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Buschfunk

Brasilien im Sog der Gewalt

Alexander Busch Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Alexander Busch Korrespondent (São Paulo)

Kommende Woche startet die Fußball-WM in Brasilien. Das Land hat derzeit höhere Mordraten als der kongolesische Bürgerkrieg. Wie die alltägliche Gewalt die Gesellschaft verändert.

Die gefährlichsten Städte der Welt
Ein Verletzter Mann in Barquisimeto Quelle: REUTERS
Handelskammer in Joao Pessoa Quelle: imago
Ein Polizist in Guatemala-Stadt Quelle: AP
Ausschreitungen zwischen der Polizei und Demonstranten in Fortaleza Quelle: dpa
Hände halten die Flagge von Honduras in die Höhe Quelle: REUTERS
Polizeibeamte Quelle: dpa Picture-Alliance
Ein Soldat der kolumbianischen Armee steht vor einer kolumbianischen Flagge Quelle: dpa

Etwa 10.000 Deutsche werden zur WM nach Brasilien reisen, schätzt die Fifa anhand der Ticketbuchungen. Sie brauchen sich keine Sorgen um die Kriminalität zu machen - so lautet die offizielle Beruhigungsmantra der Regierung. Für die Sicherheit der Touristen sei gesorgt, wiederholen Minister und Behörden. Doch das wirkt wenig glaubwürdig angesichts der Tatsache, dass in Brasilien im vergangenen Jahr 50.000 Menschen ermordet wurden – in Deutschland waren es 2012 gerade mal 281 Menschen.

In Brasilien herrschen also höhere Mordraten als im kongolesischen Bürgerkrieg. Die Mehrheit der zwölf Austragungsorte der WM zählen zu den 50 Städten mit den höchsten Mordraten weltweit.

Gewalt und Unsicherheit.

Dennoch hat auch die Regierung durchaus Recht: Die Chancen stehen gut, dass die allermeisten WM-Touristen unbeschadet wieder nach Hause fahren. Denn sie werden gar nichts mitbekommen von der hier herrschenden Gewalt und Unsicherheit.

Denn einerseits finden die meisten Morde dort statt, wo sich Touristen eher selten verirren: In der Peripherie der Großstädte, auf dem flachen Land. Außerdem wirken die Brasilianer meist so entspannt und gut gelaunt, dass man gar nicht ahnt, wie schnell eine Situation in steinzeitliche Gewalt umschlagen kann. Wenn der eben noch cool aussehende Surfer in Bermudas und nacktem Oberkörper sich zwischen den Autos durchschlängelt, einen Revolver zieht und keine Sekunde zögern wird, einen Fahrer, der nicht schnell genug sein Handy rausrückt, in den Kopf zu schießen.

Verlust an Lebensqualität

Es ist für Europäer unvorstellbar, wie weit der Alltag in Brasilien durch Unsicherheit geprägt wird, wie weit diese permanente Bedrohung bis ins Unterbewusstsein eindringt: Wie ich durch eine Straße gehe, was ich anziehe, welchen Weg ich wähle, auf was ich achte beim Gespräch mit jemandem – alles kontrolliere ich permanent auf Sicherheitsaspekte.

Das meiste davon automatisch, ohne es überhaupt noch zu bemerken - wie alle Brasilianer. Das ist ein hoher Verlust an Lebensqualität: Automatisch legen unsere Kinder ihre Uhren und Halsketten ab, wenn sie auf die Straße gehen.

Die kleineren können nicht alleine mit dem Fahrrad zum Fußballverein fahren. 300 Meter sind das. Warum? Weil immer wieder Autofahrer mit 100 Km/h durch unsere Straße rasen und sich nicht um Fußgänger, Ampeln und Verkehrsregeln kümmern. Weil ihnen nicht nur das Fahrrad und die Fußballschuhe geklaut werden könnten – was nicht wegen des Verlusts, sondern wegen der Bedrohung beängstigend ist. Weil sie in ein Auto gezogen und entführt werden könnten.

