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Bilanzrezession Warum Japan mehr Schulden braucht

Die Volkswirtschaften Europas ächzen unter immensen Schuldenlasten. In Japan hingegen zahlt der Privatsektor seit Jahren seine Schulden zurück. Das hat dem japanischen Ökonom Richard C. Koo zufolge fatale Folgen.

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Laut Richard C. Koo, Chefvolkswirt des Nomura Research Institutes in Tokio, hat Japan höhere Schulden dringend nötig. Quelle: dpa

Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise traf Japan mit einer kleinen Verzögerung. Das lag vor allem daran, dass die Finanzinstitute im Land sich kaum an den spekulativen Geschäften auf dem US-amerikanischen Finanzmarkt beteiligt hatten. Seit die Krise sich allerdings auch auf die Realwirtschaft niedergeschlagen hat, ist die japanische Wirtschaft stark geschrumpft.

Richard C. Koo, Chefvolkswirt des Nomura Research Institutes in Tokio, erklärte auf einer Veranstaltung der Fondsgesellschaft DWS, sein Heimatland befinde sich seit Jahren in einer sogenannten Bilanzrezession (balance-sheet recession) - und deshalb seien höhere Schulden dringend nötig. In seiner Theorie einer Bilanzrezession gerät die Wirtschaft ins Stocken, wenn der Privatsektor keine Schulden mehr macht, sondern vielmehr Schulden abbaut. Nun rät er Europa, nicht die Fehler Japans zu wiederholen.

Zehn Vorurteile über Japan - und die Wahrheit
Japan ist nicht Asien!Als Inselreich gehört Japan selbst geografisch nicht hundertprozentig zu Asien. Und kulturell auch nur eingeschränkt. Wer Japan kennt, kann also nicht sagen, dass er Asien kennt. Das liegt vor allem daran, dass sich Japan zwischen dem frühen 17. Jahrhundert und 1854 fast völlig von Asien und dem Rest der Welt abkapselte. Nur über die kleine niederländische Handelsstation Dejima (Bild) im Hafen von Nagasaki wurden Waren und Informationen ausgetauscht. Aber Japan blieb dadurch auch verschont von westlichem Kolonialismus. Nach der Meiji-Restauration 1868 modernisierte sich Japan in atemberaubender Geschwindigkeit und wurde selbst zu einer in Asien expandierenden Großmacht. Quelle: Gemeinfrei
Japaner und Chinesen haben nicht dieselbe SchriftDie japanische Schrift ist eine einzigartige Mischung. Eigennamen werden zum Großteil mit chinesischen Schriftzeichen – Kanji – geschrieben. Die Japaner nutzen etwa 2000 dieser Zeichen.  Einige Wörter und vor allem Endungen und Partikel werden in der Lautschrift Hiragana geschrieben. Für die immer zahlreicher werdenden Fremdwörter nutzen Japaner eine eigene Silbenschrift: Katakana. Quelle: Fotolia
Japaner sprechen nicht von „Samurai“Der Begriff wird eher im Westen verwendet. Japaner sprechen meist von „Bushi“, wenn sie die Krieger des alten Japans meinen. Der Ehrenkodex der Krieger hieß daher „Bushidô“, also „Weg des Kriegers“. Mit einem gewissen Rapper der Gegenwart hat das überhaupt nichts zu tun. Quelle: Fotolia
Geishas sind keine ProstituiertenJapans Kurtisanen sind bewandert in allen schönen Künsten, oft mehrerer Sprachen mächtig und vor allem redegewandt. Sie lachen, scherzen, tanzen, musizieren und bewegen sich äußerst gekonnt, lassen dezent Haut blitzen oder auch nicht und verwöhnen den Gast mit erlesenen Gerichten und Alkoholika. Sie sind ein Stück japanische Tradition aber keinesfalls Prostituierte - das waren sie auch früher nicht. Quelle: dpa
In Japan gibt es ausgezeichnetes BierDas traditionelle japanische alkoholische Nationalgetränk ist "Sake". Ein milder Reiswein, der im Winter heiß, im Sommer kalt genossen wird. Seit der Öffnung des Landes im 19. Jahrhundert und dank der Unterrichtung durch deutsche Braumeister hat sich aber immer mehr das Bier als eigentliches Nationalgetränk im Alltag durchgesetzt. Vor allem zu Sushi passt Bier am besten. Quelle: AP
Anime und Manga sind kein KinderkramAnimationsfilme und japanische Comics haben sich längst auch bei erwachsenen Japanern durchgesetzt. Viele sind thematisch auch ganz und gar nicht für Kinder gedacht. Sie sind der größte Kultur-Export-Schlager Japans, nicht zuletzt in Deutschland. Die Wurzeln des Manga sind in der alten japanischen Holzschnittkunst zu suchen, den ukio-e. Quelle: dpa
Japaner lächeln nicht immerEs stimmt schon, Japan ist ein Land des Lächelns. In Geschäften, in Restaurants wird man als Kunde wohltuend freundlich behandelt, selbst bei unfreundlichen Anlässen. Aber wer mehr als ein paar Touristentage in Japan verbringt, wird schnell auch japanische Härte und sogar Unfreundlichkeit erleben. Japanische Zollbeamte zum Beispiel kennen kein Lächeln. Einen lächelnden Sumo-Ringer wird man auch nur selten finden – zumindest nicht beim Kampf. Quelle: REUTERS

