Bürgermeisterwahl Warum ein linker Muslim bald London regieren dürfte

Der Sohn eines pakistanischen Busfahrers tritt gegen einen Millionär an: Unterschiedlicher könnten die Anwärter auf Londons Bürgermeisteramt nicht sein. Die Wahl am Donnerstag ist auch wegen der Brexit-Debatte brisant.

Londons Sonderwege in Europa
1960Als Gegengewicht zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) wird auf Initiative Londons die Europäische Freihandelszone (EFTA) gegründet, die keine politische Integration anstrebt. Im Bild: Der damalige EFTA-Generalsektretär Kjartan Joahnnsson (rechts) mit seinem Vorgänger Georg Reisch (links) zu den Feierlichkeiten zum 40-jährigen BEstehen der EFTA in Genf. Quelle: REUTERS
Charles de Gaulle Quelle: AP
Premier Harold Wilson Quelle: REUTERS
Margaret Thatcher Quelle: AP
1990Die EG-Länder beschließen im Schengener Abkommen die Aufhebung der Passkontrollen an den Binnengrenzen. Großbritannien macht nicht mit. Quelle: AP
John Major, ehemaliger Premier Großbritanniens Quelle: REUTERS
Premier Tony Blair Quelle: AP
Großbritanniens Premier Tony Blair mit Frankreichs Präsidenten Jacques Chirac Quelle: AP
2004 Premier Tony Blair Quelle: REUTERS
Der EU-Vertrages von Lissabon wird ratigiziert Quelle: dpa
britische Premier David Cameron Quelle: REUTERS
Premier David Cameron Quelle: dapd
Großbritanniens Premier David Cameron Quelle: dpa
London Houses of Parliament Quelle: dpa

LondonDie warnenden Worte waren ebenso ungewöhnlich wie vielsagend. „Das ganze Land wird den Preis bezahlen“, warnte kürzlich der britische Premierminister David Cameron, wenn die Hauptstadt den Labour-Kandidaten Sadiq Khan zum neuen Bürgermeister wähle. Denn London werde dann zu einem „Testlabor“ für die Politik des neuen linke Labour-Führers Jeremy Corbyn.

Es sind markige Worte, mit denen Cameron in die heiße Phase der Bürgermeisterwahl in der Acht-Millionen-Metropole London eingreift. Doch der Umstand, dass der mächtigste Mann der britischen Regierung sich überhaupt in den Ausgang einer Bürgermeisterwahl einmischt, beweist unfreiwillig noch etwas anderes: Wie prekär die Lage der regierenden Konservativen wenige Tage vor diesem prestigeträchtigen Urnengang in der britischen Hauptstadt ist.

Denn der Labour-Kandidat Khan, Sohn eines pakistanischen Busfahrers, steht kurz davor, bei der Wahl am 5. Mai die Kapitale von den Tories zurückzuerobern. Seit 2008 schwingt der populäre Konservative Boris Johnson das Zepter in der Hauptstadt. Die Umfrageergebnisse sehen derzeit mehrheitlich Khan als Favorit an den Urnen, was den Ton der Tories gegen den Labour-Kandidaten nun immer schriller werden lässt.

Die schwierige Beziehung der Briten zu Europa

Die Kampagne des konservativen Kandidaten Zac Goldsmith kommt nicht wirklich vom Fleck. Dabei haben die Tories mit dem 41-Jährigen, Sohn des Milliardärs Sir James Goldsmith ist, einen blütenreinen Repräsentanten der britischen Oberschicht in das Rennen um das Londoner Bürgermeisteramt geschickt. Noch vor einem Jahr galt Zac Goldsmith als Favorit für die Bürgermeisterwahl.

Bei der Wahl treten nicht nur zwei sehr unterschiedliche politische Konzepte an, sondern auch zwei sehr unterschiedliche Männer. Während die Konservativen um Premierminister Cameron mit Goldsmith erneut einen Vertreter der Oberschicht zum Spitzenkandidaten machten, hat Labour mit Khan auf einen Kandidaten gesetzt, der eine Art Gegenprogramm darstellt. Schon im Herbst sah die Zeitung „The Guardian“ einen „persönlich und politisch faszinierenden Kampf“ um das Londoner Rathaus.

Khan versus Goldsmith – das ist ein politisches Duell der Gegensätze: der linke Weltverbesserer gegen den vermögendsten Abgeordneten des Unterhauses; der benachteiligte Sohn eines Busfahrers gegen den privilegierten Eton-Zögling; der Muslim aus einer zehnköpfigen Familie gegen den Millionär mit großem Haus im feinen Stadtteil Barnes.

Das Votum in London wird nicht nur eine erste Bewährungsprobe für den neuen Labour-Führer Corbyn. Die Abstimmung gewinnt auch dadurch an Bedeutung, dass sie in der Brexit-Debatte für neuen Zündstoff sorgen könnte. Zwar stehen im Londoner Wahlkampf vor allem Themen wie die immer höheren Haus- und Wohnungspreise sowie die rasant steigenden Ausgaben für den öffentlichen Nahverkehr im Vordergrund. Aber auch in der Brexit-Debatte stehen Khan und Goldsmith auf unterschiedlichen Seiten der Barrikade.

So plädiert Goldsmith wie Boris Johnson, der Wortführer der Brexit-Anhänger, offen für einen EU-Austritt. Diesen lehnt dagegen Konkurrent Khan dagegen ab. Goldsmith setze damit Jobs, die Lebensqualität und die Sicherheit der Hauptstadt aufs Spiel, giftet der Labour-Mann in Richtung des Tories.

Das ist ein klares Bekenntnis pro Europa, das in London mit seinem hohen Anteil an EU-Bürgern taktisch klug sein könnte. Die Rekordzahl von 559.500 EU-Ausländern ist zur Bürgermeisterwahl registriert. Angesichts des Kopf-an-Kopf-Rennens in London könnte diese Gruppe letztlich wahlentscheidend sein, wie bereits die die Londoner Zeitung „Evening Standard“ unkte.

Doch Goldsmith scheint das nicht zu scheren. Der Mann, der in zweiter Ehe mit einer gebürtigen Rothschild verheiratet ist, gibt sich gerne als Querdenker und Rebell. Seine finanzielle Unabhängigkeit hat er in den vergangenen Jahren vielfach dazu genutzt, sich als Freigeist zu profilieren, als unbequemen Abgeordneten im Unterhaus. Ein Charakterzug, den er nun auch als Bürgermeister-Kandidat zeigt.

So ist der Brexit nicht das einzige Thema, bei dem der konservative Abgeordnete im Widerspruch zu seinem Regierungschef steht. Auch in einer anderen wichtigen Frage für London bewegt sich Goldsmith auf Kollisionskurs: Er lehnt einen Ausbau des größten Londoner Flughafens Heathrow strikt ab.

Im Vergleich mit Goldsmith ist der grauhaarige Sadiq Khan – trotz seines smarten Aussehens – weit weniger schillernd und glamourös. Der 44-Jährige ist der Sohn eines aus Pakistan eingewanderten Busfahrers und einer Näherin. Er wuchs in einer Sozialwohnung in Süd-London auf, wo er ein Schlafzimmer mit zwei Brüdern teilen musste. Nach einem Jurastudium hat sich Khan nach oben gearbeitet. 2009 wurde er der erste muslimische Staatsminister im Verkehrsministerium des Vereinigten Königreichs.

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