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Außenpolitische Allianzen Türkei nähert sich weiter Russland an

Erdogan wechselt sein Bündnispartner nach Belieben. Doch derzeit ist Putin für ihn fast alternativlos. Das könnte für Europa zum Problem werden.

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Istanbul Die Annäherung zwischen Türkei und Russland hat im Westen Ängste vor einem möglichen Bruch in der Nato geweckt. US-Präsident Donald Trump schrieb kürzlich auf Twitter, die Beziehungen zu Ankara seien „im Moment nicht sehr gut“. Die von ihm angeordneten Strafzölle schickten die türkische Lira auf Talfahrt.

Ob Zufall oder nicht: Präsident Recep Tayyip Erdogan telefonierte etwa zur gleichen Zeit mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin. Ergebnis: Die beiden kündigten eine engere Zusammenarbeit in den Bereichen Verteidigung, Energie und Handel an. Die neue Nähe zu Moskau ist nicht ohne Risiko.

Der flexible Partnerwechsel wird in Ankara aber immer mehr zum festen Muster. Hintergrund ist sicherlich auch die geografische Lage – an der Schwelle zwischen Europa und Asien, zwischen Westen und Nahem Osten. Im konkreten Fall ist es aber wohl vor allem ein Mangel an Alternativen.

Anders als mit der unterschwelligen Andeutung eines Bruchs der Allianz hat Erdogan in der aktuellen Krise kaum noch Chancen, sich bei Trump Gehör zu verschaffen. Aus Sicht der Türkei seien „die USA inzwischen eine größere Bedrohung als Russland“, sagt der Politikwissenschaftler Sener Aktürk von der Universität Koc in Istanbul.

Die aktuellen Spannungen machten Washington zu einem „Partner, der paradoxerweise auf Abstand gehalten werden muss“. Auch die Kooperationen mit Russland seien Teil dieses Balanceakts. Offiziell begründet werden die Strafzölle der USA mit dem Festhalten des amerikanischen Pastors Andrew Brunson durch die türkischen Behörden. Dies ist aber keineswegs der einzige Punkt, der die Beziehungen der beiden Staaten derzeit belastet.

In Syrien unterstützt Washington kurdische Rebellen, die von Ankara als Terroristen bezeichnet werden. Zugleich fordert Erdogan schon seit längerer Zeit die Auslieferung des in den USA lebenden muslimischen Predigers Fethullah Gülen, den er für den gescheiterten Putsch von 2016 verantwortlich macht.

In diesem diplomatischen Kontext dürfte zu bewerten sein, dass das Nato-Land Türkei bei der Bestellung eines neuen Raketenabwehrsystems ausgerechnet das russische Modell vom Typ S-400 wählte. Die Auslieferung ist für das kommende Jahr geplant. Von Seiten der Bündnispartner heißt es, das russische System sei nicht mit der Ausrüstung der Nato kompatibel und könne außerdem Sicherheitslücken verursachen.

Wegen der Unstimmigkeiten unterzeichnete Trump in diesem Monat ein Gesetz, das die Lieferung amerikanischer Kampfjets vom Typ F-35 an die Türkei auf Eis legt. Die Beziehungen zwischen Ankara und Moskau haben sich derweil seit 2015, als die türkischen Streitkräfte an der syrisch-türkischen Grenze ein russisches Militärflugzeug abschossen, erheblich verbessert.

Erdogan und Putin haben sich seit August 2016 mindestens elfmal persönlich getroffen. Der regelmäßige Kontakt führte unter anderem zur Wiederaufnahme eines Deals für eine Erdgas-Pipeline durch die Türkei und zu Plänen für den Bau eines russischen Atomreaktors in der Türkei.

Die Annäherung „demonstriert ein erhebliches Ausmaß an Pragmatismus in diesem Verhältnis“, sagt Anna Arutunjan, die im Moskauer Büro der Organisation International Crisis Group arbeitet. „Die Aussicht auf ein freundlich gesonnenes Nato-Mitglied ist für Moskau sehr bedeutsam“, betont sie. Auch im Rahmen der Strategie zur Steigerung des eigenen Einflusses im Nahen Osten spiele die Türkei eine wichtige Rolle.

In Syrien stehen die beiden Länder eigentlich auf unterschiedlichen Seiten. Russland ist dort, gemeinsam mit dem Iran, der wichtigste Verbündete des Regimes von Präsident Baschar al-Assad. Die Türkei hingegen unterstützt einige Rebellengruppen, die Assad bekämpfen. Doch auch hier zeigen sich inzwischen Ansätze der Kooperation.

Die Türkei hat ihre Forderung nach einem sofortigen Rücktritt Assads zurückgenommen; Russland akzeptiert Einsätze der türkischen Streitkräfte auf syrischem Boden gegen kurdische Extremisten. Ankara hat Moskau außerdem gebeten, Assad von einer großangelegten Militäroffensive in der Provinz Idlib abzuhalten, die direkt an der türkischen Grenze liegt.

„Im syrischen Kontext sind Russland und die Türkei aufeinander angewiesen“, sagt Aaron Stein von dem US-Institut Atlantic Council. Er gehe aber davon aus, dass Russland hier am Ende die Oberhand bewahren und die Türkei im Rahmen der Annäherung von der Unterstützung der Rebellen abbringen werde. Weitere Interessenkonflikte bestehen etwas weiter nördlich, am Schwarzen Meer.

Der Krieg zwischen Russland und Georgien vor zehn Jahren, die Annexion der Krim im Jahr 2014 und die anhaltenden Militäroperationen im Osten der Ukraine haben den türkischen Einfluss in der Region geschwächt. Als Reaktion hat die Nato inzwischen ihre Präsenz im Bereich des Schwarzen Meeres verstärkt.

„Am Schwarzen Meer macht die russische Expansion das Nato-Bündnis für die Türkei immer wichtiger“, hieß es im Juni in einem Bericht der Crisis Group. Betont wurde darin, dass Ankara sogar den jahrzehntealten Grundsatz, die westlichen Verbündeten aus der Region fernzuhalten, aufgegeben habe.

Gerade an diesem Beispiel zeigt sich das, was der Politikwissenschaftler Aktürk als Ko-Existenz von „À-la-carte-Allianzen“ beschrieben hat - eine Strategie, bei der sich Ankara mal an den Westen und mal an Russland wendet, je nachdem, was gerade auf der Tagesordnung steht.

Insofern ist kaum abzusehen, ob Erdogans Kuschelkurs mit Putin von Dauer sein wird. Womöglich werden ihn die globalen und regionalen Entwicklungen schon bald zu einem erneuten Umschwenken bewegen.

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