WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Bundesbank Gefahr für den Euro: Webers unheimlicher Abgang

Seite 2/4

Die Kanzlerin ist gleich dreifach verärgert: über den Rückzug an sich, den Zeitpunkt und den Stil. Denn Weber plauderte erst im Kreise seiner Bundesbank-Kollegen, bevor er die Kanzlerin informierte. Und weil die kaum etwas so sehr verabscheut wie unangenehme Überraschungen und vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, hat Webers Volte sein Verhältnis zur Regierungschefin vereist.

Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble hatten Weber in persönlichen Gesprächen zugesichert, er werde der deutsche Kandidat für den EZB-Chefposten. Aus taktischen Gründen – um den Euro-Gipfel abzuwarten und den Aspiranten nicht zu früh ins Schaufenster zu stellen – kam man überein, die Bewerbung erst Ende März bekannt zu geben.

Weber als einziges Korrektiv

Doch der 53-Jährige hatte in den vergangenen Wochen mit steigender Sorge beobachtet, wie Politiker, Ökonomen und Zentralbanker an einer neuen Währungsunion zimmerten, die nicht mehr die seine war. Die Tradition der Bundesbank, die ihr Ziel der Preisstabilität konsequent verteidigte und dabei ihre Unabhängigkeit von aller Politik stets betont hatte, sah er vor allem durch den Kurs des EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet verraten.

Der 10. Mai 2010 war für Weber die Wende: An jenem Montag beschloss der EZB-Rat in einer Telefonkonferenz auf massives Drängen Trichets, Staatsanleihen angeschlagener Euro-Staaten aufzukaufen. Trichet wollte so die Märkte beruhigen und die Währungsunion vor dem Zusammenbruch retten. Weber stimmte dagegen: Er sah damit das genaue Gegenteil erreicht und ging öffentlich auf Distanz. Dass Merkel und Trichet sich an diesem Maiwochenende so einig in der Krisenbekämpfung waren, muss ihn massiv beunruhigt haben. Hinzu kamen die ständigen Störfeuer aus Paris, um den Hardliner Weber in jedem Fall zu verhindern.

Nicht um jeden Preis

Zuletzt, sagen Insider, sei die Reform der Währungsunion auf den Tausch „Posten gegen Geld“ zugelaufen: Deutschland stellt den EZB-Präsidenten und muss dafür die Tasche öffnen für die Transferunion. Diesem Kuhhandel, sagt ein Insider, habe Weber nicht zustimmen wollen. „Er hat Merkel immer gesagt, dass er den Job machen will, aber nicht um jeden Preis.“

Für die europäische Geldpolitik ist der Abgang Webers ein schlechtes Signal. „Es ist kein gutes Zeichen für den Euro-Raum, dass ein ausgewiesener Stabilitätspolitiker nun nicht mehr den EZB-Chef machen will“, sagte ein Zentralbankexperte. Die Mahnung: Weber denke, er könne das Ruder bei der EZB nicht mehr herumreißen.

„Weber hätte als EZB-Präsident wie kein Zweiter für Stabilität und Glaubwürdigkeit der Geldpolitik gestanden“, trauert der renommierte Wirtschaftsprofessor und Zentralbankexperte Markus Brunnermeier von der Princeton University. „Er hat eine klare Haltung. Jeder hätte gewusst, wo der Zug mit ihm langgeht, das hätte Sicherheit gebracht.“ Weber wäre der Garant für einen starken Euro gewesen. „Ihm hätte man zugetraut, dass er als EZB-Chef sehr unabhängig von der Politik agiert.“ Allerdings, so der Ökonom, gebe es auch andere Kandidaten mit Geradlinigkeit.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%