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Chaos in Mali Europa droht Terrorismus und Verlust wirtschaftlicher Partner

Von Mali bis zum Suezkanal taumelt die riesige Weltregion ins Chaos. Die Krisen in den unterschiedlichen Ländern verstärken sich gegenseitig. Europa drohen Terrorismus und der Verlust potenzieller wirtschaftlicher Partner vor der eigenen Haustür.

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Die französische Regierung hofft auf einen leichten Durchmarsch in Mali. Quelle: dapd

Heute noch schämt sich Madibo Maiga, dass er sich nicht gleich von Anfang an gegen die bärtigen Männer stellte, die in seiner Heimatstadt Timbuktu die Macht übernahmen. Der 54-jährige Agrarexperte war eine Respektsperson, schon weil er für die Verbreitung moderner Bewässerungssysteme im dürren Norden von Mali sorgte. „Die Bärtigen taten so, als wollten sie uns helfen, eine neue Ordnung aufzubauen“, erzählt Maiga der WirtschaftsWoche. Von Ordnung träumt man in der riesigen Region, wo Korruption und Clanherrschaft das Geld aus der Hauptstadt Bamako seit Jahren versickern lassen.

Dann aber entpuppten sich die neuen Machthaber als islamistische Terroristen. Maiga musste fliehen, und seine Heimat wurde Brennpunkt eines Konflikts, der Nordafrika – von der Mittelmeerküste bis zum Südrand von Sahara und Sahel-Zone – mit dem Kollaps bedroht. Er erschüttert aber auch Europa: Die militärische Intervention in Mali, für Frankreichs Regierung fast eine Selbstverständlichkeit und für das bislang erst spärlich involvierte Deutschland eine lästige Bürde, könnte einem neuen Afghanistan gelten.

Zwei Jahre nach der großen arabischen Rebellion droht der Norden Afrikas in islamistischer Reaktion und wirtschaftlicher Stagnation zu versinken. Das wirkt sich verheerend aus auf die viel ärmeren Länder im Süden, die ihr gesteigertes Elend wiederum in Richtung Norden exportieren. Für Flüchtlinge sind die Tausende Kilometer langen Grenzen in der Wüste keine wirklichen Hindernisse; für Terroristen erst recht nicht: Der Anschlag auf das algerische Gasfeld im Januar war dafür ein schlimmes Beispiel.

Glanz und Elend in der Wüste. Zur vergrößerten Ansicht bitte auf die Darstellung klicken.

All das konnte sich Maiga, der Agronom aus Timbuktu, anfangs nicht vorstellen. Solange es ging, gehorchte er den bärtigen neuen Herren, damit er weiter Medikamente für die örtliche Krankenstation besorgen und weiter Brunnen bauen konnte – das Geld dafür kam aus Frankreich und den USA. Doch es ging nicht lange gut: Nach zwei Wochen begannen die radikalen Herrscher, vor Maigas Augen widerspenstige alte Männer zu schlagen und jungen angeblichen Dieben die Hand abzuhacken.

Mit Mühe erhielt Maiga schließlich die Erlaubnis, Timbuktu mit dem Auto zu verlassen. Dramatische Momente, die ihn noch heute verfolgen: Aus einer Falte seines grünen Gewands zieht er einen Zettel mit der Aufschrift „Laisser Passer“ – den Passierschein der inzwischen aus Timbuktu vertriebenen islamistischen Polizei.

Und jetzt, nachdem das französische Militär die Bärtigen aus Timbuktu verjagt hat? Maiga haust weiter in Bamako, in einem Flüchtlingsheim in Zimmer B9 auf einer verlausten Matratze: „Sie haben mir alle Maschinen gestohlen, es gibt keine Verwaltung, keine Wirtschaft, keine Arbeit, absolut nichts!“ Der Wiederaufbau wird lange dauern, die Stabilisierung Nordafrikas, so überhaupt möglich, viel länger.

Eines ist sicher: Mit der Entsendung von Militär, wie jetzt nach Timbuktu, ist wenig getan. Die Krisenregion ist größer als EU-Europa – und ein gefährliches Gemisch. Da gibt es potenziell reiche Länder, dank der Bodenschätze – aber auch bettelarme. In vielen Ländern gibt es ethnische Gegensätze zwischen Afrikanern schwarzer Hautfarbe, Arabern und Berbervölkern wie den Tuareg in Mali. Und dann gibt es den ganz großen Konflikt zwischen offenbar immer militanteren Islamisten, friedlichen Muslimen wie Maiga und nicht islamischen Minderheiten wie den Christen in Ägypten oder im Norden Nigerias.

