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Außenhandelskammer Deutsche Firmen in Japan: „Trotz Einbruchs keine Panik“

Ein Mann geht in dem fast menschenleeren Stadtteil Asakusa in Tokio spazieren. Quelle: dpa

Eine Umfrage unter deutschen Unternehmen in Japan zeichnet ein düsteres Bild. Marcus Schürmann, Geschäftsführer der AHK Japan, erklärt, warum die Coronakrise zum Katalysator für Wettbewerbsvorteile werden könnte.

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Eine Blitzumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Japan, die AHK Japan, unter den 400 deutschen Unternehmen im Land zeichnet ein düsteres Konjunkturbild. Aber die Krise könnte auch zum Katalysator für Wettbewerbsvorteile werden, sagt der Geschäftsführer der AHK Japan und Delegierter der deutschen Wirtschaft in Japan, Marcus Schürmann, im Interview.

Herr Schürmann, was sind die herausstechenden Ergebnisse Ihrer Blitzumfrage, die zwischen Montag und Mittwoch dieser Woche stattfand?
Bei unserer ersten Umfrage Mitte Februar waren die Unternehmen besonders mit Störungen der Lieferkette beschäftigt, weil damals das Coronavirus die Produktion in China beeinträchtigte. Anderthalb Monate später gibt es in Japan weiterhin relativ wenige Einschränkungen des wirtschaftlichen Alltags, aber dafür leiden die Unternehmen wegen ihrer Vernetzung mit dem Ausland unter den Rückwirkungen der Pandemieabwehr in Europa und nun in den USA. 55 Prozent der Befragten gaben an, ihr Umsatz sei bereits gesunken, und 52 Prozent berichteten von einer negativen Auswirkung auf Geschäfts- und Investitionsentscheidungen.

Marcus Schürmann, Geschäftsführer der AHK Japan und Delegierter der deutschen Wirtschaft in Japan. Quelle: PR

Und mit welchen Perspektiven blicken die Unternehmen nach vorne?
Drei von vier befragten Unternehmen erwarten einen Umsatzrückgang in diesem Jahr. Genauer gesagt: Mehr als 25 Prozent stellt sich auf ein Minus von bis zu 40 Prozent ein, einige befürchten einen Einbruch von bis zu 60 Prozent. Fast die Hälfte rechnet mit einem Rückgang um bis zu 20 Prozent.

Hatten Sie solche Zahlen erwartet?
Einerseits war ich überrascht, dass so viele Unternehmen so hohe Umsatzverluste erwarten. Andererseits ist es sehr erfreulich, dass keine Panik zu spüren ist. Wir beobachten, dass die Manager in einer sehr besonnenen und nach vorne gerichteten Weise agieren und sich besonders um die Gesundheit und das Wohlbefinden der Mitarbeiter bemühen.

Wie halten die Unternehmen den Betrieb und die Geschäfte denn am Laufen?
Wir haben in Japan keine Ausgangsbeschränkungen, sondern die Regierung verlässt sich auf freiwillige Maßnahmen. Laut unserer Umfrage haben 81 Prozent der Unternehmen für ihre Mitarbeiter das Arbeiten im Home Office – in Japan sagt man Telework – eingeführt. 56 Prozent ermöglichen mit superflexiblen Arbeitszeiten, dass ihre Mitarbeiter außerhalb der Rushhour ins Büro fahren können. Dann sind die Züge weniger voll und die Gefahr einer Ansteckung geringer. Weitere 22 Prozent haben ein zwischen Home Office und Büro alternierendes Modell eingeführt, damit sich nur halb so viele Mitarbeiter im Büro aufhalten und dadurch der räumliche Abstand größer sein kann.

Würden Sie sagen, dass deutsche Unternehmen auf diesem Feld sensibler und schneller reagiert haben als japanische Unternehmen?
Auf jeden Fall liegt dieses Verhalten ein Stück in der DNA der deutschen Unternehmerschaft begründet. Deutsche Arbeitgeber positionieren sich in Japan mit anderen Anreizen und Angeboten im Vergleich zu japanischen Unternehmen. Dazu gehören dann auch flexible Arbeitszeitmodelle. Insofern ist es den deutschen Unternehmen jetzt leichter gefallen, entsprechend zu reagieren.

