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CEO des weltgrößten Waffenshops „Wir gelten als systemrelevant und unverzichtbar“

Kunden und Verkäufer in einem Waffengeschäft. Quelle: dpa

Wegen Corona steht das öffentliche Leben auch in den USA still. Doch das Geschäft mit Schusswaffen ruht nicht. Im Interview erklärt der Chef des Waffenladens Adventure Outdoors, warum sein Shop nicht schließen muss.

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Jay Wallace, CEO des weltgrößten Waffenladens Adventure Outdoors im US-Bundesstaat Georgia, hat aufregende Wochen hinter sich. Denn während sich Deutsche in der Corona-Krise mit Nudeln, Toilettenpapier oder Mehl eindecken, horten US-Amerikaner Waffen. Weil das Recht, eine Waffe zu führen, in den Vereinigten Staaten Verfassungsrang genießt, bleiben die Shops von Wallace und anderer Händler trotz des landesweiten Shutdowns geöffnet. Sie gelten als unverzichtbar. Wallace verkaufte zuletzt fünfmal so viele Waffen wie sonst. Auf die Anfrage der WirtschaftsWoche reagiert er mit zehn Tagen Verzögerung. Seine Assistentin sei krank, die Arbeit kaum zu bewältigen.

WirtschaftsWoche: Herr Wallace, Mitte März standen die Leute Schlange vor den Waffenläden in den USA. Hat sich der Andrang etwas gelegt?
Jay Wallace: Die Lage beruhigt sich. Wir befinden uns in einem Shutdown, deswegen gibt es Beschränkungen, wie viele Leute ins Geschäft dürfen. Man muss knapp zwei Meter Abstand halten. Es sind harte Zeiten.

Viele Geschäfte mussten schließen. Warum nicht die Waffenläden?
Wir gelten als systemrelevant und unverzichtbar, so wie die Lebensmittelgeschäfte und Drogeriemärkte. Deswegen bleiben wir geöffnet.

Dass man Nahrungsmittel und Dinge des täglichen Bedarfs kaufen kann, leuchtet ein. Aber was ist an Schusswaffen essenziell?
Hier in den USA ist das Teil unserer Kultur und unserer Verfassung. Und unsere Verfassung ist definitiv essenziell. Die Menschen müssen die Möglichkeit haben, Schusswaffen und Zubehör zu kaufen, um sich zu schützen. Das hat sich nicht geändert.

Und es gibt einen Bedarf in diesen Zeiten, der es nötig macht, dass diese Geschäfte geöffnet haben?
Ja. Wir haben in den vergangenen fünf Wochen fünfmal so viel verkauft wie gewöhnlich. Wir konnten die Nachfrage gar nicht so schnell bedienen. Wenn du mehr als 500 Schusswaffen an einem Tag verkaufst, ist das viel Papierkram und Arbeit für die Angestellten.

Jay Wallace, der CEO des weltgrößten Waffenladens. Quelle: Wallace

Für einige Zeit haben Sie den Verkauf auf Ihrer Internetseite ausgesetzt. Wann haben Sie realisiert, dass die Nachfrage Sie überwältigt?
Das hat sich langsam entwickelt, nicht alles auf einmal. Aber unter der Woche haben Leute vor dem Geschäft Schlange gestanden, als wir aufgemacht haben. Das passiert sonst nicht, außer vielleicht mal am Wochenende oder wenn wir Sonderangebote haben. Eigentlich wäre jetzt nicht viel los, wir sind außerhalb der Jagdsaison. Aber es ist Tag für Tag mehr geworden. Irgendwann waren wir an dem Punkt, an dem wir den Laden früher geschlossen haben, weil wir mit dem Abkassieren nicht hinterhergekommen sind.

Was sind die Motive der Käufer?
Sie haben nicht viel gesprochen. Die meisten waren sehr ruhig, aber besorgt. Ich habe noch nie so viele Erstkäufer gesehen. Viele davon hatten vorher schon einmal darüber nachgedacht. Mit der Angst, nicht geschützt zu sein und sich selbst schützen zu müssen, haben sie sich zu einem Kauf entschieden.

