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Branchen Gewinner und Verlierer der Dollarstärke

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Kaufbremse

Auf deutsche Konsumenten hingegen wirkt der starke Dollar wie eine Kaufbremse. Ihr Auslandsurlaub wird an vielen Zielen jenseits des Euro-Raums teurer, während Amerikaner heimische Hotels ausbuchen und Shoppingmeilen leer kaufen dürften. Auch von den reise- und konsumfreudigen Chinesen werden sich noch mehr als sonst auf den Weg nach Deutschland machen. Denn ihr Renminbi ist an den Dollar gekoppelt und wertet so mit auf. Die deutsche Tourismusindustrie freut sich auf den zu erwartenden Ansturm von Amerikanern und anderen. „Die USA sind schon heute der drittwichtigste Quellmarkt des Tourismus“, sagt Petra Hedorfer, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Zentrale für Tourismus. Im vergangenen Jahr wuchs die Zahl der Touristen aus den USA bereits um fünf Prozent, jetzt könnte das Wachstum noch einmal zulegen.

Kaffeetrinker trifft die Dollar-Stärke dagegen an einer empfindlichen Stelle. Schon Anfang März erhöhte der Handelskonzern Tchibo die Preise für das Pfund Kaffee in seinen Filialen je nach Sorte um bis zu 30 Cent. Schließlich werde Rohkaffee in Dollar gehandelt, begründete das Unternehmen in einem Brief an die Kunden den Schritt. Auch bei Rohstoffen wie Baumwolle sind ähnliche Effekte absehbar. Ohnehin gelten Textilhändler wie Takko oder Kik, die stark auf asiatische Importe setzen, als besonders anfällig für Währungsverwerfungen.

In den USA selbst verfolgten die Unternehmen den Höhenflug des Dollar ebenfalls aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Einzelhandelskonzerne wie Target, die große Teile ihres Sortiments im Ausland einkaufen und die Waren fast ausschließlich in den USA absetzen, jubilieren – so günstig konnten die Händler ihre Regale schon lange nicht mehr füllen. Auch der Aluminiumhersteller Alcoa, der seine Rohstoffe kostengünstig außerhalb der USA einkaufen kann, führt sein starkes viertes Quartal vorwiegend auf die Dollar-Stärke zurück.

Agrarindustrie und US-Konzerne

Exakt die gegenteilige Erfahrung macht dagegen die Agrarindustrie. Viele Anbieter von Baumwolle, Weizen oder Wein produzieren ausschließlich im Dollar-Raum, setzen ihre Waren aber vorwiegend in Europa oder Asien ab. Sie haben in den vergangenen Monaten massive Umsatzeinbußen verbucht, weil sich ausländische Kunden vermehrt außerhalb des Dollar-Raums eindeckten und weil die in Euro erzielten Umsätze in Dollar umgerechnet weniger wert sind. So verbuchten etwa die kalifornischen Winzer, für die Europa die wichtigste Exportregion ist, nach vier wirtschaftlichen Rekordjahren 2014 erstmals wieder einen Umsatzrückgang.

Die Tatsache, dass außerhalb der USA erzielte Umsätze durch die Umrechnung in Dollar geringer ausfallen, dürfte etlichen US-Konzernen 2015 die Bilanz vermasseln. Der Getränkegigant Coca-Cola, der seine Brausen in über 200 Ländern verkauft, rechnet für 2015 mit einem währungsbedingten Gewinneinbruch von 16 Prozent. Auch die Bürowarenkette Staples vermeldete jüngst einen währungsbedingten Umsatzrückgang in den Märkten außerhalb der USA. Der Pharma- und Konsumgüterhersteller Johnson & Johnson, der rund die Hälfte seiner Waren außerhalb der USA absetzt, beklagte zuletzt, die Auswirkungen des hohen Dollar seien „schlimmer als zunächst angenommen“.

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US-Autoindustrie

Vielschichtiger ist die Lage in der US-Autoindustrie. Der hohe Dollar-Kurs versetzt Ford, General Motors (GM) und Chrysler zwar in die Lage, Rohstoffe wie Stahl oder Autoteile günstig außerhalb der USA einzukaufen – theoretisch eine Möglichkeit, die Gewinne zu steigern. Doch andererseits schlagen sich die außerhalb der USA verkauften Autos durch den hohen Dollar-Kurs mit geringeren Summen in der Bilanz nieder, was die Gewinne belastet. Anleger sehen letztere Auswirkung als die entscheidende an: Die Aktien von Ford und GM rangieren derzeit klar unter den von Analysten angesetzten Werten. Zusätzlich unter Druck geraten die US-Autobauer durch ausländische Konkurrenten: Europäische und asiatische Autobauer können ihre importierten Fahrzeuge in den USA günstig anbieten und sind wild entschlossen, den heimischen Anbietern auf diese Art Marktanteile abzujagen.

Den womöglich nachhaltigsten Effekt hat der starke Dollar auf die produzierende Industrie in den USA. Nachdem zuvor jahrzehntelang Produktion in asiatische Niedriglohnländer verlegt worden war, kehrte die Produktion in den vergangenen Jahren in die USA zurück. Auslöser dieser Reindustrialisierung war unter anderem die steigende Erdgas- und Erdölförderung in den USA, die die Energiekosten dramatisch senkte. Dazu verbilligte ein niedriger Dollar den Export von US-Produkten. Damit ist es jetzt vorbei. Der niedrige Ölpreis schmälert derzeit den strategischen Vorteil durch die boomende Gas- und Ölförderung. Darüber hinaus schreckt auch der Dollar-Kurs ab. Made in USA ist jetzt gravierend teurer – ganz anders als made in Germany.

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