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Börse stürzt ab China hat sich verzockt

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Leitzinsen zum vierten Mal gesenkt

Das funktionierte nur so lange, wie die Kurse stiegen und stiegen. Und dann sauste ausgerechnet der CSI300-Index mit den vielen Technologieunternehmen aus Shenzhen und Umgebung in wenigen Tagen um 30 Prozent in den Keller. Worauf die Wirtschaftspolitiker in Peking beschlossen, den Markt zu stützen.

Zuletzt hat die Zentralbank darum erneut die Leitzinsen gesenkt, schon zum vierten Mal seit Oktober (siehe Grafik). Gleichzeitig reduzierte sie die Mindesteinlagepflicht der Geschäftsbanken. Beide Maßnahmen sollen dazu führen, dass sowohl mehr Kredite vergeben werden als auch mehr Liquidität in Aktien fließt. Ein gefährliches Spiel: Funktionieren würden diese wirtschaftspolitischen Konzepte nur bei langsam, aber stetig steigenden Kursen an den Börsen des Landes. Dazu kann es aber schon wegen der neuen Börsenleidenschaft vieler Chinesen nicht kommen.

Chinas Exporte.

Die chinesischen Börsen haben seit ihrer Gründung 1990 vor allem risikoaffine Anleger angezogen, im Klartext: Zocker. Die Kapitalisierung war bis vor Kurzem gering, große chinesische Unternehmen sind lange Zeit mit ihren Börsengängen nach Hongkong oder New York ausgewichen. Und die meisten chinesischen Anleger investierten ihre Ersparnisse lieber in Immobilien.

Immobilienpreise eingebrochen

Das hätte so bleiben können, wären die Immobilienpreise nicht voriges Jahr eingebrochen: weniger in den großen Metropolen an der Ostküste, dafür in manchen Provinzen fast um 50 Prozent. Für Anleger war jetzt der Aktienmarkt fast die einzige Alternative, weil die Sparzinsen niedriger sind als die Inflationsrate und für Anleihen kaum ein Markt existiert. Überdies erlaubte die Regierung erstmals auch Ausländern, auf dem Umweg über Hongkong in Shanghai oder Shenzhen zu investieren. „Die Geldmaschine ist vom Immobilien- auf den Aktienmarkt gewandert“, sagt der chinesische Starökonom Andy Xie, ehemals Analyst bei Morgan Stanley.

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Und weil das so war, gesellten sich die Zocker zu den ratlosen Sparern. Zwei Drittel der Neuanleger an den Börsen haben angeblich keinen weiterführenden Schulabschluss. Es gibt ganze Bauerndörfer, die für ihr Erspartes Aktien gekauft haben. In einer einzigen Woche im Mai wurden vier Millionen neue Depots registriert. Auf vielen liegt geliehenes Geld: Im Crash kann das heißen, dass Anleger das Abenteuer Börse mit unbezahlbaren Schulden beenden müssen. Sollte es Millionen relativ armer chinesischer Familien so gehen, droht die soziale Explosion.

Langfristige Gefahr

Dazu muss es freilich nicht kommen: Die Börsenzocker sind immer noch eine Minderheit des Milliardenvolks geblieben. Aber auch die Mehrheit, die von der Börse wenig wissen wollte, ist von den Langzeitfolgen des Auf und Ab in Shanghai und Shenzhen betroffen.

Denn gerade die Reaktion der Zentralbank lässt vermuten, dass Peking jetzt in die alte dirigistische Stimulus-Politik zurückfällt. Und wenn der Crash weitergeht, wird das die überfällige Reform des Finanzsektors und der Wechselkurspolitik weiter verzögern.

Für an China interessierte Unternehmer klingt das bedrohlich. Mit Ausnahme der amerikanischen Investoren, die an den Kasinos in Macau beteiligt sind.

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