Der Hintergrund: Während Japans Privathaushalte seit 1981 konsequent sparten, hatten sich die Unternehmen im Zuge des Immobilienbooms der 1980er Jahre stark verschuldet. Als 1990 schließlich die Immobilienblase platzte, riss auch das wirtschaftliche Wachstum des Landes ab. Die japanischen Unternehmen reduzierten ihre Kreditaufnahmen drastisch. Anstatt weiterhin geliehenes Geld zu investieren, begannen sie damit, ihre Schuldenberge Stück für Stück abzubauen. So wurden nach den privaten Haushalten auch die Unternehmen zu Nettosparern.

Trotz niedriger Zinsen, war der Privatsektor nach dem Platzen der Immobilienblase nicht mehr bereit, sich neu zu verschulden. Stattdessen gingen Haushalte und Unternehmen dazu über, ihre eigenen Schulden zurückzuzahlen, um ihre Bilanzen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Laut Koo änderte auch die Nullzinspolitik seitens der japanischen Notenbank seit dem Jahr 2000 nichts am eisernen Rückzahlungswillen. "Die Unternehmen vermeiden Kreditaufnahmen, weil sie 15 Jahre lang einen schwierigen Prozess des Schuldenabbaus durchgemacht haben. Sie wollen nie wieder einen Banker sehen", erklärt Koo die Mentalität vieler seiner Landsleute.

Neue Schulden wollte im Privatsektor also niemand mehr machen. Nachdem schließlich auch die Exporte weitgehend eingebrochen und die Kapitalimporte ausgeblieben sind, ist der Geldfluss stark gefährdet. Kernproblem der japanischen Wirtschaft ist also nicht wie etwa in Europa die horrende Überschuldung von Privathaushalten, Unternehmen und Staaten. Vielmehr fehlt in Japan die Bereitschaft, neue Schulden zu machen und Investitionen zu tätigen. Der einzige Grund, weshalb Unternehmen ihre Schulden trotz niedriger Zinsen zurückzahlen, sei eine Überschuldung. In diesem Fall, so Koo, müsse der Staat als Schuldenmacher einspringen, um die Liquidität im Land zu sichern.

Japans Lage

Die Geldpolitik der Notenbanken bliebe in einer Bilanzrezession folglich weitgehend wirkungslos. Ohne Japaner, die Kredite wollen, funktioniere die Geldtransmission in die Wirtschaft nicht. Vielmehr sei hier eine gezielte Finanzpolitik der Regierungen gefordert. Der Kurs von Premierminister Shinzo Abe erscheint daher nach Koo's Argumentation im Ansatz richtig zu sein: Durch gezielte Strukturreformen will Abe den Anreiz für das Geldleihen und Investieren wieder erhöhen. So sollen das Leasing gefördert, und die für Kredite bezahlten Zinsen steuerlich absetzbar werden. Darüber hinaus strebt die Regierung eine Öffnung des japanischen Marktes und regionale Partnerschaften mit Nachbarländern im Energie-, Gesundheits- und Umweltbereich an.

Was kann Europa lernen?

