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WM-Tourist, verweile doch!

Alexander Busch Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Alexander Busch Korrespondent (São Paulo)

Brasilien hat die Fußball-WM überraschend gut hinbekommen - und dabei gelernt: Das Land ist nicht allein auf der Welt.

Schönheit jenseits der Fußballstadien
Zwölf Spielorte in einem Land mit doppelt so viel Fläche wie die EU, in das die Bundesrepublik 24 Mal hineinpassen würde – das Austragungsland der Fußballweltmeisterschaft bietet ganz eigene Herausforderungen, aber auch besondere Attraktionen. Die deutsche Nationalmannschaft muss für ihre drei Vorrundenspiele etwa 6000 Kilometer fliegen – das ist knapp die Entfernung zwischen Frankfurt und New York. Für die Fußballfans sind die Distanzen eine Chance. An vielen Spielorten gibt es Sehenswürdigkeiten. Eine Übersicht über die touristischen Attraktionen, von Traumstränden oder avantgardistischen Kunst- und Architekturparks bis zu historischen Städtchen und Dschungellandschaften. Quelle: dpa
Salvador de BahiaDeutschland : Portugal, 16. Juni Salvador de Bahia ist mit 3,3 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt Brasiliens und das Zentrum der afro-brasilianischen Kultur des Landes. Von hier kommen der Tanzkampf Capoeira und die Blocos Afro, Trommelgruppen wie Olodum, die jedes Spiel der Seleção begleiten, am liebsten beim Public Viewing in der kolonialen Altstadt. Nur hier gibt es die Moqueca: Fisch und Meeresfrüchte in Palmöl und Kokosmilch gekocht. Meisterhaft macht das Beto Pimentel in seinem Restaurant Paraíso Tropical. Hier kommt nur auf den Tisch, was am frühen Morgen aus dem Meer, den Plantagen und aus dem Regenwald geholt wurde (restauranteparaisotropical.com.br). In der Nähe von Salvador liegen Traumstrände. Morro de São Paulo ist mit dem Katamaran in eineinhalb Stunden zu erreichen. Auf der Insel gibt es geschmackvolle Pousadas, Design-Hotels, in denen sich die Gäste von den Partys an den Stränden erholen können. Tipp: minhaloucapaixao.com.br Quelle: dpa
FortalezaDeutschland : Ghana, 21. Juni Über die Strände der Nordostmetropole fegt permanent ein kräftiger, erfrischender Wind. Das ist gut für die Windkraftanlagen – aber noch interessanter für das Wind- und Kite-Surfer-Paradies Jeriquaquara, 300 Kilometer entfernt von der Hauptstadt des Bundesstaates Ceará. Das ehemalige Hippiedorf ist heute zwar voller gestylter Unterkünfte, doch die Stadt konnte sich etwas vom Woodstock-Feeling erhalten. So trifft sich zum Beispiel jeden späten Nachmittag das ganze Dorf auf der gewaltigen Düne am Strand, um die Sonne im Meer versinken zu sehen. Tipp: Pousada Jeriba. Quelle: dpa
RecifeDeutschland : USA, 26. Juni Die Hafenstadt Recife ist mit 1,5 Millionen Einwohnern Hauptstadt des Bundesstaats Pernambuco. Relativ nahe der anstrengenden Metropole liegt mit 550 Kilometern und gut 45 Flugminuten entfernt die Inselgruppe Fernando de Noronha. Vor den Stränden des Vulkanarchipels ist das Wasser so klar wie im Aquarium. Die Küste zählt zu den schönsten Tauchgebieten der Welt und ist dennoch sehr ruhig. Tipp: Pousada Zé Maria. Quelle: REUTERS
Porto AlegreAchtelfinale ggf. mit Deutschland (Gruppenerster, 30. Juni) Cabernet statt Caipirinha: 90 000 Hektar Wein werden heute in Brasilien angebaut, fast so viel wie in Deutschland. Italiener brachten die ersten Trauben nach Brasilien. Der Merlot ist beliebt, brasilianischer Sekt gewinnt internationale Preise. Im südbrasilianischen Bento Gonçalves reiht sich im „Tal des Weines“ ein Gut an das nächste. Tipp: Casa Valduga, Miolo und Salton. Quelle: REUTERS
Belo HorizonteMögliches Halbfinale Brasilien : Deutschland, 08. Juni Der brasilianische Bergbaumilliardär Bernardo Paz beschloss vor 15 Jahren, dass er nicht mehr reicher werden wollte – und begann seine Farm zu einem botanischen Garten auszubauen und mit zeitgenössischer Kunst zu füllen. Führende Künstler der Gegenwart hat er eingeladen, sich dort auszutoben. Preisgekrönte Architekten haben in Inhotim für die Avantgarde Pavillons gebaut – die selbst wieder architektonische Avantgarde sind ( inhotim.org.br). Tipp: estalagemdomirante.com.br Quelle: dpa
ManausVorrunde: USA, Schweiz Brasilien, das ist Regenwald, der sich unter Luxusbedingungen erkunden lässt und zum Reiseprogramm gehören sollte. Tipp: anavilhanaslodge.com Quelle: REUTERS