Nach alter Gewohnheit könnte Europa – abgesehen vielleicht von der alten Kolonialmacht Frankreich – wegschauen, wenn weit weg in der Sahelzone die Völker aufeinander einschlagen. Die Argumente sind bekannt. Sie reichen von der Unregierbarkeit von Subsahara-Afrika bis zur Warnung vor einer imperialistischen Bevormundung der arabischen Welt. All das zieht derzeit aber nicht: In Mali spielt sich eben keine der postkolonialen Endlos-Tragödien ab – wie etwa im Kongo. In der ehemaligen französischen Kolonie gibt es eine muntere Zivilgesellschaft, die nicht islamisiert werden will und die Intervention der Franzosen gut findet, ja feiert.

In den Hauptstädten am Mittelmeer denken viele Menschen ähnlich: Junge Geschäftsleute im Kairoer Café Riche, Universitätsdozenten in Tunis oder gebildete Journalisten in algerischen Zeitungsredaktionen wünschen sich derzeit sehnlichst mehr westlichen Einfluss auf ihre Länder, um den islamistischen Ansturm und den anhaltenden Machtanspruch korrupter Militärs und Bürokraten abzuwehren.

Muntere Zivilgesellschaft


Die zehn friedlichsten Länder der Welt
Friedensforscher haben an die Bundesregierung appelliert, auf die Anschaffung von Kampfdrohnen zu verzichten. Deutschland solle sich stattdessen für ein internationales Verbot dieser Waffensysteme einsetzen. Das forderten vier deutsche Institute für Friedens- und Konfliktforschung als Herausgeber des „ Friedensgutachtens 2013“. Trotz der Drohnen-Affäre erwägt Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU), am Kauf von Kampfdrohnen für die Bundeswehr festzuhalten. Der unter Druck stehende CDU-Politiker will bis zu 16 unbemannte Flugzeuge anschaffen, wie Ende Mai aus einer Regierungsantwort auf eine SPD-Anfrage hervorging. Die Friedensforscher kritisierten, bewaffnete Drohnen versinnbildlichten den „schlanken Krieg“ per Fernsteuerung wie kein anderes Waffensystem. „Wenn man zu militärischen Mitteln greifen kann, ohne das Leben eigener Soldaten zu riskieren, sinkt die Hemmschwelle zum Einsatz von Gewalt.“ Nach Angaben der Institute besitzen mehr als 80 Staaten inzwischen Aufklärungsdrohnen. Die Bundesregierung solle zudem Rüstungsexporte einschränken und mehr Transparenz bei Beschlüssen zu Waffenausfuhren zulassen, forderten die Forscher weiter. Über größere Waffenlieferungen solle künftig der Bundestag debattieren, nicht nur geheime Gremien. Die Bundesrepublik ist hinter den USA und Russland drittgrößter Waffenexporteur der Welt. Unter den friedlichsten Ländern der Welt schafft es Deutschland nur auf Platz 15. Quelle: dpa
Platz 10: SchweizVor allem die neutrale Schweiz ist in den vergangenen Jahren friedlicher geworden. Belegte das Alpenland 2010 noch Platz 18, war es vergangenes Jahr Platz 16 – und dieses Jahr Platz 10. Bei Morden, Bevölkerungsanteil im Gefängnis und politischen Terror schneidet sie mit einem GPI von 1,0 sehr gut ab. Je niedriger der errechnete Index, desto friedlicher ist das Land in der jeweiligen Kategorie. So gibt es für die Alpenrepublik unter anderem Abzug wegen Waffenexporten (4,0), Militärgröße (3,0) und Kriminalität (2,0). Quelle: AP
Platz 9: FinnlandFinnland ist um zwei Plätze zurück gefallen. Belegten die Nordlichter in Sachen Friedlichkeit 2011 noch Platz 7, ist es dieses Jahr Platz 9. Diesen Rang hatten die Finnen schon 2010 inne. Ob Gewaltverbrechen, Terroranschlägen oder bewaffnete Sicherheitskräfte – Finnland erreicht in vielen Punkten einen GPI von 1,0. Den schlechtesten Index gibt es mit 3,0 für die Größe des Militärs. 2,5 erhält Finnland für seine schwere Bewaffnung, 2,0 unter anderem wegen gewalttätiger Demonstrationen und Morde. Quelle: obs
Platz 8: SlowenienSlowenien ist in den vergangenen Jahren stetig friedlicher geworden. Belegte die ehemalige jugoslawische Republik 2008 noch Rang 16, hat sie sich mittlerweile auf den achten Platz vorgearbeitet. Der schlechteste GPI Sloweniens beträgt 2,0. Den erhält das Mittelmeerland etwa für seine Beziehungen zu Nachbarstaaten, Kriminalität und gewalttätige Demonstrationen. Quelle: AP
Platz 6: IrlandDie grüne Insel kletterte im Ranking dieses Jahr von Platz 11 auf Platz 6 hoch. Lob und damit einen GPI von 1,0 gibt es etwa für die Vertriebenenpolitik, politische Stabilität und Morde. 2,0 gab es etwa wegen den irischen Polizisten, Gewaltverbrechen und Zugang zu Waffen. Quelle: gms
Platz 6: ÖsterreichDen sechsten Platz teilt sich Irland mit Österreich. Zwar belegte der Alpenstaat 2007 noch Platz 10, doch stand Österreich etwa 2010 mit Rang 4 auch mal besser da. Das Institute for Economics and Peace hat etwa die Größe des Militärs zu bemängeln (3,0), Kriminalität und gewalttätige Demonstrationen (je 2,0). Quelle: gms
Platz 5: JapanDas Land des Lächelns ist zwei Plätze abgestiegen und belegt dieses Jahr im Friedlichkeitsranking Platz 5. Vor allem für die Größe des Militärs gibt es mit einem GPI von 4,0 einen großen Abzug. Die Beziehungen zu benachbarten Ländern könnte auch besser aussehen. Dafür erhält Japan nur einen GPI von 3,0. Quelle: dpa

