WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Chaos in Mali Europa droht Terrorismus und Verlust wirtschaftlicher Partner

Seite 4/4

Frankreich sorgt sich


Eine deutsche Transall mit logistischer Unterstützung für die französischen Truppen landet auf dem Flughafen in Bamako, Mali. Quelle: REUTERS

Im restlichen Europa spricht sich das nur langsam herum. Aber schon vergangenen Oktober forderte die damalige amerikanische Außenministerin Hillary Clinton die algerische Regierung auf, eine militärische Intervention im Nachbarland Mali zu unterstützen. Eine Woche später traf die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton in Algier ein und sprach über den Schutz des kulturellen Erbes, über Jugendarbeitslosigkeit und den Transportsektor. Von einer sicherheitspolitischen Strategie wie bei den Amerikanern fehlte jede Spur.

Auf der Weltbühne tut sich Europa eben schwer, seine Interessen zu verteidigen – selbst wenn es um die eigene Nachbarschaft geht. An Analysen fehlt es dabei nicht: Seit 2008 arbeitet die EU an einer Sahel-Strategie, 2011 haben die Außenminister der 27 Mitgliedstaaten das Papier angenommen. Doch dem Plan für mehr Sicherheit und Wohlstand in Ländern wie Mali, Mauretanien und Niger fehlte ein zentrales Element: die Verbindung zu Malis wichtigem Nachbarland Algerien, das in der Region den Ton angibt.

Dabei sei „allen bewusst, dass man in der Region ohne Algerien nicht viel erreichen wird“, sagt die deutsche Europaabgeordnete Franziska Brantner. Allerdings ist der Umgang mit Algerien umstritten, weil das Land in Sachen Korruption und Demokratie keineswegs den Vorstellungen der EU entspricht. Eher schon greift das eigene Prinzip, EU-Nachbarländern die Mittel zu kürzen, wenn diese nicht den vereinbarten Fortschritt erreichen. Soll die EU im Interesse der regionalen Stabilität bei Algerien ein Auge zudrücken, wie früher beim Libyen Gaddafis? Ein abschreckendes Beispiel.

Der Testfall für die neue Nachbarschaftspolitik, die Ashton 2011 präsentiert hat, steht noch aus. Das zentrale Element der Strategie ist das Prinzip „more for more, less for less“: Länder, die sich anstrengen, bekommen mehr Hilfe; Länder, die sich nicht bewegen, müssen mit Kürzungen rechnen. Schon jetzt wird der Grundsatz bei einem Teil der Gelder angewandt. „Aber in der Praxis sehen wir, dass eher etwas draufgelegt als gestrichen wird“, sagt die Abgeordnete Brantner.

Also sprechen erst einmal die – vor allem französischen – Waffen. Vergangene Woche wurde Timbuktu befreit. Kilometer für Kilometer erobert Frankreich den Norden Malis zurück. Und dann? Schon jetzt werden Racheakte der malischen Armee an Islamisten und Tuareg bekannt. Das lässt nichts Gutes vermuten für das Zusammenleben der an sich friedfertigen Malier mit den besiegten Tuareg.

Wie es wenigstens in Mali wirtschaftlich weitergehen soll, steht in den Sternen. Wegen des Putsches vom April 2012 hat die Bundesregierung wie die meisten anderen EU-Staaten die Entwicklungshilfe eingestellt. Die schwachen Wirtschaftsbeziehungen leiden darunter, dass es keine Kreditausfallversicherungen mehr gibt. Nie ging es Mali so schlecht wie jetzt, wo es am dringendsten Hilfe braucht.

Und zwar keine Entwicklungshilfe, sagt der Ökonom Abdoulaye Niang, der 30 Jahre lang für die Vereinten Nationen gearbeitet hat: „Mali könnte im Jahr für 55 Milliarden Dollar Gold fördern, besitzt Seltene Erden, Magnesium, Coltan und Gas. Das müssen wir nur aus dem Boden holen und gerechter verteilen.“ Weil das nicht passiert, so Niangs Analyse, fühlen sich die Menschen betrogen und neigen immer wieder zu Revolten. „Wenn die Kommunen mit nur 1,5 Prozent an den Minen beteiligt werden, sind die politischen Risiken gebannt und die Menschen sehen Perspektiven für die Zukunft.“

Ausland



Eine Hoffnung, die ähnlich utopisch klingt wie die Erwartung vieler Ägypter und Tunesier, Investoren aus den arabischen Golfstaaten würden endlich für die nötigen Investitionen in ihren Ländern sorgen, statt ihre Millionen auf dubiosen Kanälen in politische Parteien und religiöse Bewegungen zu stecken. Geld löst nicht alle Probleme der riesigen Region, aber doch sehr viele.

Ibn Khaldun, bis heute der größte Nordafrika-Fachmann aller Zeiten, hat schon Ende des 14. Jahrhunderts festgestellt: Hoch verschuldete Staaten sind dem Untergang geweiht.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%