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Bill Gates Deutschland soll mehr Entwicklungshilfe leisten

Afrika ein Fass ohne Boden? Nein, sagt Microsoft-Gründer und Milliardenspender Bill Gates, es gibt enorme Erfolge. Damit es so weiter geht, erwartet er von Deutschland noch etwas mehr.

Milliardär und Philanthrop Bill Gates Quelle: dpa

Er ist der reichste Mann der Welt, aber auch einer der spendabelsten. Milliarden Dollar hat Bill Gates schon gespendet, um die Not der Ärmsten der Welt zu lindern. Eine unendliche Geschichte? Keineswegs. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur sagt der Microsoft-Gründer, dass die Welt enorme Fortschritte gemacht habe - und das Beste noch kommen könnte.

Mr. Gates, Sie erwarten für die nächsten 15 Jahre eine deutliche Verbesserung des Lebensstandards von Millionen, vielleicht sogar Milliarden Menschen. Was sind die Eckpunkte ihrer Prognose?

Bill Gates: Vor 15 Jahren wurden die Jahrtausendziele der Vereinten Nationen formuliert und auch unsere Stiftung gegründet. Deshalb ist es jetzt eine gute Gelegenheit, 15 Jahre zurück und vor allem auch 15 Jahre voraus zu schauen. Auf das, was wir gelernt haben und was wir erwarten können. Auch die Vereinten Nationen wollen ja im September das Nachfolgeprogramm für Ihre Jahrtausendziele verabschieden. Und ich will jede Gelegenheit nutzen, um den Menschen zu erklären, was für großartige Erfolge geschafft wurden, trotz solcher Katastrophen wie Ebola und Erdbeben und Fluten. Das beherrscht zwar die Schlagzeilen, aber Tag für Tag, Schicksal für Schicksal, haben sich die Leben von vielen Millionen Menschen dramatisch verbessert.

Zum Beispiel?

Noch 1990 sind 13 Millionen Kinder gestorben, bevor sie fünf Jahre alt wurden. Jetzt sind es weniger als 6,5 Millionen. Wir haben diese Zahl halbieren können! Wenn wir in der Zeitung lesen, diese Flut oder dieses Erdbeben hat 3000 Menschen getötet, dann ist das eine Tragödie, ohne Frage. Aber wir konnten das Leben von 6,5 Millionen Kindern retten. 6,5 Millionen!

