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China Die Angst geht um, dass China alt wird, bevor es reich wird

Die chinesische Regierung will mit der Drei-Kind-Politik eine Überalterung der Gesellschaft verhindern. Quelle: Reuters

Auf das Ende der Ein-Kind-Politik in China folgte die Zwei-Kind-Politik. Doch steigende Geburtenzahlen blieben aus. Nun setzt Peking auf die Drei-Kind-Politik. Nur helfen wird das kaum. Die Probleme liegen tiefer.

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Alle zehn Jahre zählt China seine Bevölkerung. Was in der Regel nicht viel Beachtung findet, sorgte dieses Mal für große Nervosität in der Führung. Um Wochen wurde die Veröffentlichung der Daten des jüngsten Zensus aufgeschoben. Und als sie dann endlich vorlagen, kam es dicke:

In den vergangenen zehn Jahren ist Chinas Bevölkerung nur noch um jährlich 0,53 Prozent auf 1,41178 Milliarden Menschen gewachsen – so langsam wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die seit 2015 verfolgte Zwei-Kind-Politik hatte nur im Folgejahr zu einem leichten Anstieg der Geburten geführt. Seither ist die Zahl jedes Jahr gefallen. Im vergangenen Jahr ging die Zahl der Geburten nach offiziellen Angaben sogar um 18 Prozent auf zwölf Millionen zurück.

Nun droht die chinesische Bevölkerung in wenigen Jahren zu schrumpfen. Das Ergebnis der Volkszählung hatte eine hastige politische Reaktion zur Folge: Am Montag beschloss das Politbüro der Kommunistischen Partei eine „Optimierung der Geburtenpolitik“. Paaren werde es künftig erlaubt, auch drei Kinder zu bekommen.

Die Wende soll helfen, die Bevölkerungsstruktur zu verbessern und „aktiv“ auf die Überalterung zu reagieren, wie die Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Experten zeigten sich jedoch skeptisch, ob die Drei-Kind-Politik erfolgreich wird. Schließlich waren zuvor schon die Ein-Kind-Politik und die Zwei-Kind-Politik äußerst umstritten.

1979 hatte die Regierung die Ein-Kind-Politik eingeführt, um das Bevölkerungswachstum einzudämmen und weitere Hungersnöte, wie sie das Land in den Jahren zuvor immer wieder erlebt hatte, zu verhindern. Forscher gehen davon aus, dass durch die Ein-Kind-Regelung tatsächlich bis zu 400 Millionen Chinesen weniger geboren wurden. Allerdings altert die Bevölkerung dafür rasant.

In Peking kämpft man seit jeher mit dieser politischen Divergenz. Einerseits braucht man mehr junge Menschen, aber ein zu großes Volk verursacht ebenso Probleme. Doch immer deutlicher zeichnet sich ab, dass die seit Jahrzehnten wichtigste Reform der Bevölkerungspolitik falsch angegangen wurde. Peking hat zu spät begriffen, dass eine einfache Lockerung der Ein-Kind-Politik der Überalterung nicht entgegenwirken kann.

Denn bei der Entscheidung, ob man als junges Paar Nachwuchs in die Welt setzen soll oder nicht, spielen in China längst die gleichen Faktoren eine Rolle wie in Europa: Die Karriere ist für junge Chinesen so wichtig wie noch nie, sodass kaum Zeit bleibt, ein Kind groß zu ziehen. Auch finanzieller Druck sorgt dafür, dass sich Familien gegen ein zweites Kind entscheiden. Hinzu kommt: Die bisher strikte Geburtenkontrolle und hohe Strafgelder für das verbotene zweite Kind haben vielen Chinesen ganz einfach die Lust auf eine Großfamilie genommen.

Die Schriftstellerin und Journalistin Zhang Lijia, beschrieb kürzlich, wie sich sich die Einstellungen chinesischer Frauen geändert habe. Insbesondere bei immer mehr in Großstädten lebenden und gut ausgebildeten Frauen würde Ehe und Elternschaft nicht mehr als „notwendige Passagen im Leben oder als wesentliche Bestandteile eines glücklichen Lebens“ betrachtet: „Sie sind selbstbewusst genug, um dem Druck ihrer Eltern zu widerstehen, Kinder zu zeugen“. Auch die Gesellschaft sei toleranter geworden, schrieb Zhang in einem Gastbeitrag im zur Hongkonger Zeitung „South China Morning Post“ gehörenden Online-Portal Inkstone.



Was eigentlich zu tun wäre, beschrieben chinesische Experten schon kurz nach dem Ende der Ein-Kind-Politik, doch die Regierung hörte nicht. Die Reform der Ein-Kind-Politik hätte noch viel weiter gehen müssen, als einfach das bestehende Gesetz zu lockern. Weitere Anreize müssten her, um noch mehr Familien vom Kinderkriegen zu überzeugen. Finanzielle Erleichterungen im Bildungsbereich und zusätzliche Kitaplätze wären ein Anfang. Und auch die Bürokratie müsse dringend abgebaut werden.

Zumindest teilweise geht Peking nun auf dieser Forderungen ein: So wurden am Montag auch „unterstützende Maßnahmen“ für die Drei-Kind-Politik angekündigt. So soll die Gesundheitsversorgung vor und nach Geburten verbessert und ein universelles System zur Kinderbetreuung entwickelt werden. Die Kosten der Familien für Ausbildung sollen reduziert werden. Auch sollen Erziehungsurlaub, Mutterschutz und Vorteile bei Steuer und Wohnraum ausgebaut sowie die Rechte und Interessen berufstätiger Frauen besser geschützt werden.

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Doch längst fragen sich Ökonomen, wer in einer so rapide alternden Gesellschaft wie in China, in der es in Rekordzeit immer weniger arbeitsfähige Menschen geben wird, die Renten für die Alten finanzieren soll. Bereits 2019 warnte eine Studie der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, dass dem staatlichen Pensionsfonds bei anhaltender Geburtenknappheit im Jahr 2035 das Geld ausgehen könnte. Die Angst geht um, dass China alt wird, bevor es Wohlstand erreicht.

Mehr zum Thema: In China sind zwei gewaltige, nahezu identische Rechenzentren entstanden, zeigen Satellitenbilder. Offenbar werden hier Daten von Apple-Nutzern gespeichert – auf die chinesische Behörden künftig Zugriff haben können.

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