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Das ausufernde Müllproblem der Welt „Kümmern Sie sich selbst um Ihren Müll“

Mit seinem öffentlichkeitswirksamen Vorgehen will Malaysia nach eigenen Angaben vermeiden, zu einer Müllhalde reicherer Länder zu werden. Quelle: dpa

Als China im Januar 2018 die Einfuhr von Müll verbot, setzte ein Dominoeffekt ein. Indonesien, Malaysia, Thailand – Südostasien will den Müll, vor allem aus Europa, auch nicht mehr. Das Problem löst sich so aber nicht.

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Der Gestank von geronnener Milch wehte von einem Schiffscontainer in Malaysias Port Klang herüber, als Umweltministerin Yeo Bee Yin im Mai einer Gruppe von Journalisten sagte, sie würde den mit Maden befallenen Müll dorthin zurückschicken, wo er hergekommen ist.

Yeo äußerte eine Besorgnis, die ganz Südostasien teilt, und löste damit einen Mediensturm aus, dass die reichen Länder ihre unerwünschten Abfälle bei ihnen abladen. Laut Greenpeace wurden zwischen Januar und November letzten Jahres rund 5,8 Millionen Tonnen Müll exportiert, angeführt von Ausfuhren aus den USA, Japan und Deutschland.

Nun sagen die Regierungen in ganz Asien Nein zu den Importen, die jahrzehntelang Anlagen für das Recycling von Plastikabfällen belieferten. Mit dem zunehmenden Müllaufkommen standen die Importländer vor einem wachsenden Problem, wie sie mit kontaminiertem Müll umgehen sollten, der nicht einfach recycelt werden konnte.

„In der Regel können 70 Prozent einer Lieferung verarbeitet werden, und die anderen 30 Prozent sind mit Lebensmitteln kontaminiert“, sagte Thomas Wong, Manager von Impetus Conceptus Pte. Das Unternehmen aus Singapur zerkleinert lokal produzierten Kunststoffabfall, bevor er zu Recyclinganlagen in Malaysia und Vietnam geschickt wird. Kontaminierter Müll werde gegen eine Gebühr an Müllverbrennungsanlagen und Mülldeponien geschickt, aber einige Recycler „finden einfach eine Ecke und verbrennen ihn“, sagte Wong. „Der Rauch riecht wie Palmöl, deshalb verstecken sie sich in einer Plantage und zünden ihn nachts an.“

Untersuchungen von Greenpeace in Indonesien, Malaysia und Thailand haben ergeben, dass illegales Recycling, offenes Verbrennen, Wasserverschmutzung und ein Anstieg der mit Umweltverschmutzung verbundenen Krankheiten zu verzeichnen sind, schrieb die Organisation in einem Bericht vom 23. April.
Auch aus Deutschland landet Müll auf illegalen Deponien etwa in Malaysia. Recherchen der WirtschaftsWoche und des ZDF-Magazins „Frontal 21“ zeigten im Februar dieses Jahres, dass auch deutsche Entsorger Kunststoffabfälle nach Asien verschiffen, wo der Müll dann auf illegalen Deponien landet. Auf solchen Müllkippen vor Ort fanden Reporter tonnenweise Plastikmüll von Haushalten und Gewerben aus Deutschland.

China löste einen Dominoeffekt aus

Als China im Januar 2018 die Einfuhr verbot, setzte ein Dominoeffekt ein. Die Lieferungen wurden nach Südostasien umgeleitet, das rasch überfordert war, was die Regierungen zum Handeln zwang.

Malaysia verkündete im Oktober ein Verbot. Thailand hat im vergangenen Jahr die Erteilung von Einfuhrlizenzen eingestellt und wird voraussichtlich 2020 ein Verbot verhängen, sagt Yash Lohia, Executive Director bei Indorama Ventures Pcl, einem in Bangkok ansässigen Kunststoffproduzenten und Recycler. Die Philippinen erklärten, sie würden 69 Müllcontainer nach Kanada zurückzuschicken. Indonesien kündigte an, die Einfuhrbestimmungen für Abfälle zu verschärfen, nachdem es Sendungen mit giftigen Abfällen entdeckt hat. Indien und Vietnam haben ebenfalls Einschränkungen angekündigt.

Yeo aus Malaysia zufolge gelangt der Müll immer noch in falsch deklarierten Ladungen ins Land, aber die Regierung hoffe, den Handel bis Ende dieses Jahres vollständig einstellen zu können.

Nachdem Südostasien den Müll nicht mehr annehmen will, werden sich die Unternehmen woanders umsehen, sagte Wong bei Impetus Conceptus. „Ich denke, Afrika wird als nächstes drankommen.“

Aber die sozialen Medien haben sowohl in den Entwicklungsländern als auch in den reichen Ländern, die den Müll exportieren, die Öffentlichkeit für die Problematik sensibilisiert. Dadurch wird es zunehmend schwieriger, unerwünschte Abfälle zu exportieren.