In den Hauptstädten am Mittelmeer denken viele Menschen ähnlich: Junge Geschäftsleute im Kairoer Café Riche, Universitätsdozenten in Tunis oder gebildete Journalisten in algerischen Zeitungsredaktionen wünschen sich derzeit sehnlichst mehr westlichen Einfluss auf ihre Länder, um den islamistischen Ansturm und den anhaltenden Machtanspruch korrupter Militärs und Bürokraten abzuwehren.

Gerade aus Sicht dieser natürlichen Verbündeten Europas steht jetzt in Mali viel auf dem Spiel. Das riesige Wüstenland könnte zum Aufmarschgebiet für das Terror-Netzwerk al-Qaida werden, ein viel bedrohlicheres zweites Afghanistan. Bedrohlicher, weil zwischen Mali und der EU keine einzige wirklich gut bewachte Grenze liegt, sondern nur das leicht durchquerbare Algerien und das Mittelmeer. Die Wüstengegend im Grenzgebiet von Mali, Niger und Algerien ist ein optimaler Unterschlupf für Terroristen: wirtschaftlich verarmt, militärisch unkontrollierbar und reich an ungezählten Waffen aller Art, die zusammen mit Söldnern des libyschen Diktators Muammar Gaddafi nach dessen Sturz in die Wüste kamen.

Kein Mensch glaubt ernsthaft, die gegenwärtigen Siegesmeldungen könnten von Dauer sein. Terroristen und ihre Helfer, die jetzt aus Timbuktu und anderen Städten in die Wüste getrieben werden, werden sich dort schon bald neu formieren. Umso wichtiger ist aus europäischer Sicht die Kooperation mit den arabischen Staaten am Mittelmeer. Würden diese sich nach den glorreichen Revolutionen von 2011 vernünftig entwickeln, hätte Europa die wirtschaftlichen und politischen Partner vor seiner Haustür, die es braucht.

Doch danach sieht es nicht aus. Schon gar nicht vor ein paar Tagen, als trotz der blutigen Unruhen zu Hause der ägyptische Präsident Mohammed Mursi zu Besuch nach Berlin kam. Denn was hatte er zu sagen? Mursi ist ein langweiliger Redner, der stur sein Mantra vorbetet – er sei verfassungsmäßig gewählt, alle Nachrichten vom Chaos in seinem Land sind erstens übertrieben und handeln zweitens von Machenschaften illegaler Demokratiefeinde im Bündnis mit Kriminellen und vom Ausland gesteuerten Kräften.