Wie in Zentralbanken hineinregiert wird
Europäische Zentralbank (EZB)"Das vorrangige Ziel ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten", heißt es in Artikel 105 des Maastricht-Vertrags. Zwar soll die EZB auch für Stabilität an den Märkten sorgen und die Wirtschaftspolitik der EU unterstützen. Das allerdings nur, wenn dadurch das Ziel der Preisstabilität nicht beeinträchtigt wird. Diese klare Abgrenzung hat anfangs funktioniert. Seit der Euro-Krise jedoch ist die Geldpolitik Teil der EU-Wirtschaftspolitik. Die EZB begründet ihre Eingriffe mit ihrem Mandat der Marktstabilität und behauptet, dass hierdurch die Geldwertstabilität nicht gefährdet sei. Quelle: dapd
Europäische Zentralbank (EZB)Auch wenn EZB-Chef Mario Draghi früher bei Goldman Sachs arbeitete, besitzen private Banken bei der Zentralbank keine direkte Mitsprache. Das EZB-Kapital von 5,76 Milliarden Euro liegt bei den 27 Notenbanken der EU, die sich – bis auf ein paar Anteile der österreichischen Nationalbank – in öffentlichem Besitz befinden. Die Euro-Finanzminister wählen die Mitglieder des sechsköpfigen Direktoriums per Mehrheitsentscheid, die Regierungschefs bestätigen die Wahl. Auch das EU-Parlament darf mitreden. Vergangene Woche lehnten die Abgeordneten die Nominierung des angesehenen Luxemburger Nationalbankpräsidenten Yves Mersch für einen Sitz im EZB-Direktorium ab. Einziger Grund: sein Geschlecht. Sharon Bowles, Vorsitzende des Währungsausschusses: "Wir sind dagegen, dass die mächtigste Institution der EU ausschließlich von Männern geleitet wird." Quelle: dapd
Bank of England (BoE)Die "Old Lady" von der Londoner Threadneedle Street ist die älteste Notenbank der Welt. Doch erst 1997 wurde sie nach dem Vorbild der Deutschen Bundesbank in eine – relative – politische Unabhängigkeit entlassen. Der Einfluss der Politik ist geblieben: Der britische Schatzkanzler gibt der Notenbank ein konkretes Inflationsziel von 2,0 Prozent vor. Wird dieses Ziel verfehlt, muss der Notenbankchef dies gegenüber der Regierung rechtfertigen. Quelle: REUTERS
Bank of England (BoE)Am meisten leidet die Unabhängigkeit der BoE aber dadurch, dass sie mit Aufgaben zugeschüttet wird. Die BoE muss sich nicht nur um eine stabile Währung, sondern auch um die Konjunktur und Stabilität des Finanzsektors kümmern, im nächsten Jahr kommt die Bankenaufsicht hinzu. Zudem ist die persönliche Unabhängigkeit mancher Mitglieder im Zentralbankrat fraglich: Ben Broadbent etwa arbeitete vor seiner Zeit bei der BoE jahrelang für Goldman Sachs. Zuvor war schon sein Kollege David Robert Walton, Chefökonom von Goldman Sachs in Europa, Mitglied im Zentralbankrat geworden. Bis Ende August 2012 saß dort zudem mit Adam Posen ein Geldpolitiker, der enge Verbindungen zu Starinvestor George Soros pflegt. Quelle: dpa
Federal Reserve System (Fed)Die amerikanische Fed – ein Hort politischer Unabhängigkeit? Mitnichten. Die unter einem Dach zusammengeschlossenen zwölf regionalen US-Zentralbanken gehören 3000 privaten Instituten, darunter Großbanken wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley. Die Geldhäuser können direkt bei der Geldpolitik mitmischen, denn sie bestimmen die Direktoren der regionalen Fed-Ableger. Die Direktoren sind an der Wahl der regionalen Fed-Präsidenten beteiligt – und von diesen wiederum sitzen einige im Offenmarktausschuss, dem wichtigsten Gremium der Notenbank, das über die Geldpolitik der USA entscheidet. Der amerikanische Kongress hat der Zentralbank drei Ziele gesetzt, die nicht unbedingt miteinander harmonieren: Die Fed soll die Preise stabil halten, so viele Arbeitsplätze wie möglich garantieren und die Zinsen möglichst niedrig halten. Quelle: REUTERS
Federal Reserve System (Fed)Die Regierung darf den Währungshütern zwar nicht ins Tagesgeschäft hineinreden, aber Zentralbankpräsident Ben Bernanke muss dem Parlament regelmäßig Rede und Antwort stehen. Sollte es anhaltende Konflikte zwischen Fed und Politik geben, kann der Kongress die Unabhängigkeit der Fed beschneiden. Jüngste Debatten ließen darauf schließen, "dass es breite Unterstützung für Restriktionen geben könnte, wenn der Kongress mit der Fed-Politik nicht zufrieden ist", warnt der renommierte US-Ökonom Martin Feldstein. Die Notenbank stehe vor einem Dilemma: "Strafft sie die Geldpolitik, um die Inflation einzudämmen, riskiert sie Gegenmaßnahmen des Kongresses, die ihr die künftige Inflationsbekämpfung erschweren." Quelle: dapd
Bank of Japan (BoJ)Auf dem Papier ist die BoJ unabhängig, aber der politische Druck steigt. Mittlerweile ist es zur Regel geworden, dass ranghohe japanische Politiker offen drohen, das Notenbankgesetz zu ändern, falls die BoJ ihre Geldpolitik nicht noch stärker lockert. Was die Ankäufe von Fremdwährungen betrifft, um den Auftrieb des Yen abzumildern, handelt die Notenbank bereits im Auftrag der Regierung. Quelle: REUTERS

