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Corona in den USA „Der Marxismus bleibt tot“

Das Coronavirus teilt die USA in die auf, die sich vor der Krankheit schützen können – und die, die ihr ausgeliefert sind. Quelle: imago images

In den USA sind Arme und Schwarze von der Coronapandemie besonders betroffen. Das schärft die Kapitalismuskritik. Und befeuert die Debatte über die Ungleichheit. Drei Top-Ökonomen – James Galbraith, Branko Milanovic, Joseph Stiglitz – beziehen Stellung.

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Weit mehr als 400.000 Erkrankungen, zuletzt fast 2000 Corona-Tote an einem Tag – die Coronapandemie hat die Vereinigten Staaten fest im Griff. Und sie beschert dem Land eine heftige Debatte über die Ungleichheit. Denn Covid-19 teilt das Land in die auf, die sich vor der Krankheit schützen können – und die, die ihr ausgeliefert sind. Selbst Präsident Donald Trump konzediert, dass mehrheitlich afroamerikanische Landkreise teils dreimal so viele Infektionen und fast sechsmal so viele Todesfälle vermelden. Die Gründe sind vielfältig und bedingen einander: Die US-Gesundheitsbehörde weist auf einen „eher niedrigen sozialökonomischen Status“ hin, der es den Menschen erschwere, soziale Distanz zu wahren. Hinzu kommt, dass viele nicht gesundheitsversichert sind. Auch litten vergleichsweise viele Afroamerikaner an Vorerkrankungen (Herz, Diabetes), weshalb schlimmere Krankheitsverläufe wahrscheinlicher sind.

Die Lage im Land ist nach wie vor dramatisch. Mehr als 16 Millionen Amerikaner haben in den vergangenen Wochen ihren Job verloren. Und alle Prognosen sagen voraus, dass es noch deutlich mehr werden dürften. Die Fed kalkuliert bereits mit einer Arbeitslosenquote von mehr als 30 Prozent – mehr als auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise. Betroffen sind vor allem die Armen und die untere Mittelschicht. Laut einer Umfrage des Ipsos-Instituts berichteten Ende März bereits mehr als ein Drittel der sozial Schwächeren, dass ihre Arbeitsstätten geschlossen hätten oder sie in den unbezahlten Urlaub entlassen wurden. In der Oberschicht lag die Zahl bei neun Prozent.

Ganz klar: Covid-19 trifft nicht alle gleich. Wer es sich leisten kann, flieht aus den Infektionshotspots wie New York, Miami, Los Angeles oder Chicago in die feinen Ferienorte der Reichen, wo das Abstandhalten dank großzügiger Anwesen besser möglich ist. Der kleine Flughafen der Ein-Prozenter-Insel Martha’s Vinyard vor Massachusetts, Urlaubsziel der Obamas, Clintons und Kennedys, kämpft bereits seit Tagen mit der logistischen Großaufgabe, den beständigen Anflug von Privatjets zu koordinieren. In den Hamptons, traditionelles Refugium des New Yorker Geldadels auf Long Island, sind die Ferienhäuser ausgebucht – trotz Preisen um die 100.000 Dollar für die Saison. In den Weingeschäften der Enklave wird mittlerweile der Chablis knapp. Die Hamsterkäufe in den Supermärkten beschränken sich nicht auf Nudeln und Klopapier, sondern erstrecken sich auch auf Lachssteak und Shrimps. Allein die Anreise aus Manhattan fällt wenig erbaulich aus. Sie führt durch den besonders hart von Covid-19 betroffenen Stadtteil Queens. Dort parken Kühllastwagen vor den Krankenhäusern, um die Körper der Toten zu lagern, die der Pandemie nicht entkommen konnten. Im benachbarten Brooklyn mussten die Leichen zeitweise mit dem Gabelstapler verladen werden.

Die Geschichte zweier Coronakrisen zeigt einmal mehr, wie stark ausgeprägt der Unterschied zwischen Arm und Reich in den Vereinigten Staaten mittlerweile geworden ist. Sie ist das Erbe der neoliberalen Reformen der Achtzigerjahre, der „Supply Side Economics“, glaubt Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz. In den vergangenen 40 Jahren sei „die Rolle des Staats ausgehöhlt und mehr Verantwortung an den Privatsektor übertragen“ worden, so Stiglitz. Doch das freie Spiel der Kräfte sei an der Größe der Aufgabe gescheitert: „Der Markt ist nicht einmal in der Lage, die notwendige Menge an Schutzmasken zu produzieren.“ Es brauche deshalb eine stärkere Rolle des Staates, um diese Schwächen auszugleichen.

Es wäre die Rückbesinnung auf eine amerikanische Tradition, die älter ist als der neoliberale „Reaganismus“ der Achtzigerjahre – eine Rückbesinnung auf den New Deal. Während der Großen Depression griff der amerikanische Staat beherzt ein, mobilisierte enorme Summen für Infrastrukturausgaben und baute gleichzeitig das soziale Netz aus. In den folgenden Jahrzehnten rückte die amerikanische Gesellschaft wirtschaftlich zusammen. Die Ungleichheit sank, die Mittelschicht wuchs. „Daran müssen wir uns erinnern“, sagt James Galbraith, Ökonomieprofessor der University of Texas in Austin. Schließlich habe die Coronakrise gezeigt, dass das Wirtschaftsmodell der vergangenen 40 Jahre unfähig sei, sich auf Krisen vorzubereiten. Dass mehr staatliche Kontrolle der Wirtschaft und höhere Steuern zu einem Verlust von Freiheit, ja gar einen neuen Sozialismus führen könnten, glaubt Galbraith nicht. „Der Begriff legt nahe, dass gegen das Interesse der Bevölkerung gehandelt werden soll.“ Es sei aber nicht im Interesse der Bevölkerung, wenn jetzt wie 2008 Millionen Menschen wegen eines Wirtschaftsabsturzes ihr Haus verlören. „Das ist nicht Freiheit. Das ist Autoritarismus.“

Dass im Zuge der Krise die Planwirtschaft und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel zurückkommt, glaubt auch Branko Milanovic nicht. „Der Kapitalismus ist sicher. Der Marxismus bleibt tot“, sagt der Wirtschaftsprofessor mit dem Forschungsschwerpunkt Ungleichheit. Reformen, die das amerikanische System mehr in die Richtung einer sozialdemokratischen Wirtschaftspolitik mit offenen Märkten und einem starken Staat verändern, kann er sich gleichwohl vorstellen. Einen Automatismus sieht er allerdings nicht. Dafür dürfte der Corona-Schock zu heftig ausfallen. „Wir haben zuletzt zu viele Institutionen versagen sehen: Die Wirtschaft in der Finanzkrise und jetzt die Regierungen durch ihre mangelhafte Reaktion auf das Virus.“ Die Folgen könnten laut Milanovic enorm sein: „Wir befinden uns in einer Situation wie in Europa nach dem Ersten Weltkrieg.“ Das Leben von Millionen Menschen werde auf den Kopf gestellt. Gleichzeitig verlieren Experten und traditionelle Autoritäten das Vertrauen der Bevölkerung. Die Lage sei heikel – und sie sei offen, sagt Milanovic: „Wir wissen schlicht nicht, wohin das führen wird.“

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