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Brasilien im Sog der Gewalt

Alexander Busch Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Alexander Busch Korrespondent (São Paulo)

Kommende Woche startet die Fußball-WM in Brasilien. Das Land hat derzeit höhere Mordraten als der kongolesische Bürgerkrieg. Wie die alltägliche Gewalt die Gesellschaft verändert.

Die gefährlichsten Städte der Welt
Ein Verletzter Mann in Barquisimeto Quelle: REUTERS
Handelskammer in Joao Pessoa Quelle: imago
Ein Polizist in Guatemala-Stadt Quelle: AP
Ausschreitungen zwischen der Polizei und Demonstranten in Fortaleza Quelle: dpa
Hände halten die Flagge von Honduras in die Höhe Quelle: REUTERS
Polizeibeamte Quelle: dpa Picture-Alliance
Ein Soldat der kolumbianischen Armee steht vor einer kolumbianischen Flagge Quelle: dpa
Platz 3: Acapulco (Mexiko)Tropische Temperaturen, Luxushotels und tolle Strände: Acapulco ist ein Touristenmagnet. Doch abseits der Strandpromenaden tobt ein blutiger Kampf. Im Jahre 2013 sind 113 Menschen pro 100.000 Einwohner ermordet worden. Quelle: dpa Picture-Alliance
Ein Frau trägt die Flagge Venezuelas in Caracas Quelle: REUTERS
Platz 1: San Pedro Sula (Honduras)San Pedro Sula, die zweitgrößte Stadt, hat eine Millionen Einwohner. Pro 100.000 Einwohner sind in einem Jahr 187 ermordet worden. Das war 2013 und die Gefährdung hat in der letzten Zeit sogar noch zugenommen. San Pedro Sula hat somit die höchste Mordrate. Nicht nur in Zentralamerika, sondern auf der ganzen Welt. Quelle: REUTERS

Etwa 10.000 Deutsche werden zur WM nach Brasilien reisen, schätzt die Fifa anhand der Ticketbuchungen. Sie brauchen sich keine Sorgen um die Kriminalität zu machen - so lautet die offizielle Beruhigungsmantra der Regierung. Für die Sicherheit der Touristen sei gesorgt, wiederholen Minister und Behörden. Doch das wirkt wenig glaubwürdig angesichts der Tatsache, dass in Brasilien im vergangenen Jahr 50.000 Menschen ermordet wurden – in Deutschland waren es 2012 gerade mal 281 Menschen.

In Brasilien herrschen also höhere Mordraten als im kongolesischen Bürgerkrieg. Die Mehrheit der zwölf Austragungsorte der WM zählen zu den 50 Städten mit den höchsten Mordraten weltweit.

Gewalt und Unsicherheit.

Dennoch hat auch die Regierung durchaus Recht: Die Chancen stehen gut, dass die allermeisten WM-Touristen unbeschadet wieder nach Hause fahren. Denn sie werden gar nichts mitbekommen von der hier herrschenden Gewalt und Unsicherheit.

Denn einerseits finden die meisten Morde dort statt, wo sich Touristen eher selten verirren: In der Peripherie der Großstädte, auf dem flachen Land. Außerdem wirken die Brasilianer meist so entspannt und gut gelaunt, dass man gar nicht ahnt, wie schnell eine Situation in steinzeitliche Gewalt umschlagen kann. Wenn der eben noch cool aussehende Surfer in Bermudas und nacktem Oberkörper sich zwischen den Autos durchschlängelt, einen Revolver zieht und keine Sekunde zögern wird, einen Fahrer, der nicht schnell genug sein Handy rausrückt, in den Kopf zu schießen.

Verlust an Lebensqualität

Es ist für Europäer unvorstellbar, wie weit der Alltag in Brasilien durch Unsicherheit geprägt wird, wie weit diese permanente Bedrohung bis ins Unterbewusstsein eindringt: Wie ich durch eine Straße gehe, was ich anziehe, welchen Weg ich wähle, auf was ich achte beim Gespräch mit jemandem – alles kontrolliere ich permanent auf Sicherheitsaspekte.

Das meiste davon automatisch, ohne es überhaupt noch zu bemerken - wie alle Brasilianer. Das ist ein hoher Verlust an Lebensqualität: Automatisch legen unsere Kinder ihre Uhren und Halsketten ab, wenn sie auf die Straße gehen.

Die kleineren können nicht alleine mit dem Fahrrad zum Fußballverein fahren. 300 Meter sind das. Warum? Weil immer wieder Autofahrer mit 100 Km/h durch unsere Straße rasen und sich nicht um Fußgänger, Ampeln und Verkehrsregeln kümmern. Weil ihnen nicht nur das Fahrrad und die Fußballschuhe geklaut werden könnten – was nicht wegen des Verlusts, sondern wegen der Bedrohung beängstigend ist. Weil sie in ein Auto gezogen und entführt werden könnten.

Vier Überfälle

Ich bin in Brasilien viermal mit einer Waffe überfallen worden. Mir ist dabei nie etwas Schlimmeres passiert. Auch meiner Familie ist bisher nichts geschehen. Damit gehören wir zu den Privilegierten. Doch die Einschläge rücken näher.

Aus dem engeren Bekanntenkreis wurde eine Freundin vor wenigen Wochen brutal in ihrem Wohnhaus überfallen, kam aber mit dem Leben davon. Ein enger Freund wurde telefonisch erpresst mit einer fingierten Entführung seines Sohnes. Die Ehefrau eines anderen wurde mehrere Stunden entführt, kam dann aber ohne Lösegeldzahlung unversehrt wieder frei.

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