„Jeder kann seine Meinung zum Müll äußern“, sagte Indoramas Lohia. „Dann fangen die Länder an, dies ernster zu nehmen.“ Die langfristige Botschaft für die Länder ist klar: „Kümmern Sie sich selbst um Ihren Müll!“

Aber wie funktioniert das? Menschen erzeugten im Jahr 2016 rund 2,01 Milliarden Tonnen an festen Abfällen, und bis 2050 könnten es laut Weltbank 3,4 Milliarden Tonnen sein. Rund 12 Prozent der städtischen Abfälle im Jahr 2016 waren Plastikabfälle – 242 Millionen Tonnen.

Die Lösung könnte in neuen Technologien und einem veränderten Sozialverhalten liegen, das die Notwendigkeit von Mülldeponien und Verbrennungsanlagen verringert oder sogar beseitigt.

Wie Malaysia gegen die Müllberge kämpft
Dieser Berg aus Müll hat die 30.000-Einwohner-Stadt Jenjarom bekannt gemacht, in Malaysia und weit darüber hinaus. Neben einer Palmölplantage haben Unbekannte Tonnen über Tonnen von Plastik aufgeschüttet. Auf den zwei Hektar Land stapeln sich die Kunststoffabfälle Meter hoch. Hier fanden Journalisten der WirtschaftsWoche Verpackungen für Pizza-Käse, Kochschinken, Süßigkeiten, sogar schwäbische Maultaschen aus Deutschland. Auch jede Menge französische oder amerikanische Spezialitäten sind auf diesem Berg zu finden. Plastik fürs Paradies: Wie Plastikmüll von Aldi & Co. in Asien landet, können Sie hier lesen. Quelle: Ahmad Yusni für WirtschaftsWoche
In der Fabrik nebenan gab es vor wenigen Wochen ein großes Feuer. Die Schmuggler haben versucht, ihre Spuren zu verwischen, vermuten die Anwohner. Die illegalen Recycler in der Gegend verbrennen regelmäßig ihre Reste, vor allem nachts. Dabei kann der Rauch giftig sein. Quelle: Ahmad Yusni für WirtschaftsWoche
Die Behörden versuchen, die illegalen Fabriken dicht zu machen. Über 100 Razzien hat das Umweltministerium angekündigt. Nicht nur wegen des Rauchs. Die Fabriken nutzen auch keine Wasser- oder Luftfilter. Chemikalien und Dreck geraten deshalb in die Umwelt. Quelle: Jacqueline Goebel für WirtschaftsWoche
Eine Plane soll vor neugierigen Blicken schützen. Reihen von Säcken stapeln sich dahinter, das meiste randvoll mit Plastik. Es handelt sich um Gewerbeabfälle: Produktionsrückstände, Randschnitte, Fehlchargen. Auf den Säcken sind japanische, türkische und auch deutsche Schriftzüge zu lesen. Quelle: Jacqueline Goebel für WirtschaftsWoche
Eine Polizistin steht vor Ballen mit Gehäusen von alten Fernsehern und anderen Elektrogeräten. Die Maschinen werden in Europa zerlegt, dann werden die billigen Plastikreste ins Ausland gekarrt. So ist es seit Jahrzehnten. Früher gingen Lieferungen wie diese vor allem nach China. Doch vor einem Jahr hat China einen Importstopp erlassen, die Grenzen sind dicht. Nun schlägt dieser Müll auf einmal in Malaysia auf. Und auch die chinesischen Kriminellen, sagen manche. Quelle: Jacqueline Goebel für WirtschaftsWoche
In winzigen Wohncontainern hausten die Arbeiter auf dem Gelände der illegalen Fabrik. Auch sie waren wahrscheinlich illegal hier, vermuten die Ermittler. Oft kommen Arbeiter aus Indonesien oder Bangladesch. Tag und Nacht nahmen sie den Schrott auseinander, und das für 900 Ringgit im Monat – nicht mal 200 Euro. Quelle: Jacqueline Goebel für WirtschaftsWoche
Pua Lay Peng ist in Jenjarom aufgewachsen. Sie will ihre Heimatstadt schützen. Deshalb gründeten sie und ihre Nachbarn die Kuala Langat Environmental Protection Association. Mit Rollern und einer Drohne erkundschafteten sie die Gegend. Sie fanden mehr und mehr Fabriken und Deponien. Im November machte die Organisation mit der Hilfe von Greenpeace öffentlich, was in ihrer Heimat geschah. Plastik fürs Paradies: Wie Plastikmüll von Aldi & Co. in Asien landet, können Sie hier lesen. Quelle: Ahmad Yusni für WirtschaftsWoche

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