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China Was hinter der Pekinger Parade steckt

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Aufatmen nach der Parade

Lange mussten Xis Funktionäre nach einem passenden Datum suchen, das einen Aufmarsch dieses Kalibers rechtfertigen konnte. Normalerweise sind das die runden Geburtstage der Volksrepublik China, von denen der nächste allerdings erst am 1. Oktober 2019 ansteht. Auch ein glattes Gründungsjubiläum der Kommunistischen Partei Chinas war nicht in Sicht. Daher fiel die etwas ungewöhnliche Wahl auf die Kapitulation von Chinas Todfeind Japan nach dem Zweiten Weltkrieg vor 70 Jahren.

Bevor er die Formationen an sich vorbeiziehen ließ, hat Xi die kilometerlangen Reihen mit der Staatskarosse chinesischer Produktion (Rote Fahne) abgefahren. Aus dem geöffneten Dach rief er den Soldaten immer wieder zu: „Genossen, Danke für Euren Einsatz.“ Und wie immer bei diesem Anlass schallte es aus tausend Kehlen zuverlässig zurück: „Wir dienen dem Volk!“ Diese ritualisierte Respektsdemonstration durfte zuletzt Xis Vorgänger Hu Jintao beim 60. Parteigeburtstag im Jahr 2009 über sich ergehen lassen. Hu war damals schon rund sechs Jahre im Amt.

So benehmen Sie sich in China richtig

Mit Xi dagegen hat ein echter Führungswechsel stattgefunden. Er will sich von der grauen Eminenz Jiang Zemins (Staatspräsident bis 2003) emanzipieren und anders als Hu, der die versöhnliche Doktrin von der Harmonischen Gesellschaft ausgab, eine eigene Politik verfolgen.

Mit seiner Antikorruptionskampagne bekämpft Xi daher nicht nur Vetternwirtschaft und Bestechung, sondern räumt auch Widersacher und Repräsentanten der alten Führungsgeneration aus dem Weg.

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Jetzt, wo die Parade ganz im Sinne der Planer über die Bühne gegangen ist, dürfte sich der politische Stress im Land legen. Die Antikorruptionskampagne kann sich auf die wirklichen Übeltäter stürzen, um etwa die Katastrophe von Tianjin aufzuklären und künftige Tragödien dieser Art zu verhindern, statt nur politische Gegner auszuschalten. Die Nervosität der neuen Führung sollte sich nach der gelungenen Machtdemonstration legen.

Absurde Propagandakampagnen, mit denen etwa die Schuld für den Börsencrash einem Journalisten in die Schuhe geschoben wird, hat Peking jetzt hoffentlich nicht mehr nötig. Hoffentlich nutzt die Partei das Aufatmen nach der Parade für besonnene Politik. Probleme, die angepackt werden müssen, hat China genug.

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