Ein Land, das seit drei Jahren nicht mehr wächst, mit gigantischen Problemen in der Infrastruktur und Sicherheit, soll mitten im Wahlkampf, aufgemischt durch Massenproteste und Korruptionsskandale, nicht nur eine perfekte WM organisieren, sondern gleichzeitig schön Fußball spielen und auch noch den Titel abräumen. Kaum machbar.

Dennoch hat Brasilien das ziemlich gut hinbekommen - zumindest die Organisation des Turniers. Die Stadien funktionierten genauso wie die Flughäfen und die Nebenveranstaltungen. Die Fans waren meistens ziemlich glücklich, die Partys vor und nach den Spielen klasse. Die befürchteten Massendemos fanden nicht statt, auch die Überfälle auf Fans hielten sich in Grenzen.

Außerdem fielen so viele Tore wie noch nie. Die Spiele waren spannend und es gab überraschende Gewinner und Verlierer in den Vorrunden. Der einzige richtige Skandal scheint bisher der Fifa zugeordnet, deren Vermarktungsgesellschaft Tickets auf dem Schwarzmarkt verkauft zu haben scheint.

Fazit: Brasilien kann stolz auf diese Weltmeisterschaft sein – bis auf das 1:7 gegen die Deutschen, das das nationale Selbstbewusstsein noch länger beschäftigen wird.

Dennoch reicht der Erfolg der WM weiter. Es ist faszinierend, wie die Brasilianer auf die Massen von ausländischen Fans aus Europa, den USA und Asien reagiert haben. Denn ausländische Besucher sind in Brasilien immer noch eine Seltenheit.

Brasilien ist als fünftgrößtes Land der Welt weitgehend isoliert auf der südlichen Hemisphäre, weit entfernt von den Machtzentren der Welt – politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Für die meisten Brasilianer beschränkt sich die Welt auf ihren Wohnort und das, was ihnen TV Globo jeden Abend aus dem weiten Brasilien zwischen den Pampas und dem Amazonas zeigt. Eine Welt für sich, klar. Doppelt so groß wie die EU, 24 Mal passt Deutschland da hinein.

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Doch für die Brasilianer sind die durchaus positiv titulierten „Gringos“ immer noch sehr fremd. Sie fanden es toll, dass so viele von ihnen nach Brasilien kamen. Sie haben sie meistens freundlich und respektvoll empfangen – und bestaunt wie Wesen von einem anderen Stern: Als die Holländer so ausgelassen wie sie selbst feierten, die Portugiesen an der Copacabana zelteten oder die US-Amerikaner ihre Riesenpartys organisierten.

Das wird dem Land als Erkenntnisgewinn bleiben: Brasilien ist nicht alleine auf der Welt. Brasilien ist auch nicht einzig, wie es sich die Brasilianer immer einreden – sondern Teil der Weltgemeinschaft.

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