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Außenhandel Profitieren vom arabischen Boom

Deutsche Unternehmen versuchen, sich in der arabischen Welt neu aufzustellen. In den Ölstaaten macht der Boom das Geschäft einfach, aber in anderen Ländern droht die Rezession.

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Porsche-Cabriolet im Duty-free-Shop-Angebot von Manama in Bahrain Quelle: LAIF/Martin Roemers

Axel Goehler bringt seine deutschen und arabischen Zuhörer zum verlegenen Grinsen, als er sein Geschäftsmodell anhand einer auf dem Beamer übergroß projizierten Arzneimittelpackung vorstellt. Es geht um einen Prostata-Schnelltest, hergestellt von Goehlers Pharmaunternehmen JPM in Jordanien und verkauft vor allem rund um den Persischen Golf. Dieser Schnelltest wird genau wie viele andere Medikamente, deren Patentschutz längst abgelaufen ist, in den Hochpreisländern Arabiens verkauft und im Billiglohnland Jordanien hergestellt – bis auf die Verpackung: Produkte aus Jordanien, die in Deutschland eingepackt werden, firmieren ganz legal in kuwaitischen oder saudischen Apotheken als Erzeugnisse der hoch angesehenen deutschen Pharmaindustrie. „Absolut kein Etikettenschwindel!“, versichert Goehler: Seine Erzeugnisse seien den gleichen Qualitätskontrollen unterworfen, die in Deutschland vorgeschrieben sind.

Im Jahr des großen arabischen Aufbruchs lechzt die deutsche Wirtschaft nach solchen Erfolgsmeldungen aus dem Nahen Osten. Dabei gehen viele Geschäfte glänzend. Das traditionelle Deutsch-Arabische Wirtschaftsforum der Arabisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer Ghorfa hat dieses Jahr um die 500 Unternehmer, Manager und Politiker nach Berlin gelockt. Sie lassen sich vorrechnen, dass die reichen Ölstaaten am Golf zusammengenommen die viertwichtigste Exportdestination deutscher Unternehmen sind – nach dem EU-Raum, Nordamerika und China. Martin Böll, Repräsentant der staatlichen Wirtschaftsförderungsgesellschaft German Trade and Invest in Dubai, ist heute schon sicher, dass nach der Rezession von 2009 und der zaghaften Erholung 2010 in diesem Jahr die deutschen Exporte in die Golfstaaten vom superreichen Katar bis hin zum krisengeschüttelten Bahrain alle Ergebnisse von 2008 übertreffen werden: „Und das war schon ein außergewöhnliches Boomjahr!“

Proteste in Syrien Quelle: Getty Images

Vom Boom profitieren allerdings große deutsche Konzerne stärker als alle anderen. Was zum Teil an den Mittelständlern liegt: „Viele scheinen derzeit ängstlich zu sein und wollen erst einmal abwarten – sicher ein Fehler“, klagt Nahostexperte Böll. Geplatzte Abmachungen in der Krise vor zwei Jahren provozieren jetzt eine Vorsicht, die große Unternehmen mit ihren oft jahrzehntealten Bindungen in der Region kaum kennen: Porsche, Mercedes und BMW verkaufen sich am Persischen Golf besser denn je, die Deutsche Bahn errichtet im superreichen Kleinstaat Katar ein ambitioniertes Eisenbahn- und Metronetz, Siemens baut überall am Golf Kraftwerke, mischt mit beim Auf- und Umbau der großen Flughäfen, beliefert die Krankenhäuser mit Spitzentechnologie.

Überdies konzentriert sich die Aktivität der deutschen Exporteure im Nahen Osten – und noch mehr die der Investoren – eindeutig auf die reichen Ölstaaten. Das hat natürlich viel mit der verbreiteten Unsicherheit über die Entwicklung des politischen Systems in allen anderen Ländern zu tun. Die Golfmonarchien gelten den Wirtschaftsleuten immer noch als stabil, auch wenn die Risse im sozialen Gefüge der Erdöl-Länder immer deutlicher werden. Es gibt aber vor allem einen unmittelbaren wirtschaftlichen Grund für das Verhalten der deutschen Unternehmen: Seriöse Prognosen verheißen den nicht mit Ölreichtum gesegneten arabischen Ländern ein ökonomisch katastrophales Jahr, inzwischen fast unabhängig von der weiteren politischen Entwicklung in Tunesien, Ägypten oder Syrien.

Die Kluft wächst

Die Kluft ist dramatisch. Nach einer Studie des von den weltweit größten Banken getragenen Washingtoner Institute of International Finance (IIF) wird das Bruttoinlandsprodukt im Öl- und Gas-Wunderland Katar 2011 wie schon im Vorjahr um 18 Prozent wachsen, in Saudi-Arabien immer noch um mehr als fünf Prozent. Für das revolutionäre Ägypten rechnen die IIF-Experten dagegen für 2011 mit einem BIP-Rückgang von 2,5 Prozent, für Tunesien von 1,5 Prozent. Sie beschreiben außerdem steigende Inflationsrisiken, die drohende Abwertung vieler arabischer Währungen und einen weiteren Anstieg der heute schon katastrophalen Jugendarbeitslosigkeit.