In Deutschland kommt es für Hunderttausende von Arbeitnehmern zu Kurzarbeit. Wie reagieren die deutschen Unternehmen in Japan?
Interessanterweise gab es in der Umfrage einzelne Kommentare, dass Unternehmen gerade jetzt in die Personalentwicklung investieren, zum Beispiel in die Aus- und Weiterbildung. Die Umfrage zeigte, dass Kündigungen und Gehaltskürzungen als ein falsches Signal betrachtet werden und nicht zur Diskussion stehen. Natürlich hängt das auch mit der strengen Arbeitsgesetzgebung und dem Arbeitnehmerschutz in Japan unmittelbar zusammen. Vielmehr werden bei 20 Prozent Bonuszahlungen ausgesetzt, bei 15 Prozent wird der Abbau von kumuliertem Urlaub forciert. 24 Prozent der Befragten untersagen Überstunden.

Sie stehen in engem Kontakt mit den deutschen Unternehmen in Japan. Wie würden Sie die Reaktionen über die Umfrage hinaus zusammenfassen?
Ich sehe schon, dass diese Krise als Chance ergriffen wird, um stärker zu digitalisieren und neue Arbeitsformate auszuprobieren. Am Ende des Tages könnten sich die Firmen mit neuen, generalüberholten und weiterentwickelten Geschäftsmodellen im Markt positionieren. Digitalisierung hält spätestens jetzt mit einer enormen Geschwindigkeit Einzug in unseren Unternehmen. Die richtigen Schlussfolgerungen aus dieser durch COVID-19 ausgelösten Disruption werden die künftige Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens erheblich beeinflussen.

Haben Sie schon solche Lerneffekte beobachtet?
Als Folge dieser Krise könnten neue Wettbewerbssituationen entstehen, was andere Geschäftsmodelle erfordert. Die Lektion dieser Zeiten könnte weiter die Erkenntnis sein, dass das Tempo der Digitalisierung ein noch größerer Faktor im Wettbewerb werden wird. Wer ist in der Positionierung schneller, zum Beispiel, wenn es jetzt darum geht, den direkten Kontakt zum Kunden aufrecht zu erhalten und zu pflegen? Speed eliminates competition. Deutsche Unternehmen sehe ich dabei im Vorteil, weil japanische Unternehmen traditionell noch sehr papierbasiert sind und bei weitem nicht so digital und global vernetzt sind wie unsere Unternehmen.

Eine Herausforderung für deutsche Unternehmen besteht darin, dass ihr Standort Japan eine unterschiedliche Rolle in ihren Konzernen spielen. Wie können sie damit klarkommen?
In der Tat hängt die Herangehensweise an die aktuelle Lage, die ich bei vielen Managern beobachte, relativ stark vom Geschäftsmodell in Japan ab. Ist es auf die Beschaffung, den Vertrieb oder die Zulieferung des lokalen japanischen Marktes ausgerichtet? Oder zielt die Präsenz in Japan auf Kooperationspotenziale und Geschäfte mit Japanern in Drittmärkten?

Wie sieht es zum Beispiel mit den deutschen Automobilzulieferern in Japan aus? Diese Branche leidet ja besonders unter dem Produktionsstillstand.
Die Automobilzulieferer sind wegen ihres globalen Netzwerks besonders stark von der Ausbreitung des Virus betroffen. Erst kamen keine Teile aus China, da musste man sie woanders zu erhöhten Preisen beschaffen. Jetzt läuft China wieder an, aber in Deutschland sind die Werke geschlossen, so dass deutsche Teile nicht nach Japan kommen. Diese komplexe Lage erfordert ein sensibles und präzises Monitoring, um Engpässe frühzeitig zu erkennen.

Die Hauptstadt Tokio musste die Olympischen Spiele wegen Covid-19 auf 2021 verschieben. Droht auch der Asien-Pazifik-Konferenz der Deutschen Wirtschaft, die für Mitte Oktober in Tokio geplant ist, dieses Schicksal?
Bis dahin sind es noch mehr als sechs Monate. Deswegen stehen wir weniger unter Handlungsdruck als die IOC bei den Olympischen Spielen, so dass wir uns noch in den Beratungen befinden.

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