WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

China Vergiftete Hilfe für Tibet

Seite 3/3

Tibet3 Quelle: LAIF/Gamma

Als die Sonne langsam hinter den mächtigen Sechstausendern verschwindet und der Kundenstrom dünner wird, setzt sich der Alte vor seinen Laden. „In dem Stadtteil hier sind rund die Hälfte der Bewohner Han-Chinesen“, erzählt der Händler. Fast alle betrieben Geschäfte, die Tibeter könnten das nicht. „Die haben einfach keine Kultur.“ Die Volksgruppen trennt nicht nur das, was sie im Geldbeutel haben, sondern auch, was in ihren Köpfen vorgeht. Hin und wieder komme es noch zu gewaltsamen Zwischenfällen zwischen Tibetern und Han-Chinesen, erzählt der Geschäftsmann aus der Nachbarprovinz Sichuan.

„Die Situation in Tibet ist stabil und harmonisch“, behauptet dagegen ein Regierungsvertreter in Peking. Trotzdem begegnen Tibet-Besuchern überall lange Militärkonvois. Manche der Verbände umfassen mehr als 100 Armee-Lkws. In Lhasa patrouilliert vor dem Jokhang-Tempel, der wichtigsten religiösen Stätte der Tibeter, zudem bewaffnete Polizei. Außerdem hat Peking in den Nachbarprovinzen Zivilisten rekrutiert, die in der Unruheregion als Spitzel arbeiten und jede Störung melden sollen. Jeder noch so kleine Widerstand soll im Keim erstickt werden. Von Harmonie kann keine Rede sein.

Lautsprecher-Propaganda

Doch nicht nur mit Armee, Polizei und Geheimdienst versucht die KP, in Tibet für Ruhe zu sorgen. Auch Propaganda und Verbote sollen den Widerstand der streng gläubigen Tibeter brechen. „Wir sind alle Chinesen. Alle 56 Nationalitäten des Landes stehen zusammen“, plärrt es aus großen Lautsprechern neben dem Potala-Palast in Lhasa, während einheimische Pilger vorbeiziehen. Tibetischen Staatsbediensteten untersagen die Behörden den Tempelbesuch gleich ganz. Die Eltern der Schriftstellerin Woeser etwa haben bis zu ihrem Ruhestand als Beamte gearbeitet. Wenn sie einen Tempel betreten, verfallen automatisch ihre Rentenansprüche.

Viele der tibetischen Mönche können Terror, Propaganda und Unterdrückung nicht mehr ertragen. Sie verlassen ihre Klöster; oft ziehen sie um in angrenzende Provinzen. „Doch dort finden sie meist kein neues Kloster, das sie aufnimmt“, sagt Woeser, die schätzt, dass seit den Rassenunruhen im März 2008 in vielen Klöstern rund zwei Drittel der Mönche gegangen sind. Im Drepung-Kloster außerhalb Lhasas etwa erzählt ein Mönch, von einst 2000 Mönchen seien heute noch 200 da.

Bildungsangebot

Um den ethnischen Konflikt langfristig zu entschärfen, setzt Tibets stellvertretender KP-Sekretär Hao vor allem auf bessere Bildung. In Shigatse, westlich von Lhasa, etwa hat die Stadt Shanghai eine moderne Schule für mehr als 1000 Schüler gebaut. Dort lernen hauptsächlich Tibeter unter anderem Chinesisch, um später bessere Jobchancen zu haben. Doch die wichtigste Lektion haben die Lehrer auf die Tafel ganz hinten im Klassenraum geschrieben. „Mit ganzem Herzen den 89. Geburtstag der Kommunistischen Partei feiern“, steht dort in großen Schriftzeichen unter dem Symbol von Hammer und Sichel. 

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%