Was Mursi nicht zu bieten hatte, war irgendeine Idee, wie er die Spaltung seiner eigenen Gesellschaft überwinden könne. Seine Außenpolitik beschränkt sich auf die Unterstützung des palästinensischen Kampfes gegen das aus tiefster Seele gehasste Israel. Aber von Deutschland erhofft er sich Unterstützung. Kein Wort zu Afrika, kein Wort zur darbenden Wirtschaft, der wachsenden Arbeitslosigkeit und zunehmenden Auslandsverschuldung. Mit einer Ausnahme: Über Ägyptens Haupteinnahmequelle Tourismus hatte der Präsident auf Anfrage einiges zu sagen. Ein mögliches Alkoholverbot sei doch eine völlig nebensächliche Frage, jeder dürfe das tun, was seine Religion ihm erlaube, jeder müsse aber auch auf die Bräuche seiner Gastgeber Rücksicht nehmen – was immer das nun heißen mag. Auch in Deutschland, fügte er noch hinzu, sei seines Wissens Alkohol am Steuer verboten.

Derweil rückt Ägypten dem wirtschaftlichen Kollaps näher, den Pessimisten schon zur Zeit des Umbruchs 2011 befürchtet hatten. An Kairo, Port Said, Ismailia und Suez – allesamt Orte gewalttätiger Demonstrationen – führt der Suezkanal vorbei. Hier würde jede Unterbrechung der Schifffahrt Ägypten seiner stabilsten Einnahmequelle berauben.

Und so brennt Nordafrika an der nordöstlichen wie der südwestlichen Ecke, während die bettelarmen Sahel-Staaten Tschad und Niger vor dem Überschwappen des islamistischen Terrorismus bangen. Die politisch ganz unterschiedlichen Maghreb-Staaten Tunesien, Algerien und Marokko müssen nicht nur mit der Terrorgefahr, sondern auch mit der Enttäuschung ihrer Bürger über die wirtschaftliche Stagnation fertig werden. Weder die zaghaften Reformen des Europa zugewandten Monarchen Mohammed VI. in Marokko noch die vom Öl- und Gasexport finanzierten sozialpolitischen Wohltaten der Algerien regierenden Clique noch der demokratische Wandel in Tunesien haben viel gegen die Armut ausrichten können.

Weder die zaghaften Reformen des Europa zugewandten Monarchen Mohammed VI. in Marokko noch die vom Öl- und Gasexport finanzierten sozialpolitischen Wohltaten der Algerien regierenden Clique noch der demokratische Wandel in Tunesien haben viel gegen die Armut ausrichten können.

Verbündete, nicht Barbaren


Wer am meisten für Rüstung ausgibt
Bundeswehrsoldaten auf einem Staudamm
Italiens Truppen im Libanon
Indische Soldaten
Transportflugzeuge der Bundeswehr
Arabische Truppen beim Transport
Soldaten in den Trümmern Miyagis nach der Katastrophe in Japan
Russische Soldaten während einer Militärparade in Moskau

Im Zentrum von Tunis, zwischen Alt- und Neustadt, erhebt sich die Statue des vielleicht größten Tunesiers aller Zeiten, des Gelehrten Ibn Khaldun. Nach dessen Analyse werden geschwächte städtische und entwickelte Staaten regelmäßig von barbarischen Kräften aus der Wüste besiegt. Keine Beschreibung des 21. Jahrhunderts, sondern geschrieben vor mehr als 600 Jahren.

Was die große Frage aufwirft, ob Europa helfen kann. Und wie? Vielleicht mit der Erkenntnis, dass die Regierungen des schwarzen Afrika keine Machtzentren von Barbaren sind, sondern Verbündete bei der Abwehr des Terrorismus.

Fata Morgana

Aber stimmt das wirklich? „Malis Regierung ist von außen demokratisch, aber innen völlig korrupt und ineffizient“, schimpft Imam Mohamoud Dicko. Jene Demokratie, die auch Deutschland mit Entwicklungshilfe stabilisiert habe, sei in Wahrheit eine Fata Morgana gewesen. Der Präsident des Hohen Islamischen Rats, einer der höchsten Geistlichen Malis, teilt die Wahrnehmung vieler Landsleute, wonach der Aufschwung der vergangenen Jahre bei den meisten Menschen nicht angekommen sei. Schon darum zürnte kaum jemand, als beim Putsch vor knapp einem Jahr eine farblose durch eine blasse Regierung ersetzt wurde.

