WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

China Vergiftete Hilfe für Tibet

Die Regierung in Peking bemüht sich seit zehn Jahren, die Unruheregion Tibet durch Entwicklung und Wohlstand zu befrieden. Doch davon profitieren mehr zugereiste Chinesen als Tibeter.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Tibet1 Quelle: Picture-Alliance/dpa

Scheinbar endlos erstreckt sich die Steppe am Rande des Städtchens Damxung im Osten Tibets. Auf den Wiesen haben ein paar Nomaden ihre Zelte aufgebaut, davor grasen Yaks, eine besonders robuste Rinderart. Zwischen den Zelten trocknet der aufgestapelte Dung der Tiere. Im kalten tibetischen Winter heizen die Hirten damit. Im Hintergrund erheben sich imposante Sechs- und Siebentausender mit ihren schneebedeckten Gipfeln. Smog und Dunst wie im Osten Chinas kennen die Menschen hier nicht.

Inmitten dieser Bergidylle, rund drei Autostunden nördlich der Hauptstadt Lhasa, steht eine weiße Fabrikhalle. Ein Unternehmen aus Hongkong füllt hier Mineralwasser ab. Jiang Xiaohong, Direktor des Werks, führt die Besucher stolz über das Gelände. Modernste Abfüllanlagen des bayrischen Herstellers Krones haben die Hongkonger für ihre Fabrik in Tibet angeschafft. Eine Produktionslinie kostet rund zwölf Millionen Dollar, Jiangs Fabrik hat fünf davon. Insgesamt haben die Hongkonger rund 74 Millionen Dollar in die Fabrik in Damxung investiert.

Seit 2006 laufen die kleinen Flaschen mit dem Mineralwasser der Marke 5100 von den Bändern. Der Name steht für einen Gletscher in 5100 Meter Höhe, dessen Schmelzwasser die 150 Arbeiter des Werks aufbereiten und abfüllen. 5100 gilt als Premiummarke und wird im ganzen Land verkauft. Vor allem bei den wohlhabenden Chinesen im Osten des Landes findet das Edel-Wasser reißenden Absatz. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz des Herstellers auf umgerechnet 34 Millionen Dollar – ein Plus von 300 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „In diesem Jahr werden wir auch wieder kräftig zulegen“, sagt Direktor Jiang.

Geld für Strassen und Häuser

Geht es nach dem Willen der chinesischen Regierung, sieht es auch in anderen Teilen Tibets bald so aus wie in dem Städtchen Damxung. Denn Peking will die Provinz Tibet, die formal den Status einer autonomen Region hat, wirtschaftlich weiter entwickeln. Vor zehn Jahren startete Peking dazu eine sogenannte Go-West-Initiative. Denn bislang haben vor allem die Provinzen im Osten vom Boom der vergangenen Jahrzehnte profitiert.

Vor allem Tibet, das immer wieder von ethnischen Unruhen – zuletzt im März 2008 – erschüttert wird, gilt die besondere Aufmerksamkeit der Parteiführer. Zunehmender Wohlstand, so das Kalkül der Regierung, werde die Tibeter, die über religiöse Unterdrückung und soziale Ausgrenzung klagen, langfristig befrieden. Mehr als 41 Milliarden Dollar, erklärt Hao Peng, Tibets stellvertretender KP-Sekretär, hat die Zentralregierung darum in den vergangenen zehn Jahren nach Tibet gepumpt. Allein im vergangenen Jahr flossen rund drei Milliarden Dollar in die Region mit ihren 2,9 Millionen Einwohnern, gegenüber 2008 ein Plus von 31 Prozent. Einen großen Teil des Geldes hat die Regierung in den Aufbau der Infrastruktur auf dem Dach der Welt investiert.

