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Chaos in Mali Europa droht Terrorismus und Verlust wirtschaftlicher Partner

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Verbündete, nicht Barbaren


Wer am meisten für Rüstung ausgibt
Bundeswehrsoldaten auf einem Staudamm
Italiens Truppen im Libanon
Indische Soldaten
Transportflugzeuge der Bundeswehr
Arabische Truppen beim Transport
Soldaten in den Trümmern Miyagis nach der Katastrophe in Japan
Russische Soldaten während einer Militärparade in Moskau

Im Zentrum von Tunis, zwischen Alt- und Neustadt, erhebt sich die Statue des vielleicht größten Tunesiers aller Zeiten, des Gelehrten Ibn Khaldun. Nach dessen Analyse werden geschwächte städtische und entwickelte Staaten regelmäßig von barbarischen Kräften aus der Wüste besiegt. Keine Beschreibung des 21. Jahrhunderts, sondern geschrieben vor mehr als 600 Jahren.

Was die große Frage aufwirft, ob Europa helfen kann. Und wie? Vielleicht mit der Erkenntnis, dass die Regierungen des schwarzen Afrika keine Machtzentren von Barbaren sind, sondern Verbündete bei der Abwehr des Terrorismus.

Fata Morgana

Aber stimmt das wirklich? „Malis Regierung ist von außen demokratisch, aber innen völlig korrupt und ineffizient“, schimpft Imam Mohamoud Dicko. Jene Demokratie, die auch Deutschland mit Entwicklungshilfe stabilisiert habe, sei in Wahrheit eine Fata Morgana gewesen. Der Präsident des Hohen Islamischen Rats, einer der höchsten Geistlichen Malis, teilt die Wahrnehmung vieler Landsleute, wonach der Aufschwung der vergangenen Jahre bei den meisten Menschen nicht angekommen sei. Schon darum zürnte kaum jemand, als beim Putsch vor knapp einem Jahr eine farblose durch eine blasse Regierung ersetzt wurde.

Der Imam empfängt in einem abgedunkelten Wohnzimmer in einem tristen Vorort von Bamako. Die Uhr an der Wand ist um kurz nach zwölf stehen geblieben. Dicko ist ein großer Mann und scharfer Denker, der sich für eine moderate Form des Islam starkmacht. Dass der Norden derart außer Kontrolle ist und die Menschen in die Fänge der Islamisten geraten konnten, begründet er auch mit der Schwäche der Herrschenden in Bamako: „Die Zentralregierung hat sich nicht mehr um die effiziente Verteilung des Budgets gekümmert und zugelassen, dass die Tuareg im Norden ein Eigenleben entwickelten.“

Nicht, dass alle Tuareg in Mali gegen den Zentralstaat wären: Der Schuldirektor Sidi Ahmed Alassan ist selbst Tuareg – und versteht die Gründe der Sezessionsbewegung bis heute nicht: „Wir wurden nie diskriminiert, weshalb sollten wir also zu den Waffen greifen?“ Er erzählt von vielen Ehen zwischen dunkelhäutigen Maliern und hellhäutigen Tuareg. Und er selbst sei doch der lebende Beweis für geglückte Integration: Tuareg – und trotzdem hoher Beamter.

Allerdings zurzeit außer Dienst: Die Stadt Menaka, wo Alassan im Auftrag der Zentralregierung eine Schule für 1200 Kinder leitete, wurde zuallererst attackiert – von separatistischen Tuareg. Diese hatten sich mit radikalen Islamisten verbündet und gaben die Stadt schließlich der Anarchie preis. Jetzt hockt der Direktor im Schneidersitz auf einem alten Sofa in einer Armensiedlung nördlich von Bamako: „Meine Schule war zwei Jahre alt, sie haben sie geplündert und völlig zerstört.“ Möbel hätten die Aufständischen zu Brennholz verarbeitet, Fenster und Türen wurden herausgerissen, Büroschränke verscherbelt. Auch andere staatliche Gebäude, die Farmen, die Krankenstationen – „alles haben sie zerstört, es ist nichts übrig von Menaka“. Geflohen sei er schließlich, weil ihn ein 19-jähriger Schüler umbringen wollte. Alassan hatte ihn von der Schule geworfen.

Auch das fällt nun der alten Kolonialmacht Frankreich vor die Füße. Dabei wollte der französische Staatspräsident François Hollande endlich aufräumen mit dem postkolonialen Françafrique und den fragwürdigen Kumpaneien mancher seiner Vorgänger mit afrikanischen Diktatoren. Doch Frankreich ist noch immer in neun afrikanischen Ländern mit Militärstützpunkten und Truppen präsent. Und es sieht so aus, als ginge es so weiter.

Mali war eben mehr als ein innerstaatlicher Konflikt in einem abgelegenen Staat. Frankreich sorgt sich auch um die für den Atomkonzern Areva so wichtigen Uranvorkommen in Niger und um die reichen Öl- und Gasreserven in Algerien. Und es fürchtet sich vor dem Import des Terrors aus Nordafrika. Zwar seien aus Mali stammende Islamisten „nicht ausreichend strukturiert“, um einen großen Anschlag vorzubereiten, sagt der mit Terrorismus befasste Pariser Ermittlungsrichter Marc Trévidic. Doch in den vergangenen Wochen beobachtete er eine steigende Zahl von in Frankreich lebenden Dschihadisten, wie sie sich auf den Weg nach Mali machten. Afghanistan lässt grüßen.

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