Der Imam empfängt in einem abgedunkelten Wohnzimmer in einem tristen Vorort von Bamako. Die Uhr an der Wand ist um kurz nach zwölf stehen geblieben. Dicko ist ein großer Mann und scharfer Denker, der sich für eine moderate Form des Islam starkmacht. Dass der Norden derart außer Kontrolle ist und die Menschen in die Fänge der Islamisten geraten konnten, begründet er auch mit der Schwäche der Herrschenden in Bamako: „Die Zentralregierung hat sich nicht mehr um die effiziente Verteilung des Budgets gekümmert und zugelassen, dass die Tuareg im Norden ein Eigenleben entwickelten.“

Nicht, dass alle Tuareg in Mali gegen den Zentralstaat wären: Der Schuldirektor Sidi Ahmed Alassan ist selbst Tuareg – und versteht die Gründe der Sezessionsbewegung bis heute nicht: „Wir wurden nie diskriminiert, weshalb sollten wir also zu den Waffen greifen?“ Er erzählt von vielen Ehen zwischen dunkelhäutigen Maliern und hellhäutigen Tuareg. Und er selbst sei doch der lebende Beweis für geglückte Integration: Tuareg – und trotzdem hoher Beamter.

Allerdings zurzeit außer Dienst: Die Stadt Menaka, wo Alassan im Auftrag der Zentralregierung eine Schule für 1200 Kinder leitete, wurde zuallererst attackiert – von separatistischen Tuareg. Diese hatten sich mit radikalen Islamisten verbündet und gaben die Stadt schließlich der Anarchie preis. Jetzt hockt der Direktor im Schneidersitz auf einem alten Sofa in einer Armensiedlung nördlich von Bamako: „Meine Schule war zwei Jahre alt, sie haben sie geplündert und völlig zerstört.“ Möbel hätten die Aufständischen zu Brennholz verarbeitet, Fenster und Türen wurden herausgerissen, Büroschränke verscherbelt. Auch andere staatliche Gebäude, die Farmen, die Krankenstationen – „alles haben sie zerstört, es ist nichts übrig von Menaka“. Geflohen sei er schließlich, weil ihn ein 19-jähriger Schüler umbringen wollte. Alassan hatte ihn von der Schule geworfen.

Auch das fällt nun der alten Kolonialmacht Frankreich vor die Füße. Dabei wollte der französische Staatspräsident François Hollande endlich aufräumen mit dem postkolonialen Françafrique und den fragwürdigen Kumpaneien mancher seiner Vorgänger mit afrikanischen Diktatoren. Doch Frankreich ist noch immer in neun afrikanischen Ländern mit Militärstützpunkten und Truppen präsent. Und es sieht so aus, als ginge es so weiter.

Mali war eben mehr als ein innerstaatlicher Konflikt in einem abgelegenen Staat. Frankreich sorgt sich auch um die für den Atomkonzern Areva so wichtigen Uranvorkommen in Niger und um die reichen Öl- und Gasreserven in Algerien. Und es fürchtet sich vor dem Import des Terrors aus Nordafrika. Zwar seien aus Mali stammende Islamisten „nicht ausreichend strukturiert“, um einen großen Anschlag vorzubereiten, sagt der mit Terrorismus befasste Pariser Ermittlungsrichter Marc Trévidic. Doch in den vergangenen Wochen beobachtete er eine steigende Zahl von in Frankreich lebenden Dschihadisten, wie sie sich auf den Weg nach Mali machten. Afghanistan lässt grüßen.

Frankreich sorgt sich


Eine deutsche Transall mit logistischer Unterstützung für die französischen Truppen landet auf dem Flughafen in Bamako, Mali. Quelle: REUTERS

Im restlichen Europa spricht sich das nur langsam herum. Aber schon vergangenen Oktober forderte die damalige amerikanische Außenministerin Hillary Clinton die algerische Regierung auf, eine militärische Intervention im Nachbarland Mali zu unterstützen. Eine Woche später traf die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton in Algier ein und sprach über den Schutz des kulturellen Erbes, über Jugendarbeitslosigkeit und den Transportsektor. Von einer sicherheitspolitischen Strategie wie bei den Amerikanern fehlte jede Spur.

