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China Auf der Schattenseite des Booms

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Warmes Wasser

Wang Longyuan Quelle: Egill Bjarki für WirtschaftsWoche

„3000 oder 4000 Menschen wohnen hier“, schätzt Wang Longyuan. Er kennt viele von ihnen. Wang ist 54 Jahre alt und lebt seit zehn Jahren in Shanghai. Er öffnet die Klappe des Ofens, wirft ein Stuhlbein in das Feuer. Hinter ihm ein Stapel von Holz, daneben eine Pritsche, Wangs Bett, und ein kleiner Tisch, auf dem ein Fernseher läuft. Ein junger Mann kommt, füllt dampfendes Wasser in eine schmutzige Thermoskanne und lässt ein paar Münzen zurück. In der Siedlung gibt es weder Heizung noch warmes Wasser.

Wang sagt, er arbeite jeden Tag von sechs Uhr morgens bis elf Uhr nachts. Etwa 2000 Yuan, rund 250 Euro, verdient er so. Davon muss er Holz und alle zwei Jahre einen neuen Ofen kaufen. „Aus ganz China kommen sie hierher“, sagt er. „Aber reich wird hier keiner. Manche können sich nicht einmal mehr ein Rückfahrticket leisten.“ Wang selbst stammt aus der Provinz Anhui. Seine ganze Familie lebe mittlerweile hier. Damit hat es Wang zumindest besser als Liu Ling, die ihre Tochter nur einmal im Jahr sieht.

Zhou Haitiao Quelle: Egill Bjarki für WirtschaftsWoche

Kinder bei den Großeltern

Viele junge Paare lassen ihre Kinder bei den Großeltern auf dem Land zurück. Ihr Land-Hukou erlaubt es ihnen nicht, die Kinder in der Stadt auf die Schule zu schicken. Selbst wenn die Eltern sich die Schulgebühren leisten können, müssen die Kinder die Abschlussprüfungen an ihrem Heimatort absolvieren, an dem andere Lehrpläne gelten. 58 Millionen Kinder wachsen in China derzeit ohne ihre Eltern auf.

Corinne Hua kennt die Problematik: Die Britin ist Gründerin von Stepping Stones, einer Hilfsorganisation, die Englischlehrer für Kinder von Wanderarbeitern vermittelt. Zwar legen die meisten Job-Nomaden rund die Hälfte ihres Einkommens zurück. Im Krankheitsfall reichten die Ersparnisse aber meist nicht. Hua erzählt von einem Mann, der drei Mal in der Woche auf eine Dialyse angewiesen war: 6000 Yuan, rund 730 Euro, musste die Familie aufbringen. Die Schwester des Mannes ließ Ehemann und Kinder zurück und flüchtete vor der finanziellen Belastung in eine andere Stadt.

Selten Zorn oder Frustration

„Eine Reform des Hukou-System würde diesen Leuten helfen, da sie so zumindest eine Kranken- und Rentenversicherung hätten“, sagt Hua. „Momentan sind sie Bürger zweiter Klasse.“ Trotzdem stößt die ehemalige Personalmanagerin bei diesen Menschen nur selten auf Zorn oder Frustration. „Sie erwarten nichts von der Regierung. Alles, was sie wollen, ist, mehr Geld verdienen als auf dem Land.“

Auch Zhou Haitiao ist nicht zornig. Gerade erst ist der 36-Jährige aus seinem Heimatdorf in der Provinz Jiangsu auf einer der zahlreichen Baustellen Shanghais angekommen. Die Luft ist gelblich grau und kratzt im Hals und sei „very unhealthy“, warnt das amerikanische Konsulat, das eine Messstation unterhält. Doch Zhou strahlt. „Wo ich lebe, ist mir egal“, sagt der Bauarbeiter, dessen Frau und Kind in der Provinz blieben. „Ich gehe dorthin, wo ich Geld verdienen kann.“

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