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China Die Fabrik der Welt hat sich verändert

China bleibt eines der wichtigsten Lieferländer für deutsche Unternehmen. Doch die Krise hat die Fabrik der Welt verändert, viele Hersteller sind in Schwierigkeiten.

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Robin Xiao, Gründer und CEO von Charm Beauty Quelle: Ken Tam für WirtschaftsWoche

Robin Xiao hat einen langen Arbeitstag hinter sich und will nur noch nach Hause. Xiao ist Gründer und CEO von Charm Beauty, einem Hersteller von Einrichtungen für Friseursalons. Waschbecken, Rollwägelchen für Kämme, Bürsten und Haartrockner, vor allem aber Friseurstühle bauen die Arbeiter seiner Fabrik in Südchina. Die Produkte landen anschließend bei Coiffeuren in Europa, Amerika oder Japan.

Von Foshan, dem Sitz des Unternehmens, bis zu seinem Haus in Guangzhou, westlich von Hongkong, sind es normalerweise nur 30 Minuten. Doch an diesem Abend kommt Xiao kaum voran. Links und rechts von seinem Auto schieben sich immer mehr Lkws im Schritttempo auf die Autobahn. Sie sind voll beladen mit Kartons und Paletten: Thermoskannen, Ladegeräte für Handys und Spielkonsolen, wie die Aufschriften einiger Kisten verraten, rollen in Richtung Hafen und werden dort nach Amerika und Europa verschifft. „Das Geschäft scheint wieder zu laufen“, sagt Xiao.

Wettbewerbsdruck steigt

 Doch auch wenn sich die Auftragsbücher der Exportindustrie wieder füllen und in manchen Regionen Chinas die Unternehmer sogar schon wieder über einen Mangel an Arbeitskräften klagen – die Krise ging an der Fabrik der Welt nicht spurlos vorüber. Hunderttausende Betriebe in den großen Exportzentren im Süden und Osten des Landes haben die vergangenen zwölf Monate nicht überlebt. Um viele von ihnen ist es nicht wirklich schade, es waren meist schlecht geführte Firmen, die unter großen Umweltbelastungen mit knappen Gewinnmargen gearbeitet haben: Hersteller von Billigspielzeug, Schuhen oder Textilien.

Jetzt, nach der Krise, wird es für die Überlebenden eng. Die deutschen Abnehmer reichen den Wettbewerbsdruck, unter dem sie auf dem Heimatmarkt leiden, an ihre chinesischen Lieferanten weiter. „Die verlangen immer niedrigere Preise, das Geschäft wird immer brutaler“, sagt Gerd van Roye. Der Deutsche lebt seit vielen Jahren in China. Er kauft dort Textilien wie T-Shirts und Schlafanzüge ein und reicht diese an deutsche Importeure weiter, die wiederum Handelsunternehmen wie Aldi, Tchibo oder C&A beliefern.

„Am schlimmsten treibt es Lidl“, berichtet ein Eingeweihter. Zahlreiche Lieferanten in China sollen sich bereits weigern, mit dem Discounter aus Deutschland zusammenzuarbeiten. Zu groß sei der Druck aus Deutschland. Keinen guten Ruf hat auch der Textildiscounter Kik. „Normalerweise zahlt Kik nur zwei Drittel der Auftragssumme und sucht dann nach Mängeln bei der Ware“, sagt ein Insider. Während Lidl sich zu der Kritik nicht äußern wollte, weist Kik die Darstellung zurück: Allenfalls „in Einzelfällen“ würden bei „fehlerhafter oder qualitativ minderwertiger Ware auch Belastungsanzeigen“ ausgestellt.

Um im Geschäft zu bleiben, müssen die Fabriken noch billiger produzieren. Ein Hersteller von Textilien aus Hangzhou in der Nähe von Shanghai etwa hat eine blitzsaubere, moderne Fabrik, in der er, so gibt er an, unter anderem für Abnehmer in Deutschland produziert. Eines Tages wird ein Kunde misstrauisch. Das Werk sei viel zu klein, dort könne er die bestellten Mengen doch gar nicht produzieren. Nachforschungen ergeben, dass der Unternehmer in Gefängnissen produzieren lässt. Die Fabrik in Hangzhou dient lediglich zum Vorzeigen bei den Abnehmern im Ausland.

ARCHIV - Das Hinweisschild am Quelle: ZB

„Auch die Kinderarbeit scheint in China wieder auf dem Vormarsch zu sein“, sagt Jan Eggert, Generalsekretär der Foreign Trade Association in Brüssel, einer Organisation, die sich um die Einhaltung von Sozialstandards kümmert. Der deutsche Discountwahn trägt somit zur Verschlechterung der Zustände in chinesischen Fabriken bei.

Aber daneben gibt es auch noch das andere China: Dass geschäftlicher Erfolg und Ausbeutung nicht zwingend zusammengehören, beweist Robin Xiao mit seinem Friseurlieferanten Charm Beauty. Seit kurzem läuft das Geschäft wieder besser. Hatte er 2008, als der Umsatz um 30 Prozent einbrach, noch jeden fünften seiner damals 500 Mitarbeiter entlassen müssen, konnte er in den vergangen Wochen wieder 20 neue Arbeiter einstellen.

Neues Design aus China

Dabei lebt das Unternehmen ausschließlich vom Export. In Amerika, Deutschland, Frankreich und Großbritannien sitzen Xiaos wichtigste Abnehmer. Den chinesischen Heimatmarkt meidet der Unternehmer ganz bewusst. „Die Gefahr, dass meine Produkte hier kopiert werden ist viel zu groß“, sagt Xiao. Nicht nur ausländische Unternehmen haben in China mit Urheberrechtsverletzungen zu kämpfen.