Auf der Weltbühne tut sich Europa eben schwer, seine Interessen zu verteidigen – selbst wenn es um die eigene Nachbarschaft geht. An Analysen fehlt es dabei nicht: Seit 2008 arbeitet die EU an einer Sahel-Strategie, 2011 haben die Außenminister der 27 Mitgliedstaaten das Papier angenommen. Doch dem Plan für mehr Sicherheit und Wohlstand in Ländern wie Mali, Mauretanien und Niger fehlte ein zentrales Element: die Verbindung zu Malis wichtigem Nachbarland Algerien, das in der Region den Ton angibt.

Dabei sei „allen bewusst, dass man in der Region ohne Algerien nicht viel erreichen wird“, sagt die deutsche Europaabgeordnete Franziska Brantner. Allerdings ist der Umgang mit Algerien umstritten, weil das Land in Sachen Korruption und Demokratie keineswegs den Vorstellungen der EU entspricht. Eher schon greift das eigene Prinzip, EU-Nachbarländern die Mittel zu kürzen, wenn diese nicht den vereinbarten Fortschritt erreichen. Soll die EU im Interesse der regionalen Stabilität bei Algerien ein Auge zudrücken, wie früher beim Libyen Gaddafis? Ein abschreckendes Beispiel.

Der Testfall für die neue Nachbarschaftspolitik, die Ashton 2011 präsentiert hat, steht noch aus. Das zentrale Element der Strategie ist das Prinzip „more for more, less for less“: Länder, die sich anstrengen, bekommen mehr Hilfe; Länder, die sich nicht bewegen, müssen mit Kürzungen rechnen. Schon jetzt wird der Grundsatz bei einem Teil der Gelder angewandt. „Aber in der Praxis sehen wir, dass eher etwas draufgelegt als gestrichen wird“, sagt die Abgeordnete Brantner.

Also sprechen erst einmal die – vor allem französischen – Waffen. Vergangene Woche wurde Timbuktu befreit. Kilometer für Kilometer erobert Frankreich den Norden Malis zurück. Und dann? Schon jetzt werden Racheakte der malischen Armee an Islamisten und Tuareg bekannt. Das lässt nichts Gutes vermuten für das Zusammenleben der an sich friedfertigen Malier mit den besiegten Tuareg.

Wie es wenigstens in Mali wirtschaftlich weitergehen soll, steht in den Sternen. Wegen des Putsches vom April 2012 hat die Bundesregierung wie die meisten anderen EU-Staaten die Entwicklungshilfe eingestellt. Die schwachen Wirtschaftsbeziehungen leiden darunter, dass es keine Kreditausfallversicherungen mehr gibt. Nie ging es Mali so schlecht wie jetzt, wo es am dringendsten Hilfe braucht.

Und zwar keine Entwicklungshilfe, sagt der Ökonom Abdoulaye Niang, der 30 Jahre lang für die Vereinten Nationen gearbeitet hat: „Mali könnte im Jahr für 55 Milliarden Dollar Gold fördern, besitzt Seltene Erden, Magnesium, Coltan und Gas. Das müssen wir nur aus dem Boden holen und gerechter verteilen.“ Weil das nicht passiert, so Niangs Analyse, fühlen sich die Menschen betrogen und neigen immer wieder zu Revolten. „Wenn die Kommunen mit nur 1,5 Prozent an den Minen beteiligt werden, sind die politischen Risiken gebannt und die Menschen sehen Perspektiven für die Zukunft.“

Ausland



Eine Hoffnung, die ähnlich utopisch klingt wie die Erwartung vieler Ägypter und Tunesier, Investoren aus den arabischen Golfstaaten würden endlich für die nötigen Investitionen in ihren Ländern sorgen, statt ihre Millionen auf dubiosen Kanälen in politische Parteien und religiöse Bewegungen zu stecken. Geld löst nicht alle Probleme der riesigen Region, aber doch sehr viele.

Ibn Khaldun, bis heute der größte Nordafrika-Fachmann aller Zeiten, hat schon Ende des 14. Jahrhunderts festgestellt: Hoch verschuldete Staaten sind dem Untergang geweiht.

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