Börse Kurzer Schlag für die Aktienmärkte

Die Intervention auf der Krim hat die Märkte nur kurz geschockt. Doch für eine allgemeine Entwarnung ist es zu früh.

Frankfurter Börse Quelle: REUTERS

Es dauerte ein paar Tage, bis die Masse der Marktteilnehmer an den Börsen begriff, was sich da am Nordufer des Schwarzen Meeres zusammengebraut hatte: Am Freitag vorvergangener Woche gab der deutsche Leitindex Dax plötzlich merklich nach, scheinbar ohne Grund. Bis dahin hatten die Börsen die Krise in der Ukraine wochenlang geflissentlich ignoriert. Denn die dortige Wirtschaft ist klein; es gibt wenig Direktinvestitionen. Doch Montag vergangener Woche folgte, quasi mit Ansage, der Crash: Der Dax verlor 3,4 Prozent – der stärkste Tagesverlust seit dem Höhepunkt der Euro-Krise im Sommer 2012. Auch die Börsen in New York und London gaben nach. Doch die Verluste dort hielten sich mit jeweils gut einem Prozent in Grenzen; inzwischen hat der US-Aktienindex S&P 500 mit seinem Anstieg auf über 1850 Punkte sogar ein neues Kaufsignal gegeben.

Dass deutsche Aktien stärker unter Druck gerieten als andere, ist kein Zufall: Die deutsche Wirtschaft ist – neben der Österreichs, Finnlands und der Niederlande – von allen EU-Ländern am stärksten mit der russischen verflochten. Während die USA 2013 nur Waren und Dienstleistungen im Wert von rund 38 Milliarden Dollar mit Russland handelte, summierte sich das Handelsvolumen mit der EU auf 280 Milliarden Dollar. Russland ist nach China und den USA damit der drittwichtigste Handelspartner der EU.

Wie sich Anleger gegen steigende Energiepreise wappnen

Die derzeit konkreteste Gefahr für Aktien, besonders die deutschen, sind die von den USA geforderten Wirtschaftssanktionen. Die träfen die deutsche Börse hart – nicht ohne Grund laufen Verbände und Konzernführer dagegen Sturm.

Für viele deutsche Exportunternehmen ist Russland ein wichtiger Abnehmer. Vor allem Chemie- und Maschinenbauunternehmen haben viele russische Kunden. Sanktionen und die zu erwartende russische Retourkutsche träfen nicht diejenigen, die sie am lautesten fordern (USA), sondern vor allem deutsche Firmen und dort die energieintensiven Branchen wie Stahl und Chemie.

Wo deutsche Unternehmen in Russland aktiv sind
E.On-Fahnen Quelle: REUTERS
Dimitri Medwedew und Peter Löscher Quelle: dpa
Dem Autobauer bröckelt in Russland die Nachfrage weg. Noch geht es ihm besser als der Konkurrenz. Martin Winterkorn hat einige Klimmzüge machen müssen - aber theoretisch ist das Ziel erreicht: Volkswagen könnte in Russland 300.000 Autos lokal fertigen lassen. Den Großteil stellen die Wolfsburger in ihrem eigenen Werk her, das 170 Kilometer südwestlich von Moskau in Kaluga liegt. Vor gut einem Jahr startete zudem die Lohnfertigung in Nischni Nowgorod östlich Moskau, wo der einstige Wolga-Hersteller GAZ dem deutschen Autoriesen als Lohnfertiger zu Diensten steht. Somit erfüllt Volkswagen alle Forderungen der russischen Regierung: Die zwingt den Autobauer per Dekret dazu, im Inland Kapazitäten aufzubauen und einen Großteil der Zulieferteile aus russischen Werken zu beziehen. Andernfalls könnten die Behörden Zollvorteile auf jene teuren Teile streichen, die weiterhin importiert werden. Der Kreml will damit ausländische Hersteller zur Wertschöpfung vor Ort zwingen und nimmt sich so China zum Vorbild, das mit dieser Politik schon in den Achtzigerjahren begonnen hat. Die Sache hat nur einen Haken: Die Nachfrage in Russland bricht gerade weg - nicht im Traum kann Volkswagen die opulenten Kapazitäten auslasten. 2013 gingen die Verkäufe der Marke VW um etwa fünf Prozent auf 156.000 Fahrzeuge zurück. Wobei die Konkurrenz stärker im Minus war. Hinzu kommt jetzt die Sorge um die Entwicklungen auf der Krim. VW-Chef Martin Winterkorn sagte der WirtschaftsWoche: "Als großer Handelspartner blicekn wir mit Sorge in die Ukraine und nach Russland." Er verwies dabei nicht nur auf das VW-Werk in Kaluga, sondern auch auf die Nutzfahrzeugtochter MAN, die in St. Petersburg derzeit ein eigenes Werk hochfährt. Der Lkw-Markt ist von der Rezession betroffen, da die Baukonjunktur schwächelt. Quelle: dpa

Aktien wie BASF und Thyssen zeigten sich folgerichtig zu Beginn der Woche deutlich anfälliger für die Ukraine-Krise als der Dax-Durchschnitt; aber auch Titel von Unternehmen mit starkem Russland-Umsatz, wie Stada und Adidas, kamen unter Druck.

Am stärksten drückte die Krim-Krise freilich in Moskau die Kurse; der dortige Index RTS gab zwischenzeitlich um 15 Prozent nach, Gazprom verlor Montag vergangener Woche ein Sechstel seines Wertes. Die Börse zeigt klar, wen sie für den Hauptleidtragenden einer Eskalation der Krise hält: Russland selbst. Die Industrie des Landes ist entsprechend beunruhigt.

Die größte Sorge im Westen ist, neben dem Einfrieren westlicher Firmenvermögen, dass die Russen den Gashahn zudrehen könnten; immerhin knapp 40 Prozent des in Deutschland verfeuerten Erdgases stammen aus russischen Quellen, Spitzenwert in Westeuropa. Aus Russland stammen 11 Prozent des globalen Ölangebotes und 19 Prozent des Erdgases.

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