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China Die Fabrik der Welt hat sich verändert

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Lange Einkaufsliste

Doch solche Beispiele sind die Ausnahme. „Es ist nicht leicht in China seriöse und innovative Lieferanten zu finden“, sagt Ji Minrui, Geschäftsführerin bei Inverto in Shanghai, einer Einkaufsberatung mit Hauptsitz in Köln. Sie koordiniert im Auftrag deutscher Unternehmen die landesweite Suche nach seriösen Herstellern. Unter anderem fahndet Ji nach Lieferanten für den Friseurgroßhändler KMS. Das Geschäft von Inverto läuft gut, denn noch immer können deutsche Unternehmen durch den Einkauf in China Preisvorteile von bis zu 30 Prozent erzielen.

Längst kaufen die deutschen Importeure im Reich der Mitte nicht mehr nur Spielsachen, Textilien oder Schuhe ein. Auf den Einkaufslisten stehen auch Maschinen oder Autoteile. Manche Kunden suchen gar nach kompletten Backstraßen. Zwar gewinnen auch Länder wie Vietnam und Indien als Beschaffungsmärkte an Bedeutung. Doch Experten bemängeln, dass die Länder nicht in der Lage sind, große Mengen in ordentlicher Qualität zu liefern.

Jis Arbeit ist mühsam. Will ein Kunde aus Deutschland in China ein Produkt kaufen, stellt sie zunächst eine Liste mit rund 30 möglichen Lieferanten zusammen. Diese müssen in einem Fragebogen ausführliche Angaben zum Geschäft, der Zahl der Mitarbeiter, den verwendeten Maschinen und zur Firmengeschichte machen. Der Abnehmer in Deutschland wählt aus den Fragebögen 15 mögliche Kandidaten aus. Diese besucht Ji mit ihrem Team und auditiert sie. Dabei untersuchen die Inverto-Leute auch soziale Standards, Qualitätssicherung und Lagerhaltung. Aus den 15 auditierten Betrieben wählt der Kunde sieben aus, die er selbst besucht. Dann wird entschieden, wer den Zuschlag bekommt. „Auch danach müssen wir die ausgewählten Lieferanten noch regelmäßig besuchen, damit die ihren Standard halten“, sagt Ji.

Wozu die Zusammenarbeit mit weniger seriösen Lieferanten führen kann, hat Textileinkäufer van Roye auf schmerzhafte Weise gelernt. Im November 2008 wird seine Frau vor ihrer Pekinger Wohnung verhaftet. Offenbar hat einer seiner Lieferanten im chinesischen Hinterland, der Textilhersteller Gold Source, seine Verbindungen zu den Behörden genutzt, um van Royes Frau verschwinden zu lassen. Der Grund: Einige Wochen vorher hatte der Deutsche bei Gold Source Arbeitskleidung gekauft. Die Ware hatte Mängel, der Abnehmer in Deutschland hatte darum 30.000 Euro vom Rechnungsbetrag abgezogen. Als van Roye sich das Geld bei Gold Source zurückholen wollte, schaltete der Chef auf stur. Den nächsten Auftrag bei Gold Source, eine Ladung Latzhosen, hat der Deutsche darum nicht bezahlt.

Nach Bemühungen mit Anwälten zahlt van Roye, um seine Frau freizubekommen, 150.000 Euro an Gold Source, dazu weitere 120.000 Euro, über deren Verwendung Unklarheit herrscht. Insider vermuten, das Geld sei an Lokalpolitiker und Behördenvertreter des Städtchens Dawu, dem Firmensitz des Lieferanten, geflossen. Insgesamt 270.000 Euro kostet van Roye das Abenteuer. Gut vier Wochen nach ihrer Verhaftung kam seine Frau schließlich frei.

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