Vier Überfälle

Ich bin in Brasilien viermal mit einer Waffe überfallen worden. Mir ist dabei nie etwas Schlimmeres passiert. Auch meiner Familie ist bisher nichts geschehen. Damit gehören wir zu den Privilegierten. Doch die Einschläge rücken näher.

Aus dem engeren Bekanntenkreis wurde eine Freundin vor wenigen Wochen brutal in ihrem Wohnhaus überfallen, kam aber mit dem Leben davon. Ein enger Freund wurde telefonisch erpresst mit einer fingierten Entführung seines Sohnes. Die Ehefrau eines anderen wurde mehrere Stunden entführt, kam dann aber ohne Lösegeldzahlung unversehrt wieder frei.

Keine Konzepte für mehr Sicherheit

Tumulte bei Massenprotesten in Brasilien einen Monat vor WM

Das Seltsame ist: Fast jeder Brasilianer empfindet die fehlende Sicherheit als das größte Problem des Landes. Darüber wird bei jedem Zusammentreffen geredet wie in Deutschland über das Wetter. Doch schreibe ich darüber, dann heißt es schnell: Warum musst du Brasilien immer so negativ beschreiben?

Das sagen mir Brasilianer auf Investorenkonferenzen, wo sie das Land im besten Licht darstellen wollen. "Du übertreibst" - das sagen mir auch Ausländer, die ein halbes Jahr im Land sind und nicht überfallen wurden. Ich höre jetzt schon die Kritik meiner Journalistenkollegen, die nach ein paar unvergesslichen Wochen im Land wieder abziehen und meine Artikel über die Gewalt in Brasilien für paranoid halten.

Ohne Ideen

Das Tragische ist: Auch jetzt im Wahlkampf kommen die Kandidaten nicht auf die Idee, schlüssige Konzepte gegen die fehlende Sicherheit vorzustellen. Ob die Gewalt schon so lange Teil des Alltags ist, dass sie eben als unveränderlich gesehen wird? Oder ob die Gewalttoleranz am kolonialen Ursprung der brasilianischen Gesellschaft liegt?

Der brasilianische Schriftsteller Luiz Ruffato erklärt die Gewalt in Brasilien damit, dass die Gesellschaft durch Massenvergewaltigungen entstanden sei: Europäische Männer vergewaltigten afrikanische und indianische Frauen.

Die Sitten verrohen

Die Folge der zunehmenden Gewalt führt auch gesellschaftlich zu einem Rückschritt: Wie im Mittelalter versucht jeder, sich selbst zu retten, seine Familie zu versorgen und abzusichern – auf Kosten der Gesellschaft. Mit immer höheren Mauern, Elektrozäunen, Wachdiensten.

Die Mittelschicht lebt in hermetisch geschlossenen Wohngebieten. Wer kann, fährt mit einem gepanzerten Auto. In São Paulo und Rio haben einige CEO Leibwächter in einem Begleitfahrzeug sowie einen ebenfalls bewaffneten Motorradfahrer im Tross. Auch die Armen schützen sich: mit Gittern überall, mit fragwürdigen Allianzen, mit eigenen Milizen, welche die Drogengangs rauswerfen und bald selbst die Bevölkerung drangsalieren.

In Arbeit
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Die Folge sind eine Verrohung der Sitten und eine fehlende Solidarität: Ich halte heute nicht mehr an, wenn am Straßenrand jemand neben seinem stehenden Auto um Hilfe winkt, so wie alle Brasilianer. Es könnte eine Falle sein.

Wie normal die Unsicherheit im brasilianischen Alltag ist, zeigt die Frage unseres ältesten Sohnes, als wir letzten Sommer mit der Straßenbahn durch Köln fuhren: „Sag mal, wie oft wird diese Bahn eigentlich durchschnittlich pro Woche überfallen?“

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