Schlechte Aussichten sind das auch für den erhofften Wandel zur Demokratie: Die Träger der Aufstandsbewegungen der vergangenen Monate haben sich vom Sturz der Diktatoren vor allem auch steigenden Wohlstand und mehr Arbeitsplätze versprochen.

Siemens-Gepäckband für den Ausbau des Dubaier Flughafens Quelle: LAIF/REA

Ihre Enttäuschung wird sich folglich gegen die neuen Machthaber richten. Für ausländische Exporteure oder gar Investoren deuten sich Probleme nicht nur wegen schrumpfender Märkte an, sondern auch wegen möglicher neuer Unruhen und des Aufstiegs antiwestlicher politischer Kräfte.

Das sehen nicht nur Außenstehende so. „Wir hoffen, dass diese Zeit des Wandels zu einem Abschluss kommt, sonst wirkt sich das negativ auf die arabischen Volkswirtschaften aus“, warnt Imad Shehab das Berliner Publikum. Der Libanese ist Generalsekretär der Generalunion der Arabischen Handelskammern, gilt aber wie viele libanesische Geschäftsleute als Günstling des syrischen Regimes, das die Aufstandsbewegung im eigenen Land auf mörderische Weise niedergeschlagen hat. Syrien wird dieses Jahr zum ökonomischen Schlusslicht des Nahen Ostens werden, und das trifft natürlich auch den kleinen Nachbarn Libanon mit seinen bedeutenden Banken und Handelshäusern.

Neue Möglichkeiten

Was aber noch lange kein Grund zum Pessimismus ist, meint zumindest Thomas Bach, in Personalunion Präsident der Handelskammer Ghorfa und des Deutschen Olympischen Sportbundes: „Wir haben doch viele neue Chancen: In allen arabischen Ländern wird jetzt politisch die Zivilgesellschaft wichtiger und in wirtschaftlicher Hinsicht das private Unternehmertum.“ Woraus für Bach folgt, dass nicht mehr die mühsamen Verhandlungen zwischen deutschen Wirtschaftsleuten und den autoritär organisierten Staaten zum Geschäftserfolg führen werden, sondern die unmittelbaren Kontakte Business to Business: „Zu Deutsch: Die Menschen auf beiden Seiten können unmittelbar miteinander kommunizieren.“

Grundlage für die bessere Kommunikation wäre aus Bachs Sicht erst einmal mehr Zusammenarbeit in Sachen Bildung und Ausbildung. Dabei spielt Deutschland bei der Ausbildung von Wissenschaftlern und Führungskräften keine große Rolle im Nahen Osten: Der von vielen Herrschern am Golf ersehnte Export von Bildungseinrichtungen in die Region ist bislang eine Domäne amerikanischer Einrichtungen. „Unsere Universitäten könnten sich ein bisschen mehr anstrengen und aufgeschlossener auf die arabische Welt schauen als bisher“, sagt Bach.

Denn mit Ingenieuren und Wissenschaftlern, die persönlich oder intellektuell auch in Deutschland zu Hause sind, steigen natürlich die Chancen deutscher Unternehmen. Zwar mag es den Kataris oder Saudis fast egal sein, ob Chinesen oder Amerikaner, Südkoreaner oder Deutsche bei ihnen viel Geld mit dem Flughafen-, Eisenbahn- und Straßenbau verdienen. Ähnliche Projekte in ärmeren arabischen Ländern, die sich vielleicht schon kommendes Jahr vom wirtschaftlichen Einbruch des Jahres 2011 erholen werden, sind ohne viel Beratung und den Aufbau neuer Beziehungen zu den Entscheidungsträgern schwer realisierbar.

Mittelständler, die in Arabien Erfolg haben wie der Pharmahersteller Goehler in Jordanien, erzählen alle von ihrem guten persönlichen Draht zu Geschäftspartnern und Mitarbeitern. Fragt sich nur, ob das reicht, wenn die dramatische politische Entwicklung weitergeht. Während ihrer Berliner Tagung erfuhren die arabischen und deutschen Manager, dass Jordanien überraschenderweise bald dem Golf-Kooperationsrat GCC beitreten werde, dem Bündnis der Golf-Monarchien rund um Saudi-Arabien. Weil die GCC-Herrscher seit vielen Jahren von wirtschaftlicher Integration sprechen – vom gemeinsamen Binnenmarkt bis zur Währungsunion –, ohne dass jedoch viel passiert, kann der jordanische König kaum mit positiven wirtschaftlichen Folgen seines Beitritts rechnen. Eher schon mit dem Schutz durch die saudische Armee vor eventuellen Aufständen im eigenen Land, bezahlt mit einem Ende der vorsichtigen Verwestlichung seines Landes, in dem es viel liberaler und moderner zugeht als in Riad oder Abu Dhabi.

Arabien hat in diesem Jahr einen Frühling der Hoffnungen erlebt, sagt der Rechtsanwalt Florian Amereller, dessen Sozietät in Kairo und Dubai europäische Unternehmen vertritt: „Ich habe über islamisches Recht promoviert, aber hier geht es eher um das Klima: Auf den Frühling folgt in Arabien ein sehr heißer Sommer, in dem vieles verdorren kann.“

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