Was ist mit der Polizei? Es ist doch deren Aufgabe, die Bürger zu beschützen.
Die Polizei kann nicht immer überall sein. In Städten ist das etwas anderes, aber in ländlichen Gegenden dauert es manchmal 30 Minuten, bis die Polizei da ist. In der Zeit kann viel passieren.

Wussten die Kunden denn genau, was sie wollten?
Nein. Einige wussten genau, was sie wollten, aber die meisten sind reingekommen und haben im Shop eine Entscheidung getroffen – aus dem Angebot, das noch verfügbar war.

In Wahljahren steigt die Zahl der Waffenverkäufe grundsätzlich. Haben Sie das für dieses Jahr einkalkuliert?
Bei der letzten Wahl war die Angst groß, dass die Demokraten gegen das Recht, Schusswaffen zu tragen, vorgehen würden. Sie sind größtenteils dagegen. Aber in diesem Jahr sind die Menschen relativ beruhigt mit Trump als Präsident. Er ist für den Zweiten Verfassungszusatz (Second Amendment). Deswegen sind die Verkaufszahlen bislang nicht so stark gestiegen wie letztes Mal.

Aber es besteht doch die Chance, dass der designierte demokratische Kandidat Joe Biden gegen Trump gewinnt.
Na ja, Biden tut sich keinen Gefallen mit dem, was er im Fernsehen sagt – und wenn er sich verspricht. Das wirkt sich langsam auf die öffentliche Meinung aus. Er kommt nicht selbstbewusst rüber. Aber das muss ein Präsidentschaftskandidat sein.

Nachfrageschocks wie jetzt wegen Corona kommen immer wieder mal vor, etwa 2012 nach einem Amoklauf in Newtown, Massachusetts, und der Wiederwahl von Präsident Barack Obama. Die Waffengesetze haben sich seitdem aber kaum verschärft. Wie erklären Sie sich diese Nachfrageschocks?
Als Obama wiedergewählt wurde, haben viele Leute Schusswaffen als Investment gekauft. Sie sind davon ausgegangen, dass der kommerzielle Markt beschränkt würde und der Wert der Waffen steigen würde. Jetzt kaufen die Leute die Waffen zum eigenen Schutz. Das ist ganz anders als 2012.

Angenommen, ich will bei Ihnen eine Waffe kaufen. Welchen Sicherheitschecks muss ich mich unterziehen?
Jemand, der keine Erlaubnis für das verdeckte Tragen einer Waffe in der Öffentlichkeit hat, muss sich einer Überprüfung unterziehen. Das ist eine der wenigen Ausnahmen in unserem Land, in der man seine Unschuld beweisen muss. Normalerweise gilt die Unschuldsvermutung. Aber beim Kauf von Schusswaffen ist es andersherum. Wenn dein Name Mike Smith ist und die Behörden nicht belegen können, dass du nicht der Mike Smith bist, der eine Straftat begangen hat, dann wird dein Kauf verzögert, bis sie es belegen können. Das kann bis zu drei Tage dauern.

Die Verkaufshalle von Adventure Outdoors in Smyrna, Georgia. Quelle: Wallace

In einem CNN-Interview vor ein paar Jahren sagten Sie, einer der Unterschiede zwischen Europa und Amerika sei die persönliche Freiheit und dass Sie diese bewahren wollten. Finden Sie, die Menschen in Europa sind nicht frei?
Sagen wir so: Europäer haben nicht die individuellen Freiheiten wie wir. Ihr trefft Entscheidungen eher als Gruppe. Bei uns stehen die individuelle Verantwortung und Freiheit im Vordergrund. Das ist eine andere Art zu denken: In Europa ist der Ansatz, sich innerhalb einer Gruppe gegenseitig zu schützen. Dabei verliert man Individuen, die außen vor bleiben. Das passiert bei uns nicht, weil jeder für sich selbst verantwortlich ist.

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