immer wieder aufkommender Skepsis geprägt.

    Jetzt deutet sich ein Meinungsumschwung an. In vielen Zeitungen wird die deutsche Flüchtlingspolitik positiv gesehen, auch weil Schweden, das gemessen an der Bevölkerungszahl mit Abstand die meisten Flüchtlinge in der EU aufnimmt, Schulter an Schulter mit Deutschland für eine gerechtere Verteilung der Flüchtlinge kämpfen will.

    Im arabischen Raum wird Merkel als „neue arabische Heilige“ gerühmt. Sie sei nicht mehr die kühle Politikerin, sondern eine Heldin. In sozialen Netzwerken wird sie gar als „Mutter Teresa von Europa“ gepriesen. Und in Kolumbien schreibt die Tageszeitung „El Tiempo“ über „Mamá Merkel“: „Deutschland ist das neue gelobte Land für die Hoffnungslosen und Unterdrückten.“ Gerade vor dem Hintergrund, dass Deutschland selbst ein Land war, aus dem Menschen in dunkleren Zeiten fliehen mussten, sei das aktuelle Handeln bemerkenswert.

    Es sind nicht nur die Medien im Ausland, die wohlwollend nach Deutschland schauen. St. Luke’s am Times Square in New York: Pastor Paul Schmiege predigt über Matthäus 15, 21–28, die Geschichte, in der Jesus eine Frau heilt, obwohl sie keine Jüdin ist. Die Botschaft aus Sicht des Pastors: Wir sollen auch diejenigen mit offenen Armen empfangen, die nicht zu unserem eigenen Volk gehören. Und er nennt ein Beispiel: „Heute ist ein Zug mit Tausenden von Flüchtlingen in Berlin angekommen – und sie wurden dort willkommen geheißen, mit Spielzeug für die Kinder.“

    Auch die „New York Times“ findet es ebenfalls bemerkenswert, was in Deutschland vor sich geht. „Deutschland öffnet die Tür für Flüchtlinge, und der Rest Europas schaut zu“, heißt es auf einem Cartoon, der den Bruch in einer Mauer zwischen „Nord“ und „Süd“ zeigt, in dem Merkel per Handschlag die Neu-Ankömmlinge begrüßt.

    Die USA haben strikte Einwanderungsquoten, Flüchtlinge sind nicht wirklich willkommen. Das letzte Mal als das anders war, schrieb man das Jahr 1975. Der Vietnamkrieg war verloren und in drei Wellen kamen bis in die späten 1980er-Jahre hinein über eine Million Flüchtlinge in die USA. Die Folgen des Syrienkriegs könnten weitaus dramatischer sein: Schätzungsweise über vier Millionen Menschen aus diesem Krisenland warten derzeit auf eine neue Heimat. Amerika mit seinen riesigen Weiten wäre für sie sicher eine Option.


    „Ein Hippie-Staat, der sich von Gefühlen leiten lässt“

    Republikanische Politiker wie Carly Fiorina oder Ben Carson sind der Meinung, Amerika habe genug getan. Das Land hat sich noch nicht vom 9/11-Trauma erholt und wittert hinter jedem Einwanderer einen potenziellen Terroristen. Deshalb gibt es zwar zurückhaltend-freundliche Kommentare für Merkels Mut, aber immer mit dem Nachsatz, es sei kein Vorbild für die USA. Donald Trump, der sich eisenharte Regeln für die Einwanderung in die USA auf die Fahnen geschrieben hat und sogar eine „Pause“ bei der Greencard-Lotterie fordert, will mehr syrische Flüchtlinge ins Land lassen.

    Er „hasse die Vorstellung“, dass sich Terroristen unter die überwiegenden muslimischen Menschen mischen könnten. Aber angesichts der „humanitären Katastrophe müsse Amerika handeln“ und Führungsstärke zeigen. Er hat Respekt vor der Entscheidung der Bundeskanzlerin. Aber eines wollte der Immobilienmilliardär mit den deutschen Wurzeln im Interview mit Fox News auch noch festhalten: „Europa wird man in ein paar Jahren nicht mehr wiedererkennen.“

    Bret Stephen, bekannter und extrem meinungsfreudiger Kolumnist des „Wall Street Journal“, schreibt: „Das moderne, tolerante Deutschland schaut mit berechtigter Verachtung auf den kleinkarierten Nationalismus der ungarischen Regierung.“ Doch auch er warnt, dass Deutschland sich mit der Aufnahme der Flüchtlinge übernehme.