Wer wissen will, warum Charm Beauty der Krise getrotzt hat, muss etwa 9000 Kilometer Richtung Westen reisen, nach Viersen bei Düsseldorf. Dort steuert Godehard Gerhardy die Einkaufsstrategie in China. Gerhardy ist Geschäftsführer bei Europas größtem Friseurausstatter KMS. Wer einen Friseur besucht, sitzt mit großer Wahrscheinlichkeit auf einem Stuhl von KMS. Dazu verkauft das Unternehmen Lockenwickler, Bürsten, Kämme, Haartrockner, auch Färbemittel und Spülungen. Für rund fünf Millionen Euro kaufen die Rheinländer jedes Jahr in China ein.

„Charm Beauty hat schon früh über den Tellerrand hinausgeblickt“, lobt Gerhardy. Die Firma produziere nicht einfach nach Vorgabe aus Deutschland, sondern komme mit eigenen Ideen. Chef Xiao hält sich ein Team aus 15 Designern, die ständig an neuen Entwürfen für neue Friseurstühle oder Waschbecken arbeiten.

Außerdem hat der Chinese schon früh auf hohe Qualitätsstandards gesetzt. Etwa 15 Prozent seiner Beschäftigten arbeiten in der Qualitätssicherung. In einem Teil einer Fabrikhalle stehen mit Gewichten beschwerte Frisierkommoden, daneben senkt sich eine gewaltige Presse auf die Sitzfläche eines Stuhls. Xiao lässt regelmäßig Stichproben nehmen und unterzieht die Möbel Dauertests. Die Investitionen zahlen sich aus: Charms Gewinnmarge lag über die Jahre selten unter acht Prozent.

Lange Einkaufsliste

Doch solche Beispiele sind die Ausnahme. „Es ist nicht leicht in China seriöse und innovative Lieferanten zu finden“, sagt Ji Minrui, Geschäftsführerin bei Inverto in Shanghai, einer Einkaufsberatung mit Hauptsitz in Köln. Sie koordiniert im Auftrag deutscher Unternehmen die landesweite Suche nach seriösen Herstellern. Unter anderem fahndet Ji nach Lieferanten für den Friseurgroßhändler KMS. Das Geschäft von Inverto läuft gut, denn noch immer können deutsche Unternehmen durch den Einkauf in China Preisvorteile von bis zu 30 Prozent erzielen.

Längst kaufen die deutschen Importeure im Reich der Mitte nicht mehr nur Spielsachen, Textilien oder Schuhe ein. Auf den Einkaufslisten stehen auch Maschinen oder Autoteile. Manche Kunden suchen gar nach kompletten Backstraßen. Zwar gewinnen auch Länder wie Vietnam und Indien als Beschaffungsmärkte an Bedeutung. Doch Experten bemängeln, dass die Länder nicht in der Lage sind, große Mengen in ordentlicher Qualität zu liefern.

Jis Arbeit ist mühsam. Will ein Kunde aus Deutschland in China ein Produkt kaufen, stellt sie zunächst eine Liste mit rund 30 möglichen Lieferanten zusammen. Diese müssen in einem Fragebogen ausführliche Angaben zum Geschäft, der Zahl der Mitarbeiter, den verwendeten Maschinen und zur Firmengeschichte machen. Der Abnehmer in Deutschland wählt aus den Fragebögen 15 mögliche Kandidaten aus. Diese besucht Ji mit ihrem Team und auditiert sie. Dabei untersuchen die Inverto-Leute auch soziale Standards, Qualitätssicherung und Lagerhaltung. Aus den 15 auditierten Betrieben wählt der Kunde sieben aus, die er selbst besucht. Dann wird entschieden, wer den Zuschlag bekommt. „Auch danach müssen wir die ausgewählten Lieferanten noch regelmäßig besuchen, damit die ihren Standard halten“, sagt Ji.

Wozu die Zusammenarbeit mit weniger seriösen Lieferanten führen kann, hat Textileinkäufer van Roye auf schmerzhafte Weise gelernt. Im November 2008 wird seine Frau vor ihrer Pekinger Wohnung verhaftet. Offenbar hat einer seiner Lieferanten im chinesischen Hinterland, der Textilhersteller Gold Source, seine Verbindungen zu den Behörden genutzt, um van Royes Frau verschwinden zu lassen. Der Grund: Einige Wochen vorher hatte der Deutsche bei Gold Source Arbeitskleidung gekauft. Die Ware hatte Mängel, der Abnehmer in Deutschland hatte darum 30.000 Euro vom Rechnungsbetrag abgezogen. Als van Roye sich das Geld bei Gold Source zurückholen wollte, schaltete der Chef auf stur. Den nächsten Auftrag bei Gold Source, eine Ladung Latzhosen, hat der Deutsche darum nicht bezahlt.

Nach Bemühungen mit Anwälten zahlt van Roye, um seine Frau freizubekommen, 150.000 Euro an Gold Source, dazu weitere 120.000 Euro, über deren Verwendung Unklarheit herrscht. Insider vermuten, das Geld sei an Lokalpolitiker und Behördenvertreter des Städtchens Dawu, dem Firmensitz des Lieferanten, geflossen. Insgesamt 270.000 Euro kostet van Roye das Abenteuer. Gut vier Wochen nach ihrer Verhaftung kam seine Frau schließlich frei.

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