WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Bundesbank Gefahr für den Euro: Webers unheimlicher Abgang

Seite 3/4

Noch gibt es Falken im EZB-Rat, die -einen strengen Stabilitätskurs vertreten; die Geldpolitik früher straffen und die -Zinsen schneller erhöhen wollen. Doch der niederländische Zentralbankchef Nout Wellink hört im Sommer auf. Der Deutsche Jürgen Stark, wenn er Chefvolkswirt bleibt, ist als Teil der EZB-Spitze an andere Loyalitäten gebunden. Luxemburgs Yves Mersch und sein finnischer Kollege Erkki Liikanen besitzen als Ver-treter kleiner Länder nicht Webers Gewicht. Und: Der Bundesbank-Bulldozer war der Einzige, der seiner Überzeugung kräftig Ausdruck verlieh und keine Konflikte scheute.

Eigentlich sollte es keine große Rolle spielen, wer an der Spitze der EZB steht oder im Zentralbankrat über die Zinsen entscheidet. Denn für alle Euro-Hüter gilt: Sie sind gesetzlich verpflichtet, die Preise in der Euro-Zone stabil zu halten. Eine andere Aufgabe haben sie nicht. Mit diesem Auftrag steht die EZB in der Tradition der Deutschen Bundesbank. Dort hatte es auch immer wieder personelle Wechsel gegeben, die politisch motiviert waren. Doch der Korpsgeist in der Frankfurter Geldzentrale brachte alle Neuzugänge und Abweichler binnen kurzer Zeit stabilitätspolitisch auf Linie.

Inflation voraus

Bei der EZB ist das anders. Die Vertreter der nationalen Notenbanken sind geprägt durch die Stabilitätskultur ihrer Länder. Vor allem in Südeuropa hat die Wahrung stabiler Preise aber weniger Tradition als im ehemaligen D-Mark-Block. Viele Regierungen im Süden der Euro-Zone sähen es daher gern, wenn die EZB ihren Stabilitätsauftrag nicht so genau nähme und eine lockerere Geldpolitik betriebe, die Konjunktur und Beschäftigung ankurbelt. Vor allem herrscht im Direktorium die Meinung vor, dass Staatsanleihekäufe und Rettungsschirm für angeschlagene Euro-Staaten kein Sündenfall sind – sondern unausweichlich, um den Zusammenbruch der Währungsunion zu stoppen. „Ohne Weber fehlt im Rat ein starkes Korrektiv“, sagt ein Beobachter.

Für Deutschland hat dies handfeste Konsequenzen. Die Industrie läuft derzeit auf Hochtouren und arbeitet am Rande ihrer Kapazitätsgrenze. Das erhöht den Lohndruck und weckt Begehrlichkeiten der Gewerkschaften. Der jüngste Lohnabschluss bei Volkswagen zeigt, wohin die Reise geht: Arbeiter und Angestellte können sich über ein Plus von insgesamt 4,2 Prozent freuen. Steigen aber die Löhne kräftiger als die Produktivität, schnellen die Lohnstückkosten in die Höhe, und die Unternehmen müssen ihre Absatzpreise anheben, um die Gewinne stabil zu halten. Das jedoch schürt die Inflation. Um ihr vorzubeugen, müsste die EZB rechtzeitig die Zinsen erhöhen.

Doch Deutschlands Nachbarn wachsen kaum, sind stark verschuldet oder ächzen unter beidem. Euro-Süd-Länder wie Griechenland oder Italien haben daher ein starkes Interesse, das Zinsniveau möglichst lange niedrig zu halten – um ihr schwaches Wachstum nicht noch weiter auszubremsen und die Zinslast für ihre Schulden nicht noch weiter zu erhöhen. Dass die EZB in diesem Umfeld die Zinsen erhöht und eine neue Eskalation der Euro-Schuldenkrise riskiert, ist so gut wie ausgeschlossen, sagen Ökonomen.

Derzeit sind die langfristigen Inflationserwartungen im Euro-Raum stabil und daher noch kein Handlungsdruck gegeben. Sollten aber die kommenden Lohnrunden in Deutschland dem Beispiel von Volkswagen folgen, droht hierzulande akute Inflationsgefahr.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%