    Kritisch sieht Anthony Glees, Direktor des Zentrums für Sicherheits- und Geheimdienstwissenschaften der Universität Buckingham die deutsche Rolle. Deutschland sei ein „Hippie-Staat, der sich von seinen Gefühlen leiten lasse“, sagt er – und meint dies kritisch. Das Land breche die Regeln des Umgangs mit Flüchtlingen. Dabei wäre es besser, mit den anderen Staaten in Europa eine Konsenslösung zu finden und etwa Ungarn bei der Bewältigung des Flüchtlingsandrangs zu helfen.

    Im Nachbarland Österreich ist man dennoch fast ein wenig neidisch über die große internationale Anerkennung, auf die „Deutschland, Deutschland“-Rufe und die Merkel-Plakate. Am Budapester Bahnhof hielt keiner der Flüchtlinge ein Schild mit „Austria“ hoch. So manchen Österreicher hat es erstaunt, mit welcher Natürlichkeit und Emotionalität Tausende von Bürgern im Nachbarland, das eher für Zuverlässigkeit steht, die Flüchtlinge willkommen hießen.

    Auch auf der anderen Seite des Atlantiks nehmen viele Kanadier mit Verwunderung und offener Bewunderung die Reaktion Deutschlands und einiger europäischer Staaten auf die Flüchtlingskrise zur Kenntnis, während ihre eigene Regierung sich durch kleinliches Taktieren hervortut. Die Bereitschaft von Staaten wie Norwegen, Finnland, Schweden und Island zur Aufnahme von Flüchtlingen sei „beeindruckend“, schreibt der Kolumnist Andrew Cohen in der Tageszeitung „Ottawa Citizen“. Deutschland habe eine „überragende Großherzigkeit“ gezeigt. „Dafür sollte Angela Merkel den Friedensnobelpreis erhalten“, schreibt Cohen.


    In Australien dreht sich die Stimmung

    Die Haltung Deutschlands wird als krasses Kontrastprogramm zum Manövrieren der regierenden Konservativen von Premierminister Stephen Harper gesehen. Harpers Zögern, die Grenzen schnell zu öffnen und das Aufnahmeverfahren für Flüchtlinge zu entbürokratisieren, sowie seine Weigerung, mit den anderen Parteivorsitzenden eine parteiübergreifende Strategie zu beschließen, kommt in der Bevölkerung nicht gut an.

    Anfang des Jahres hatte die Regierung die Aufnahme von 10.000 syrischen Flüchtlingen in den kommenden drei Jahren angekündigt, von denen es bisher aber wegen der bürokratischen Hürden nur rund 1000 nach Kanada geschafft haben. Jetzt spricht Harper davon, im Falle seiner Wiederwahl weitere 10.000 über vier Jahre nach Kanada zu holen. Forderungen aus den Provinzen und Gemeinden und von der Oppositionen aber gehen weit darüber hinaus.

    Kanada hat in früheren Jahrzehnten immer wieder Türen und Herzen für Flüchtlinge geöffnet. Die jetzige Krise um die Syrienflüchtlinge wird häufig mit der Reaktion auf die vietnamesischen „Boat People“ Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre verglichen, als Kanada zunächst unter dem konservativen Regierungschef Joe Clark und dann unter dem Liberalen Pierre Trudeau insgesamt 55.000 Flüchtlinge aus Vietnam aufnahm – eine Entscheidung, die mit dazu beitrug, Kanada in eine multikulturelle Gesellschaft zu transformieren.

    Auch im fernen Australien sorgt die deutsche „Willkommenskultur“ zunehmend für Kritik am Premierminister Tony Abbott. Zwar hat Abbott in dieser Woche angekündigt, dass auch Australien 20.000 Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen will. Dennoch setzt er in der Flüchtlingspolitik vor allem auf Abschreckung. „Wir werden die Boote stoppen“, war Tony Abbott’s Wahlspruch vor zwei Jahren.

    Die Verzweifelten, die von Indonesien aus die gefährliche Fahrt über die Timorsee wagen, müssten mit allen Mitteln am Anlegen gehindert werden. Seither zieht die australische Marine Flüchtlingsboote nach Indonesien zurück. Auf illegale Flüchtlinge – auch Kinder – warten Jahre im Internierungslager. Da beobachten die Australier erstaunt, wie Flüchtlinge in Deutschland mit Freude und Geschenken begrüßt werden. In den vergangenen Tagen sind hunderte von Australiern auf die Straße gegangen, um für die Aufnahme von Syrien-Flüchtlingen zu plädieren.

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