Auf den ersten Blick können sich die Erfolge sehen lassen. Die Fahrt von Lhasa Richtung Norden geht über gut ausgebaute Straßen, links und rechts der Trasse glänzen nagelneue Hochspannungsmasten. Selbst die abgelegensten Dörfer sind inzwischen an das Stromnetz angeschlossen. Auf einer Seite der Straße verläuft die Bahnlinie, die seit 2006 Tibets Hauptstadt Lhasa mit dem Rest des Landes verbindet. Auch auf mehr als 5000 Meter Höhe zeigt das Mobiltelefon noch Empfang. Die meisten der Ortschaften haben eine Schule und ein Krankenhaus. In den vergangenen zehn Jahren erhielten mehr als 1,2 Millionen Tibeter Anschluss an eine Trinkwasserversorgung.

Überdurchschnittliches Wachstum

Auch der Wohnungsbau boomt. In Lhasa und Shigatse wachsen moderne Apartmenthochhäuser mit 20 und mehr Etagen in den Himmel. Auf den Landstraßen bewegen sich im Minutentakt Lkws, beladen mit Baumaschinen, Ziegelsteinen und Zement. Sie werden aus den Nachbarprovinzen Sichuan, Gansu und Qinghai in die unwirtliche Berggegend geschickt. Die größtenteils öffentlichen Investitionen schlagen sich inzwischen auch in den Statistiken nieder. Seit 2000 ist Tibets Wirtschaft um durchschnittlich 11,9 Prozent pro Jahr gewachsen, stärker als im Landesdurchschnitt. Die Wirtschaftsleistung der Region hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf 6,45 Milliarden Dollar verdreifacht. Das durchschnittliche Jahreseinkommen der tibetischen Bauern stieg in dieser Zeit von 177 auf 516 Dollar.

Doch trotz der erreichten Fortschritte hinkt Tibet dem Rest des Landes weit hinterher. Während die Wirtschaftsleistung pro Kopf im chinesischen Landesdurchschnitt im vergangenen Jahr bei rund 3700 Dollar lag, erwirtschaftet jeder Tibeter nur rund 2100 Dollar. „Unser Ziel ist es, das Einkommen der Bevölkerung in den nächsten Jahren auf den Landesdurchschnitt zu heben“, sagt der stellvertretende tibetische KP-Sekretär Hao.

Im Januar hat daher das KP-Zentralkomitee weitere Schritte zur Entwicklung der Region beschlossen – auch, um den nach wie vor schwelenden ethnischen Konflikt zwischen Tibetern und Han-Chinesen zu entschärfen. So will die Regierung Milliarden in den Aufbau der tibetischen Wirtschaft investieren. Den Schwerpunkt setzt Peking dabei auf den weiteren Ausbau der Infrastruktur, des Fremdenverkehrs und der Landwirtschaft sowie auf die Ausbeutung der Bodenschätze. Die Stabilität Tibets, verkündete Chinas Parteisekretär Hu Jintao, sei für Chinas Regierung neben der Verkleinerung der Kluft zwischen Arm und Reich und den Unruhen in der Region Xinjiang eine der drei großen Herausforderungen der kommenden Jahre.

Tibet2 Quelle: Picture-Alliance/dpa

Um Tibets Wirtschaft weiter voranzubringen, wollen die KP-Führer die Zahl der Touristen bis 2020 auf jährlich 20 Millionen vervierfachen. Dazu will die Regierung mehr Hotels bauen und Sehenswürdigkeiten restaurieren. In der Präfektur Nagqu soll in 4436 Meter Höhe für 264 Millionen Dollar ein ultramoderner Flughafen entstehen. Die Bauarbeiten für den „höchstgelegenen Airport der Welt“, so Peking, sollen noch dieses Jahr beginnen.

Besonderen Stellenwert hat für Peking aber der Abbau der Bodenschätze in der schwer zugänglichen Bergregion. Chinas großer Bergbaukonzern, die China National Gold Group, hat gerade mit dem Bau eines Bergwerks begonnen, das in vollem Betrieb einen täglichen Ausstoß von 15 000 Tonnen erreichen soll. In den Bergen und im Boden Tibets lagern mehr als 3000 Mineralien und Metalle, darunter Chinas größte Chrom- und Kupfervorkommen. In zehn Jahren, sagt ein tibetischer Regierungsvertreter, könne der Bergbau 30 Prozent zur Wirtschaftsleistung Tibets beisteuern. Zurzeit sind es etwa drei Prozent.

