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China Vergiftete Hilfe für Tibet

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Tibet2 Quelle: Picture-Alliance/dpa

Um Tibets Wirtschaft weiter voranzubringen, wollen die KP-Führer die Zahl der Touristen bis 2020 auf jährlich 20 Millionen vervierfachen. Dazu will die Regierung mehr Hotels bauen und Sehenswürdigkeiten restaurieren. In der Präfektur Nagqu soll in 4436 Meter Höhe für 264 Millionen Dollar ein ultramoderner Flughafen entstehen. Die Bauarbeiten für den „höchstgelegenen Airport der Welt“, so Peking, sollen noch dieses Jahr beginnen.

Besonderen Stellenwert hat für Peking aber der Abbau der Bodenschätze in der schwer zugänglichen Bergregion. Chinas großer Bergbaukonzern, die China National Gold Group, hat gerade mit dem Bau eines Bergwerks begonnen, das in vollem Betrieb einen täglichen Ausstoß von 15 000 Tonnen erreichen soll. In den Bergen und im Boden Tibets lagern mehr als 3000 Mineralien und Metalle, darunter Chinas größte Chrom- und Kupfervorkommen. In zehn Jahren, sagt ein tibetischer Regierungsvertreter, könne der Bergbau 30 Prozent zur Wirtschaftsleistung Tibets beisteuern. Zurzeit sind es etwa drei Prozent.

Zinsgünstige Kredite

Doch wichtiger noch, als für kräftiges Wachstum zu sorgen, wird es sein, eine gerechte Verteilung der Wohlstandszuwächse sicherzustellen. Denn bislang profitieren vor allem die größtenteils zugewanderten und besser ausgebildeten Han-Chinesen von dem wirtschaftlichen Aufschwung. Die meisten Tibeter dagegen gehen leer aus. Die Kluft zwischen den beiden Volksgruppen ist tiefer als je zuvor.

Kaum eine Autostunde außerhalb von Lhasa, in der malerischen Steppe, bestürmen Scharen bettelnder Kinder ausländische Touristen. Die Hosen und Jacken der Kleinen sind teils zerrissen, die Gesichter dreckverschmiert. Die tibetischen Kinder betteln nicht in erster Linie um Geld – schon ein Apfel oder ein trockenes Brötchen löst Freudestrahlen aus. Die Früchte der zehnjährigen Go-West-Initiative, so scheint es, sind längst noch nicht bei allen angekommen.

Wie sehr die eher spirituell orientierten Tibeter gegenüber den geschäftstüchtigen und pragmatischen Han-Chinesen ins Hintertreffen geraten sind, zeigt sich in dem Dorf Gaba vor den Toren Lhasas. Für 173 tibetische Bauernfamilien hat die Regierung hier moderne Häuser mit drei bis vier Zimmern gebaut. Um für die Häuser zahlen zu können, bekamen die Bewohner zinsgünstige Kredite von lokalen Banken. Doch statt wie früher Weizen anzubauen, verpachten die Tibeter ihr Land nun an zugewanderte Han-Chinesen – unter anderem, um die Darlehen tilgen zu können. Die Han-Chinesen bauen auf dem Land jetzt eine Vielzahl von Gemüse- und Obstsorten an.

Flucht in den Alkohol

Die Tibeter dagegen sitzen zu Hause. „Einige der Männer hier haben einen Job auf einer Baustelle gefunden, andere gehen in die Berge und sammeln seltene Steine, um sie dann zu verkaufen“, sagt Cang Juezhuo, die mit ihrem Mann in dem Dorf wohnt. Die meisten Dorfbewohner aber haben den ganzen Tag nichts zu tun und leben von dem, was nach Zahlung der Kreditraten von der Landpacht übrigbleibt. Die Han-Chinesen dagegen erwirtschaften mit dem Ackerland satte Profite. „Die schaffen drei Ernten pro Jahr“, sagt die Bewohnerin Cang, „wir kamen immer nur auf eine. Wir kennen die modernen Anbaumethoden einfach nicht.“ Manche Experten fürchten bereits, die Tibeter könnten eines Tages so enden wie die Indianer in Amerika oder die Ureinwohner in Australien: Die haben sich aus Langeweile am Ende in den Alkohol geflüchtet.

Kritiker bemängeln zudem, dass die meisten Jobs auf den Großbaustellen, in den Bergwerken und im Tourismus an Han-Chinesen gehen. „Die großen Baufirmen und Rohstoffkonzerne bringen mit dem Geld auch die Arbeiter nach Tibet mit“, sagt die Schriftstellerin Woeser, die wie viele Tibeter nur einen Namen trägt.

Viele Han-Chinesen kommen so nach Tibet, um dort dauerhaft zu leben. Die neue Bahnlinie zwischen Lhasa und dem Osten des Landes hat den Zustrom noch verstärkt. Peking versucht, das Problem herunterzuspielen, und spricht von „einzelnen Zuwanderern“. Doch in manchen Stadtteilen Lhasas und Shigatses wohnen inzwischen fast ausschließlich Han-Chinesen aus den Nachbarprovinzen Sichuan, Gansu und Qinghai. „Zum Geldverdienen ist Tibet prima“, sagt etwa ein Getränkehändler in der Innenstadt von Lhasa, der vor zwölf Jahren nach Tibet gekommen ist. In dem kleinen Laden an einer der Hauptstraßen der Stadt stapeln sich Paletten mit Cola, Eistee und Bier, aber auch teure chinesische Schnäpse hat der Chinese im Angebot.

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