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Coronaimpfstoff Millionen Menschen warten noch immer auf Russlands Sputnik-Impfstoff

Iran waren im Frühjahr bis November 60 Millionen Sputnik-Dosen in Aussicht gestellt worden, aber bislang musste sich das Land mit gerade einmal 1,3 Millionen begnügen. Quelle: Reuters

Russland hat seinen Sputnik-Impfstoff gegen Corona offensiv in Entwicklungsländern vermarktet. Nach Schätzungen haben mehr als 60 Staaten insgesamt eine Milliarde Dosen bestellt. Und nun warten und warten sie.

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Esperita García de Perez hat ihre erste Corona-Impfung mit dem russischen Mittel Sputnik V im Mai erhalten. Das, zusammen mit ihrem katholischen Glauben, gab der Venezolanerin das Gefühl, besser gegen das Virus geschützt zu sein, erst recht nach der zweiten Dosis, die sie ein paar Wochen später erhalten sollte. Aber die 88-Jährige wartet immer noch auf diese Spritze. Im September hat sie sich mit Corona infiziert. Ihre Hoffnung auf Überleben konzentriert sich jetzt auf diverse Arzneien und die Krankenpflege, die sie daheim erhält.

Millionen Menschen in Entwicklungsländern von Lateinamerika bis hin zum Nahen Osten warten ebenfalls auf mehr Sputnik-Dosen, deren Auslieferung sich unter anderem wegen Herstellungsproblemen verzögert hat. Ein Unternehmen schätzt, dass Russland bislang nur 4,8 Prozent der versprochenen rund eine Milliarde Dosen exportiert hat.

Venezuela hat Sputnik für Einwohner ab 50 Jahren vorgesehen und im Dezember 2020 zehn Millionen Dosen bestellt, aber weniger als vier Millionen erhalten. Argentinien, das den russischen Stoff als erstes Land in der westlichen Hemisphäre eingesetzt hat, erhielt Ende Dezember 2020 seine erste Lieferung, aber wartet immer noch auf viele der 20 Millionen Dosen, die es gekauft hat.



Für García de Perez waren die vergangenen Monate voller Anspannung, einmal habe es geheißen, dass der Impfstoff kommt, dann wieder, dass er nicht kommt, schildert sie und fügt hinzu: „Man will die Sicherheit und Hoffnung haben, dass das Ding eintrifft.“

Der Impfstoff wurde im August 2020 auf dem Markt eingeführt und stolz nach dem ersten Satelliten der Welt benannt, um Russlands wissenschaftlichen Fähigkeiten zu symbolisieren. Die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Europäische Arzneimittelbehörde EMA haben die Nutzung von Sputnik V bislang nicht genehmigt, aber es ist in etwa 70 Ländern zugelassen.

Moskau hat das Mittel offensiv vermarktet, nachdem sich abzeichnete, dass reiche Nationen Vorräte an im Westen entwickelten Impfstoffen für sich selbst behalten. Russische Staatsmedien ließen sich im Frühjahr triumphierend darüber aus, wie das Vakzin „die Welt erobert“.

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    Platz als „Retter“ der Pandemie verpasst

    Aber die Gelegenheit, sich „wirklich als Retter“ in der Pandemie präsentieren zu können, sei verpasst worden, sagt Judy Twigg, eine auf globale Gesundheit spezialisierte Professorin an der Virginia Commonwealth University. Im Gegensatz zu anderen Covid-19-Vakzinen sind Sputniks erste und zweite Injektion verschieden, lassen sich nicht austauschen, und es hat wiederholt Berichte über Herstellungsprobleme insbesondere der zweiten Dosis gegeben.

    Experten führen das zum einen auf begrenzte Produktionskapazitäten zurück, aber sie weisen auch auf die komplizierte Prozedur hin. Sputnik ist ein Vektorimpfstoff. Ein abgeschwächtes, für den Menschen harmloses Virus wird als Transportmittel (Vektor) für einen - ungefährlichen - Teil der Erbinformation des Corona-Virus benutzt. Diese Information wird sozusagen vom Körper abgelesen und damit eine Immunantwort ausgelöst. Das Arbeiten mit biologischen Zutaten involviert eine Reihe von Variablen, die die Qualität des Endproduktes beeinflussen können.



    Die Datenanalyse-Firma Airfinity schätzt, dass 62 Länder Abmachungen mit Russland über die Versorgung mit insgesamt etwa einer Milliarde Sputnik-Dosen getroffen haben, von denen bislang nur 48 Millionen bei ihnen eingetroffen sind. Es sei nicht klar, ob eine Auslieferung der jeweils bestellten Mengen in diesem Jahr oder über einen längeren Zeitraum hinweg vereinbart wurde.

    Der russische Staatsfonds RDIF (Russian Direct Investment Fund), der die Impfstoffe finanziert und im Ausland vermarktet, hat mit 25 Fabriken in 14 Ländern Produktionsverträge abgeschlossen. Der Einrichtung zufolge befindet sich Russland in „vollem Einklang“ mit den Lieferungsabmachungen, „unter Einschluss der zweiten Dosis, nach einer erfolgreichen Produktionsbeschleunigung im August und September“. Alle Versorgungsfragen seien „gänzlich gelöst“, sagte RDIF-Topmanager Kirill Dmitrijew der Nachrichtenagentur AP. Im Übrigen gebe es „keinen Impfstoff-Hersteller auf der Welt, der keine Auslieferungsprobleme gehabt hat“.

    Verzögerung erhöht Druck

    In Argentinien haben Verzögerungen von Sputnik-Lieferungen und eine starke Zunahme von Covid-Infektionen im März zu öffentlichem Druck auf die Regierung geführt, Verhandlungen mit anderen Pharmaunternehmen zu beschleunigen. Eine erste Vereinbarung mit Russland umfasste 20 Millionen Dosen, von denen bis zum vergangenen Dienstag 14,2 Millionen eingetroffen waren. Später wurde dann ein weiterer Vertrag über die Produktion des Impfstoffes in einem argentinischen Labor abgeschlossen, wobei die aktiven Komponenten aus Russland geliefert werden. Bislang hat das Labor 1,2 Millionen erste und etwa 3,6 Millionen zweite Dosen hergestellt.

    Dem schwer von Corona gebeutelten Iran waren im Frühjahr offenbar bis November 60 Millionen Sputnik-Dosen in Aussicht gestellt worden, aber bislang musste er sich mit gerade einmal 1,3 Millionen begnügen. Kürzliche Angaben aus dem iranischen Gesundheitsministerium deuten darauf hin, dass es vor allem an zweiten Dosen mangelt.

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    Ein ähnliches Problem plagt anscheinend die Türkei. Gesundheitsminister Fahrettin Koca sagte im August, sein Land habe Sputnik bislang überhaupt nicht einsetzen können, weil keine zweiten Dosen zur Verfügung stünden.

    Russland habe seine Chance verspielt, sagt Twigg, die Professorin. „In manchen Fällen, etwa im Iran, in Guatemala, Argentinien und möglicherweise Mexiko ist Russlands Ansehen jetzt vielleicht sogar ein bisschen schlechter, als es gewesen wäre, wenn es überhaupt nichts getan hätte, oder wenn es gewartet und von Anfang an leichter zu erfüllende Versprechungen gemacht hätte.“ Jetzt seien die Menschen schlicht enttäuscht.

    Mehr zum Thema: Sputnik V, Novavax, Sinopharm, Biontech, Moderna, Astrazeneca oder Johnson & Johnson: So unterscheiden sich die Corona-Impfstoffe.

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