Wo Mütter richtig schlecht leben
Somalia (Rang 178)Gewalt, Konflikte und Naturkatstrophen – am schwersten treffen sie die Ärmsten. Somalia befindet sich mit Rang 178 auf dem untersten Platz des Welt-Mütter-Reports von der Kinderrechtsorganisation „Save the Children“. Mangelernährung und Infektionskrankheiten sind in dem afrikanischen Staat weit verbreitet. Die Mehrheit der Bevölkerung hat nicht einmal Zugang zu sauberem Trinkwasser, geschweige denn medizinischer Versorgung. Das Sterberisiko von Müttern und ihren Kindern ist deshalb gerade in fragilen Umfeldern besonders hoch. In Somalia liegt die Säuglingssterblichkeit 2014 bei 100,14 von 1.000 Geburten. Die Bewertungsgrundlagen des jährlichen Reports sind die Gesundheit von Müttern, Kindersterblichkeit, Einkommen, Schulbildung und der gesellschaftliche Status von Frauen. Quelle: dpa
Demokratische Republik Kongo (Rang: 177)In der demokratischen Republik Kongo wurden Frauen und Kinder während des Bürgerkrieges schrecklich misshandelt. Doch die Todesraten sind außerhalb der Konfliktzonen fast ebenso hoch wie in den Krisengebieten. Denn die meisten Menschen in der DR Kongo sterben an Malaria, Lungenentzündungen, Durchfallerkrankungen oder Mangelernährung. Todesursachen also, die mit der richtigen medizinischen Versorgung behandelbar und damit vermeidbar wären. Aber in vielen Gesundheitseinrichtungen fehlen gut ausgebildete Fachkräfte und medizinisches Versorgungsmaterial. Selbst Strom und Wasser sind dort zum Teil rar. Besonders hart treffen die Krankheiten Kinder. Nahezu die Hälfte von ihnen stirbt vor ihrem fünften Geburtstag. Doch in der DR Kongo gibt es Hoffnung auf bessere Umstände. Beispielsweise unterstützen lokale Nichtregierungsorganisationen Vergewaltigungsopfer in Krisengebieten und bieten medizinische Versorgung an. Quelle: dpa
Mali (Rang: 175)Auch Mali befindet sich unter den letzten zehn Ländern des Welt-Mütter-Rankings. Obwohl die Regierung sich mittlerweile dagegen einsetzt, werden fast alle Mädchen des westafrikanischen Staats beschnitten. Oftmals werden dafür bloß unsterile, grobe Werkzeuge verwendet und der Eingriff wird ohne Betäubung durchgeführt. Für die Mädchen bedeutet das lebenslange Schmerzen und Qualen. Die Säuglingssterblichkeitsrate ist in Mali ebenfalls besonders hoch. Sie liegt bei 104,34 von 1.000 Geburten. Quelle: REUTERS
Guinea-Bissau (Rang: 174)Sie tragen bunter T-Shirts mit leuchten Farben, doch die Gesichter der Frauen aus Guinea-Bissau malen ein anderes Bild der Realität. Die medizinische Versorgungslage des afrikanischen Staates ist schlecht. Es gibt zu wenig Ärzte, die Lebenserwartung liegt bei knapp 50 Jahren und von 1000 Geburten sterben rund 91 Kinder vor ihrem ersten Lebensjahr. Im Bild erklärt ein Soldat den Frauen gerade, wie sie ihre Hände mit dem lokalen Desinfektionsmittel aus Chlorbleiche waschen müssen. Der Anfang einer dauerhaften Veränderung der Lebenssituation in den fragilen Staaten besteht laut dem Welt-Mütter-Report in einer Stabilisierung der staatlichen Situation und zugänglicheren Gesundheitssystemen. Quelle: dpa
Zentralafrikanische Republik (Rang 173)Gegen Krankheiten wie Malaria, Lepra und die Schlafkrankheit hat das Gesundheitssystem des Binnenstaates keine Chance. Ein Großteil der Bevölkerung ist zudem mit HIV infiziert. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist entsprechend gering. Sie liegt 2014 bei nur 51,35 Jahren. Das größte Risiko für Mütter und Kinder liegt in Afrika. Fast ein Drittel aller Weltkindstode fällt laut dem Welt-Mütter-Report auf die unsicheren Regionen in West- und Zentralafrika. Quelle: dpa
Sierra Leone (Rang: 172)Von 1999 – 2000 herrschte in Sierra Leone Bürgerkrieg. Selbst vor dem Einsatz von Kindersoldaten wurde in dieser Zeit nicht zurückgeschreckt. Nach dem Bürgerkrieg zeichneten sich in Sierra Leone allerdings positive Entwicklungen an. 2009 beschrieb Amnesty International die Sicherheitslage als stabil. Im Bericht von 2012 wies Amnesty International jedoch auf die noch immer schwierige Situation von Frauen in Sierra Leone hin. Schlechte medizinische Versorgung für Mütter und Gewalt gegen Frauen und Mädchen seien weit verbreitet. Quelle: AP
Nigeria (Rang: 171)In Nigeria wurden erst kürzlich über 200 Mädchen entführt. Die Entführer sind offenbar Mitglieder der Terrorgruppe Boko Haram. Ihr Anführer, Abubakar Shekau, hat damit gedroht, die Mädchen zu verkaufen. Grund für die Entführung ist vermutlich, dass die Mädchen keine Ausbildung erhalten sollen. Die Frauen protestieren für die Schülerinnen. Der dramatische Vorfall zeigt, wie instabil Nigeria noch immer ist und dass Frauenrechte dort noch längst keine Selbstverständlichkeit sind. Quelle: AP

Wie war das möglich?

Es ist besonders darauf zurückzuführen, dass es neue Impfstoffe gibt und vor allem darauf, dass sie nicht mehr nur der reichen Welt vorbehalten sind. Tatsächlich konnten wir sie da einsetzen, wo sie am dringendsten gebraucht wurden. In der nächsten Woche ist dazu eine wichtige Konferenz in Berlin und ich bin sehr stolz, dass unsere Stiftung entscheidend dazu beitragen kann. Wir konnten dafür sorgen, dass die Hersteller absolute Niedrigpreise ansetzen und so auch die ärmsten Menschen versorgt werden können, vor allem natürlich Kinder. Und auf der Konferenz in Berlin mit Kanzlerin Angela Merkel wollen wir dafür sorgen, dass die Finanzierung für die nächsten fünf Jahre festgezurrt wird. Wir erwarten 7,5 Milliarden Dollar und damit könnte man die Ärmsten der Welt wirkungsvoll impfen. Damit wollen wir die Zahl der Kinder, die nicht einmal ihren fünften Geburtstag erleben, in den nächsten 15 Jahren noch einmal halbieren.

Das klingt sehr ambitioniert. Wie wollen Sie das erreichen?

Das geht nur durch eine Mischung von Ideen. Wir brauchen mehr Ressourcen. Da hoffe ich, dass die reichen Länder noch etwas spendabler werden und auch die Wirtschaftsentwicklung mitspielt. Alle Länder sollten 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens für Entwicklungshilfe geben, wie es Großbritannien zum Beispiel schon tut. Ich erwarte von den Regierungen in den Nehmerländern, dass sie ihre Steuersysteme effizienter machen. Und denken Sie an China, Mexiko, Brasilien und gerade Südkorea. Das waren alles Länder, die auf Spenden angewiesen waren. Sie sind in gar nicht so langer Zeit zu Ländern geworden, die keine Hilfe mehr brauchen. Und die Spenden von Privaten, von Philanthropen, werden wichtig bleiben, ihre Bedeutung wird aber nicht einmal in die Nähe der anderen Faktoren kommen.

