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Buschfunk

Brasilien im Sog der Gewalt

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Keine Konzepte für mehr Sicherheit

Tumulte bei Massenprotesten in Brasilien einen Monat vor WM

Das Seltsame ist: Fast jeder Brasilianer empfindet die fehlende Sicherheit als das größte Problem des Landes. Darüber wird bei jedem Zusammentreffen geredet wie in Deutschland über das Wetter. Doch schreibe ich darüber, dann heißt es schnell: Warum musst du Brasilien immer so negativ beschreiben?

Das sagen mir Brasilianer auf Investorenkonferenzen, wo sie das Land im besten Licht darstellen wollen. "Du übertreibst" - das sagen mir auch Ausländer, die ein halbes Jahr im Land sind und nicht überfallen wurden. Ich höre jetzt schon die Kritik meiner Journalistenkollegen, die nach ein paar unvergesslichen Wochen im Land wieder abziehen und meine Artikel über die Gewalt in Brasilien für paranoid halten.

Ohne Ideen

Das Tragische ist: Auch jetzt im Wahlkampf kommen die Kandidaten nicht auf die Idee, schlüssige Konzepte gegen die fehlende Sicherheit vorzustellen. Ob die Gewalt schon so lange Teil des Alltags ist, dass sie eben als unveränderlich gesehen wird? Oder ob die Gewalttoleranz am kolonialen Ursprung der brasilianischen Gesellschaft liegt?

Der brasilianische Schriftsteller Luiz Ruffato erklärt die Gewalt in Brasilien damit, dass die Gesellschaft durch Massenvergewaltigungen entstanden sei: Europäische Männer vergewaltigten afrikanische und indianische Frauen.

Die Sitten verrohen

Die Folge der zunehmenden Gewalt führt auch gesellschaftlich zu einem Rückschritt: Wie im Mittelalter versucht jeder, sich selbst zu retten, seine Familie zu versorgen und abzusichern – auf Kosten der Gesellschaft. Mit immer höheren Mauern, Elektrozäunen, Wachdiensten.

Die Mittelschicht lebt in hermetisch geschlossenen Wohngebieten. Wer kann, fährt mit einem gepanzerten Auto. In São Paulo und Rio haben einige CEO Leibwächter in einem Begleitfahrzeug sowie einen ebenfalls bewaffneten Motorradfahrer im Tross. Auch die Armen schützen sich: mit Gittern überall, mit fragwürdigen Allianzen, mit eigenen Milizen, welche die Drogengangs rauswerfen und bald selbst die Bevölkerung drangsalieren.

In Arbeit
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Die Folge sind eine Verrohung der Sitten und eine fehlende Solidarität: Ich halte heute nicht mehr an, wenn am Straßenrand jemand neben seinem stehenden Auto um Hilfe winkt, so wie alle Brasilianer. Es könnte eine Falle sein.

Wie normal die Unsicherheit im brasilianischen Alltag ist, zeigt die Frage unseres ältesten Sohnes, als wir letzten Sommer mit der Straßenbahn durch Köln fuhren: „Sag mal, wie oft wird diese Bahn eigentlich durchschnittlich pro Woche überfallen?“

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