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Buchauszug Martin Richenhagen: Der Amerika-Flüsterer

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Bei der Präsidentschaftskandidatur spielt Geld eine große Rolle

Cain starb im Juli 2020 an Covid-19, nachdem er am 20. Juni an einer Wahlkampfveranstaltung seines Freundes Donald Trump teilgenommen hatte – ohne Maske. Neun Tage später wurde die Infektion diagnostiziert. Ich glaube, einige Hundert Tote gehen auf Trumps Konto allein wegen seines unverantwortlichen Wahlkampfs. Herman Cains Trauerfeier habe ich besucht.

Das Problem bei einer Präsidentschaftskandidatur in den USA ist natürlich, dass Geld eine so große Rolle spielt. Auch Cain hätte mit seinen vergleichsweise bescheidenen Mitteln 2012 vermutlich noch Schwierigkeiten bekommen. Man muss den Wahlkampf ja selbst finanzieren. Und das geht nur, wenn man entweder Milliardär ist oder viele Unterstützer hat. Für Leute aus sozial schwachen Verhältnissen oder Vertreter von Minderheiten etwa ist es schwierig, eine Chance zu haben. Ich kann mir derzeit schwer vorstellen, dass beispielsweise eine junge Frau mit südamerikanischen Wurzeln Präsidentin wird. Mit Gerhard Schröder dagegen hat es in Deutschland jemand aus einfachen Verhältnissen an die Spitze geschafft. Er ist natürlich ein unglaublich geschickter Kämpfer gewesen. Aber er musste sich auch durchbeißen – von den Jusos bis ins Kanzleramt, wo er ja sehr sinnbildlich schon 1982 nachts in Bonn leicht alkoholisiert am Zaun rüttelte, wie kolportiert wird. Es ist ein langer Weg, um überhaupt kandidieren zu können. Und das kann in den USA im Grunde jeder.

Was schon in der Reagan-Ära auffiel, dann bei Bush und erst recht bei Trump: Viele Menschen in Deutschland treffen ihre Bewertung der USA allein aufgrund der Person, die gerade regiert. Wenn die einem nicht passt, ist gleich das ganze Land schlimm und man will nichts mehr damit zu tun haben. Das halte ich schon mit Blick auf die Zahlen für falsch. 2016 lebten in den USA rund 325 Millionen Menschen. 63 Millionen US-Amerikaner wählten Donald Trump. Wer also Amerika als Trump-Land ablehnte, tat gut 80 Prozent der Bevölkerung unrecht. Natürlich sind nicht alle wahlberechtigt und nicht alle Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab. Aber was will man denen vorwerfen? Jetzt ist Joe Biden Präsident – sind die USA damit wieder ein gutes Land? Falls ja: Was bedeutet es, dass Donald Trump 2020 mit mehr als 70 Millionen Stimmen sogar erheblich mehr Wähler hatte als vier Jahre zuvor? Im Grunde gilt es doch zu akzeptieren, dass ein Idiot an der Spitze nicht bedeutet, dass die anderen Amerikaner auch alle Idioten sind...

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Die Amerikaner haben eine andere Mentalität. Wenn ein Amerikaner Geld hat, gibt er das aus. Zum Beispiel für ein riesiges, teures Haus. Ist man kreditwürdig, dann bekommt man einen dicken Hypothekenkredit, zwanzig bis dreißig Jahre fest, zu minimalen Zinsen, mit lediglich 10 Prozent Eigenkapital. Man kauft ein Haus für 2 Millionen, hat da 200.000 eigenes Geld drinstecken, also relativ wenig, und einen Job, mit dem man die Zinslast bedienen kann. Wenn es gut geht, steigen die Preise und dann wird das Haus irgendwann verkauft. Dann kauft man ein noch größeres. Wenn es aber eine Krise gibt, bemerkt man auf einmal, wie reihenweise die Häuser zwangsversteigert werden, weil die Leute ihren Job verlieren und keine Absicherung haben. Genauso ist das bei Autos. Der Amerikaner sagt nicht: „Mein Lebenstraum ist, mal Ferrari oder Porsche zu fahren.“ Der Amerikaner least sich einen Ferrari, wenn er sich das leisten kann, und fährt dann da mal ein paar Jahre mit rum. Interessant ist: Wenn das alles finanziell nicht mehr funktioniert, dann akzeptieren die Leute das auch. Dann trifft man beim Limousinenservice auf Fahrer, die früher mal im Vorstand von einem Computerhersteller waren oder einst erfolgreiche Verkaufsleiter. Wenn sie ihre Kohle verballert haben, dann arbeiten die auch bis achtzig. Das ist eine andere Einstellung zum Leben.

Mehr zum Thema: Martin Richenhagen hat Pläne. Nach seinem Abgang als CEO beim Landmaschinenhersteller AGCO will er sich um die transatlantischen Beziehungen kümmern.

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