Zinsgünstige Kredite

Doch wichtiger noch, als für kräftiges Wachstum zu sorgen, wird es sein, eine gerechte Verteilung der Wohlstandszuwächse sicherzustellen. Denn bislang profitieren vor allem die größtenteils zugewanderten und besser ausgebildeten Han-Chinesen von dem wirtschaftlichen Aufschwung. Die meisten Tibeter dagegen gehen leer aus. Die Kluft zwischen den beiden Volksgruppen ist tiefer als je zuvor.

Kaum eine Autostunde außerhalb von Lhasa, in der malerischen Steppe, bestürmen Scharen bettelnder Kinder ausländische Touristen. Die Hosen und Jacken der Kleinen sind teils zerrissen, die Gesichter dreckverschmiert. Die tibetischen Kinder betteln nicht in erster Linie um Geld – schon ein Apfel oder ein trockenes Brötchen löst Freudestrahlen aus. Die Früchte der zehnjährigen Go-West-Initiative, so scheint es, sind längst noch nicht bei allen angekommen.

Wie sehr die eher spirituell orientierten Tibeter gegenüber den geschäftstüchtigen und pragmatischen Han-Chinesen ins Hintertreffen geraten sind, zeigt sich in dem Dorf Gaba vor den Toren Lhasas. Für 173 tibetische Bauernfamilien hat die Regierung hier moderne Häuser mit drei bis vier Zimmern gebaut. Um für die Häuser zahlen zu können, bekamen die Bewohner zinsgünstige Kredite von lokalen Banken. Doch statt wie früher Weizen anzubauen, verpachten die Tibeter ihr Land nun an zugewanderte Han-Chinesen – unter anderem, um die Darlehen tilgen zu können. Die Han-Chinesen bauen auf dem Land jetzt eine Vielzahl von Gemüse- und Obstsorten an.

Flucht in den Alkohol

Die Tibeter dagegen sitzen zu Hause. „Einige der Männer hier haben einen Job auf einer Baustelle gefunden, andere gehen in die Berge und sammeln seltene Steine, um sie dann zu verkaufen“, sagt Cang Juezhuo, die mit ihrem Mann in dem Dorf wohnt. Die meisten Dorfbewohner aber haben den ganzen Tag nichts zu tun und leben von dem, was nach Zahlung der Kreditraten von der Landpacht übrigbleibt. Die Han-Chinesen dagegen erwirtschaften mit dem Ackerland satte Profite. „Die schaffen drei Ernten pro Jahr“, sagt die Bewohnerin Cang, „wir kamen immer nur auf eine. Wir kennen die modernen Anbaumethoden einfach nicht.“ Manche Experten fürchten bereits, die Tibeter könnten eines Tages so enden wie die Indianer in Amerika oder die Ureinwohner in Australien: Die haben sich aus Langeweile am Ende in den Alkohol geflüchtet.

Kritiker bemängeln zudem, dass die meisten Jobs auf den Großbaustellen, in den Bergwerken und im Tourismus an Han-Chinesen gehen. „Die großen Baufirmen und Rohstoffkonzerne bringen mit dem Geld auch die Arbeiter nach Tibet mit“, sagt die Schriftstellerin Woeser, die wie viele Tibeter nur einen Namen trägt.

Viele Han-Chinesen kommen so nach Tibet, um dort dauerhaft zu leben. Die neue Bahnlinie zwischen Lhasa und dem Osten des Landes hat den Zustrom noch verstärkt. Peking versucht, das Problem herunterzuspielen, und spricht von „einzelnen Zuwanderern“. Doch in manchen Stadtteilen Lhasas und Shigatses wohnen inzwischen fast ausschließlich Han-Chinesen aus den Nachbarprovinzen Sichuan, Gansu und Qinghai. „Zum Geldverdienen ist Tibet prima“, sagt etwa ein Getränkehändler in der Innenstadt von Lhasa, der vor zwölf Jahren nach Tibet gekommen ist. In dem kleinen Laden an einer der Hauptstraßen der Stadt stapeln sich Paletten mit Cola, Eistee und Bier, aber auch teure chinesische Schnäpse hat der Chinese im Angebot.