Japan, erklärt Koo, ist heute eine Nation mit einem Handelsdefizit und dramatisch verschlechtertem Außenhandel. Allerdings hoffen viele Unternehmen, dass sie sich mit einem aktuell niedrigeren Wechselkurs wieder in den Markt zurückkämpfen können. Es sei eine Aufbruchstimmung in Japan festzustellen, wie es sie seit vielen Jahren nicht gegeben habe, konstatiert Koo. Jetzt fließe zudem Geld zurück nach Japan, weil Investitionen dort als wieder interessanter angesehen werden.

Koo gehörte zu denen, die 1997 davor gewarnt hatten, Kredite in Japan zu kürzen, um die Deflation zu verhindern. Nun rät er der Eurozone, jetzt nicht den Fehler Japans zu wiederholen – denn er führte Japan in eine lange Krise.

Obwohl in Japans Krise die Arbeitslosigkeit nie über 5,5 Prozent stieg und die Hälfte aller Unternehmen in Japan derzeit schuldenfrei ist - was bei Null Prozent Zinsen Quatsch ist -, ging in der Krise ein enormes Vermögen verloren. Seit 1990 verloren die japanischen Haushalte 87 Prozent ihres Vermögens aus Aktien und Immobilien. Die japanischen Großanleger waren bislang nicht überzeugt, dass Japan seine Probleme lösen wird und sind deshalb auch nicht in den Aktienmarkt eingestiegen.

Jetzt gibt es aber etwas Angst bei der Bevölkerung, dass ihre Anleiheinvestitionen im Kurs verlieren könnten. Sie verkaufen seit Mitte April Anleihen, beobachtet der Ökonom. Denn manche erwarten, dass die von Premierminister Abe eingeleiteten Konjunkturprogramme tatsächlich das Land aus der Deflation führen können. Abe sei anders als die Vorgänger, sagt Koo. Der neue Premierminister Japans hat sich intesiv damit beschäftigt, was bei bisherigen Stimulierungen falsch gelaufen war und will es jetzt besser machen. So will er etwa Leasing interessanter machen und für Kredite gezahlte Zinsen steuerlich absetzbar machen. Abes Strukturreformen sind Koo zufolge viel fokussierter als seiner Vorgänger.

Um Kreditvergabe und Investitionen zu unterstützen, will er etwa den Energie- , Gesundheits- und Umweltbereich deregulieren. Zudem strebt Japan regionale Partnerschaften mit Nachbarländern an, um den japanischen Markt zu öffnen.

Was kann Europa aus Japans langer Krise lernen?

Ausland



Aus Sicht des Japaners ist es unverständlich, dass die Eurozone als gemeinsame Währungszone so verschiedene Staatsanleihen ausgibt. Eigentlich hätten die Spanier sogar genug Geld, sich selbst zu finanzieren, dann müssten die Nachbarstaaten gar nicht so stark helfen. Sie müssten die Spanier vielmehr dazu animieren das Geld im Lande zu lassen. Experten müssten identifizieren, wo beispielsweise in Spanien ein staatlicher Anreiz angemessen wäre, damit das Geld nach Spanien zurückkommt.

Einen Vorwurf macht Koo auch gegenüber Deutschland: 2005 hätte die Regierung mehr Geld ausgeben müssen, um die eigene Wirtschaftsschwäche zu überwinden. Dann hätte die Europäische Zentralbank die Zinsen nicht so stark senken müssen. Damals behinderten die Maastricht Schuldenkriterien Deutsche Ausgaben. Aus Sicht des japanischen Ökonomen Koo war die ein fataler Fehler.

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