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Bundesbank Gefahr für den Euro: Webers unheimlicher Abgang

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Ohne Mahner wie Weber, fürchten manche Ökonomen, wird sich eine Zinsreaktion verzögern. „Die EZB macht immer weniger eine Politik für den Durchschnitt der Euro-Zone, stattdessen orientiert sie sich an den Bedürfnissen der Krisenländer“, kritisiert Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das aber heißt: Die Zinsen bleiben für Deutschland in nächster Zeit wohl zu niedrig, was die Konjunktur weiter anheizt und den Lohndruck steigen lässt. Die unangenehme Konsequenz: Deutschland könnte seine preisliche Wettbewerbsfähigkeit, die es sich in den vergangenen Jahren mühsam erarbeitet hat, wieder verlieren – und damit die Basis für seinen Exporterfolg. Krämer fürchtet, dass die Euro-Hüter ihr Versprechen nicht einlösen können, die Inflationsrate in den nächsten zehn Jahren unter zwei Prozent zu halten.

Die Geldpolitik könnte das Auseinanderdriften der Euro-Volkswirtschaften an die Grenzen ihrer Belastbarkeit treiben. In den ersten zehn Jahren der Währungsunion gab es auch schon große Unterschiede bei Wachstum, Wettbewerb und Schuldenstand. Doch sie konnten dank der guten Konjunktur, weltweit niedriger Zinsen und niedriger Zinsunterschiede im Euro-Raum übertüncht werden. Griechenland bekam fast zu den gleichen Preisen Kredite wie Deutschland – und nutzte das weidlich aus. Nun, in der Krise, brechen die Unterschiede offen hervor.

Die zweite große Gefahr für die EZB bleiben die Staatsanleihen: Gut 76 Milliarden Euro hat sie nun schon für Anleihen aus den Süd-Staaten ausgegeben, um deren Rendite an den Bondmärkten zu drosseln. Doch sollten Griechenland oder Portugal umschulden, müsste auch die EZB Milliardensummen in ihrer Bilanz abschreiben. Was dabei noch schwerer wiegt: Einmal begonnen, kann sie nicht wieder aus dem Programm aussteigen, ohne größere Verwerfungen an den Märkten auszulösen.

Suche nach Stabilitätssignal

Als EZB-Präsident hätte Weber diesen Kurs, hinter dem er erklärtermaßen nicht steht, verteidigen müssen – kaum vorstellbar. „Weber war im EZB-Rat zunehmend isoliert“, sagt Krämer. „Der Rat hat sich in der Finanzkrise in eine andere Richtung entwickelt, die nicht mehr zu ihm und seinen Überzeugungen passt.“

In Berlin hat fieberhaft die Suche nach einem Nachfolger begonnen. „Man muss jetzt schnell zu einer Auflösung kommen“, sagt ein Vertrauter der Kanzlerin. Spätestens bis zu diesem Montag wollte Merkel sich darüber klar werden, wie sie die Personallücken an der Bundesbank-Spitze stopft. Denn neben Weber ist auch sein Stellvertreter Zeitler zu ersetzen. Als Top-Kandidaten für die Bundesbank-Spitze werden Jürgen Stark und Merkel-Berater Jens Weidmann genannt. Berlin möchte so den Märkten das Signal geben, dass es auch künftig kein Aufweichen deutscher Stabilitätspolitik geben werde.

Doch das wird schwer. Merkel fehlt nicht nur ein Kandidat für die EZB, sondern vor allem Verhandlungsmasse für den Poker mit den Partnern. Denn -Weber erst in letzter Minute aufzugeben hätte ihr zumindest die Chance ge-boten, von den Partnern andere Zugeständnisse einzufordern. Doch um zuletzt geopfert zu werden, wollte der Frankfurter Präsident nicht den Kopf hinhalten. Entsprechend groß ist die Enttäuschung in der Regierung: „Weber hat die gesamte deutsche Verhandlungsposition unterminiert.“

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