Tibet3 Quelle: LAIF/Gamma

Als die Sonne langsam hinter den mächtigen Sechstausendern verschwindet und der Kundenstrom dünner wird, setzt sich der Alte vor seinen Laden. „In dem Stadtteil hier sind rund die Hälfte der Bewohner Han-Chinesen“, erzählt der Händler. Fast alle betrieben Geschäfte, die Tibeter könnten das nicht. „Die haben einfach keine Kultur.“ Die Volksgruppen trennt nicht nur das, was sie im Geldbeutel haben, sondern auch, was in ihren Köpfen vorgeht. Hin und wieder komme es noch zu gewaltsamen Zwischenfällen zwischen Tibetern und Han-Chinesen, erzählt der Geschäftsmann aus der Nachbarprovinz Sichuan.

„Die Situation in Tibet ist stabil und harmonisch“, behauptet dagegen ein Regierungsvertreter in Peking. Trotzdem begegnen Tibet-Besuchern überall lange Militärkonvois. Manche der Verbände umfassen mehr als 100 Armee-Lkws. In Lhasa patrouilliert vor dem Jokhang-Tempel, der wichtigsten religiösen Stätte der Tibeter, zudem bewaffnete Polizei. Außerdem hat Peking in den Nachbarprovinzen Zivilisten rekrutiert, die in der Unruheregion als Spitzel arbeiten und jede Störung melden sollen. Jeder noch so kleine Widerstand soll im Keim erstickt werden. Von Harmonie kann keine Rede sein.

Lautsprecher-Propaganda

Doch nicht nur mit Armee, Polizei und Geheimdienst versucht die KP, in Tibet für Ruhe zu sorgen. Auch Propaganda und Verbote sollen den Widerstand der streng gläubigen Tibeter brechen. „Wir sind alle Chinesen. Alle 56 Nationalitäten des Landes stehen zusammen“, plärrt es aus großen Lautsprechern neben dem Potala-Palast in Lhasa, während einheimische Pilger vorbeiziehen. Tibetischen Staatsbediensteten untersagen die Behörden den Tempelbesuch gleich ganz. Die Eltern der Schriftstellerin Woeser etwa haben bis zu ihrem Ruhestand als Beamte gearbeitet. Wenn sie einen Tempel betreten, verfallen automatisch ihre Rentenansprüche.

Viele der tibetischen Mönche können Terror, Propaganda und Unterdrückung nicht mehr ertragen. Sie verlassen ihre Klöster; oft ziehen sie um in angrenzende Provinzen. „Doch dort finden sie meist kein neues Kloster, das sie aufnimmt“, sagt Woeser, die schätzt, dass seit den Rassenunruhen im März 2008 in vielen Klöstern rund zwei Drittel der Mönche gegangen sind. Im Drepung-Kloster außerhalb Lhasas etwa erzählt ein Mönch, von einst 2000 Mönchen seien heute noch 200 da.

Bildungsangebot

Um den ethnischen Konflikt langfristig zu entschärfen, setzt Tibets stellvertretender KP-Sekretär Hao vor allem auf bessere Bildung. In Shigatse, westlich von Lhasa, etwa hat die Stadt Shanghai eine moderne Schule für mehr als 1000 Schüler gebaut. Dort lernen hauptsächlich Tibeter unter anderem Chinesisch, um später bessere Jobchancen zu haben. Doch die wichtigste Lektion haben die Lehrer auf die Tafel ganz hinten im Klassenraum geschrieben. „Mit ganzem Herzen den 89. Geburtstag der Kommunistischen Partei feiern“, steht dort in großen Schriftzeichen unter dem Symbol von Hammer und Sichel. 

Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%