Welche Rolle spielen Bildung und Forschung?

Eine enorme Rolle, vielleicht die Hauptrolle. Selbst in armen Ländern wachsen die Kommunikationstechnologien rasant und bedeuten enorme Chancen für die Menschen dort. Unsere Stiftung ist der größte finanzielle Unterstützer von Bildungssoftware, weil wir glauben, dass sie eine Schlüsselrolle spielen wird. Das geht vom ABC-Lernen bis zur Ausbildung von Krankenschwestern oder Ingenieuren. Die Erfahrung in so vielen Ländern zeigt, dass eine Verbesserung des Bildungssystems einen enormen Schub für das ganze Land bedeutet.

Wirtschaftsdaten ausgewählter Länder in Afrika

Es scheint aber nach wie vor so, als würden die Nehmerländer zur Passivität verurteilt sein. Die Entscheidungen, wo und in was investiert wird, werden offenbar nicht am Ort selbst getroffen.

Nein, wenn Sie diese Länder für passiv halten, irren Sie gewaltig. Die Bildungs- und die Gesundheitssysteme, die sind alle afrikanisch. Ja, es ist richtig, viele dieser Länder mussten warten, bis sie selbst aktiv werden konnten. Aber zum Beispiel die Männer und Frauen, die die Kinder impfen - das sind Afrikaner. Bei einer Katastrophe wie Ebola, da kommen Kubaner, Amerikaner, Deutsche und andere. Aber die tägliche Arbeit, das ist ganz afrikanisch. Wir sollten sie nur mit der Möglichkeit versorgen, handeln zu können. Wie gut das klappt zeigt Ruanda. Obwohl es eines der ärmsten Länder ist, hat es ein hervorragendes Gesundheitssystem aufgebaut. Ich hoffe, andere kopieren das, natürlich angepasst auf ihre Bedürfnisse.

Da ist aber noch der politische Faktor. Schließlich müssten sich alte Traditionen und Religionen verändern. Erwarten Sie nicht viel Widerstand gegen einen solchen Wandel?

Ich denke nicht, dass es eine Kultur gibt, die das Leben ihrer Kinder riskiert oder in Kauf nimmt, dass sie an Kinderlähmung erkranken. Wenn der Wohlstand in Staaten wächst, wächst nach aller Erfahrung auch die Qualität von Regierung und Verwaltung und die Autorität der Zentralgewalt. Die Korruption sinkt, Infrastruktur und Bildung verbessern sich. Deshalb müssen wir solchen Ländern helfen, auf genau diesen Weg zu kommen. Das hat in Asien und Lateinamerika ganz hervorragend funktioniert. Das geht nicht von jetzt auf gleich, aber es ist trotzdem ein stetiger Fortschritt. Und irgendwann werden aus den Nehmer- auch Geberländer. Das Extrembeispiel ist Südkorea, dass heute zu denen Ländern mit den höchsten Einkommen zählt.

Mr. Gates, Sie spenden viel, aber Sie sind ohne Frage auch ein reicher Mann. Was können Menschen mit einem normalen Einkommen tun?

Das muss jeder für sich entscheiden. Es gibt ja das religiöse Gebot, zehn Prozent seines Geldes zu spenden. Aber ehrlich gesagt geht es mir oft gar nicht so sehr um das Geld, sondern um Aktivität. Wir wollen wache Menschen haben, die sich für die Welt interessieren. Und irgendwann werden sie merken, dass sie auf einem Gebiet, sei es Medizin oder Bildung oder was auch immer, helfen können. Und dann werden sie vielleicht aktiv in einer Hilfsorganisation oder sie reisen in diese Länder und überzeugen sich von den Fortschritten dort. Dann kommt man in ein Dorf, in dem es keine Moskitonetze für die Betten gibt. So ein Ding kostet fünf Dollar, kann aber Leben retten. Dann spendet man eine vergleichsweise geringe Summe, aber mit einer enormen Wirkung.

Wo sehen Sie Deutschland? Tut das Land genug?

In Arbeit
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Ich bin den Deutschen für ihre Großzügigkeit sehr dankbar. Sie haben so viel Geld für den Global Fund gespendet und das war einfach fantastisch. Vor allem, weil es andere Länder animiert hat, dem deutschen Beispiel zu folgen. Auch Kanzlerin Merkel ist eine sehr wichtige Unterstützerin. Aber ja, ich wäre natürlich dankbar, wenn Deutschland jetzt mit der wachsenden Wirtschaft seinen Anteil der Entwicklungshilfe am Bruttonationaleinkommens von 0,4 auf 0,7 Prozent steigern würde. Denn viele schauen auf Deutschland und Deutschland ist sehr glaubwürdig. Deshalb wäre das ein tolles Beispiel, was auch andere Länder animieren würde.

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