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Das Comeback des Silvio Berlusconi Italien träumt vom Schlaraffenland

Zwei Wochen vor der Parlamentswahl in Italien verspricht Berlusconi Steuersenkungen und Amnestien, er kauft dem AC Mailand Mario Balotelli und adoptiert einen Hund. In Umfragen holt er auf – doch regieren wird er nicht.

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Silvio Berlusconi lässt sich nicht den Mund verbieten. Quelle: Reuters

Mailand „Victoria“ war sein jüngster Coup. Eine Hundewelpe auf dem Arm von Silvio: ein armer Mischling aus dem Tierheim – adoptiert vom Milliardär Silvio Berlusconi. Der ehemalige Premier und Anführer des Volks der Freiheit – Popolo della Libertà (PDL) – lässt im Wahlkampfendspurt in Italien keinen Marketingtrick aus. In Umfragen holt er mit dieser Taktik auf – er liegt nur noch sechs Prozent hinter seinem größten Widersacher, Pier Luigi Bersani, von der Linkspartei PD.

Ein weiterer Schachzug Berlusconis war der Kauf des italienischen Fußballstars Mario Balotelli. Er transferierte den Stürmer für rund 20 Millionen Euro von Manchester City zu seinem Verein AC Mailand. Dabei hatte Berlusconi seinem Klub eigentlich nach Jahren der Verschwendung einen strikten Sparkurs verordnet. Aber jetzt ist Wahlkampf und Berlusconi kauft sich Sympathien. Balotelli war es gewesen, der Deutschland für Italien aus der Europameisterschaft 2012 kickte. Sein Spruch dazu: „Balotelli hat zwei Tore geschossen und die Deutschen zum Weinen gebracht. Der andere Mario, Monti, hat zwei Tore geschossen – die Immobiliensteuer und die neuen Steuerkontrollen – und damit die Italiener zum Weinen gebracht.“ Der Umfrage-Guru Renato Mannheimer sagt, allein der Balotelli-Kauf habe Berlusconi einen Prozentpunkt gebracht.

Aber der Medien-Profi adoptiert nicht nur Hunde und Fußballer. Er verspricht auch, die von Monti wieder eingeführte Immobiliensteuer erneut abzuschaffen und die bereits bezahlte zurückerstatten. Außerdem will er eine Generalamnestie für alle Steuersünden und für alle Bausünden in Italien. Und nicht zu vergessen: vier Millionen Jobs will er schaffen. Wie genau, das bleibt vage.

Vor fünf Jahren hat Berlusconi schon einmal die Wahlen gewonnen, indem er beim Fernsehduell mit Romano Prodi wenige Tage vor der Wahl in der letzten Minute die Abschaffung der Immobiliensteuer versprach. Er hielt Wort – und riss ein weiteres Loch in den Haushalt.

Ein starker Berlusconi ist das Schlimmste, was Italien in dieser wirtschaftlichen Lage passieren kann. Das Vertrauen der Märkte, das Mario Monti so mühsam wieder hergestellt hat, wäre dahin. Das zeigten die panischen Kursreaktionen an den Märkten nach Berlusconis Überraschungsankündigungen zu seinen Steuerplänen. Die Risikoaufschläge würden wieder nach oben schießen, und Italien müsste angesichts der hohen Verschuldung von mehr als 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wieder Milliarden Euro mehr für höhere Zinsen hinlegen, statt diese Gelder in Wachstum zu investieren.

Doch der Haushalt interessiert Berlusconis Wähler nicht. Die Italiener, deren Steuern und Abgaben die höchsten unter den großen EU-Ländern sind – wollen am Ende des Monats mehr Geld übrig haben. Und deshalb wählen sie auch die PDL – oder zumindest einige von ihnen. Berlusconi fischt nicht bei den bürgerlichen Eliten, sondern bei den einfachen Menschen. Bei den Hausfrauen, die häufig ganztags den Fernseher – oft auf seinen Sendern – laufen lassen, war sein Anteil schon immer besonders groß. Für sie zählt, was ihnen im Portemonnaie bleibt, und das ist unter Mario Monti weniger geworden.

Monti hat vor allem die Steuern erhöht und kaum an den Ausgaben gekürzt. Heute ist Italien das Land mit der höchsten Steuerlast unter den großen EU-Ländern. Auch die dringend nötige Rentenreform erfreut die Bürger nicht wirklich. Sie müssen länger arbeiten und bekommen weniger Geld. Wer lässt sich da nicht von niedrigeren Steuern oder gar dem Versprechen der Vergebung für frühere Steuersünden locken?


In Umfragen liegt Berlusconis Koalition bei 28,4 Prozent


Seit gestern sind keine Umfragen mehr erlaubt bis zu den Wahlen in zwei Wochen. In den letzten Umfragen von Demopolis liegt Berlusconis Koalition bei 28,4 Prozent. Das Mitte-Links-Bündnis kommt auf 33,6 Prozent, Mario Monti mit seiner Koalition auf 14,4 Prozent und der Protest-Blogger Beppe Grillo mit seiner Bewegung „Cinque Stelle“ auf 17,5 Prozent. Auch wenn sich an diesen Prozenten noch etwas ändern sollte, so scheint es doch äußerst unwahrscheinlich, dass Berlusconis Partei mit ihrem lädierten Koalitionspartner Lega Nord regieren wird.

Aber ihm reicht es aus, wenn er in einer der Kammern dafür sorgen kann, dass die potentielle Mehrheit von Mitte-Links unter Pier Luigi Bersani und Mario Monti instabil ist. Wenn es reicht, dass nur wenige Abgeordnete das Bündnis wechseln – es wäre nicht das erste Mal in Italien – dann kann Berlusconi de facto die Arbeit des Parlaments blockieren oder seine Forderungen durchsetzen. Vor allem was seinen Schutz vor den Richtern betrifft, hat er schon unter Monti erfolglos versucht, Regelungen zu seinen Gunsten durchzusetzen.

Das Thema Prozesse bleibt aktuell für Berlusconi. Am Montag hat das Gericht in Mailand dem Antrag der Anwälte stattgegeben, den Prozess um Prostitution mit Minderjährigen wegen der Wahlkampftermine des Ex-Premiers zu verschieben. Die nächste Anhörung fällt nun auf den 4. März.
Aber die potentiellen Berlusconi-Wähler haben sich von den Prozessen oder auch vom Sex-Skandal bisher ohnehin nicht beeinflussen lassen. Sie sind überzeugt, dass die Richter politisch motiviert sind. Je mehr Probleme er mit der Justiz bekommt, umso mehr stärkt das seine Opferrolle und damit die Sympathien seiner Klientel. Seine Frauengeschichten interessieren sie nicht.

Offensichtlich interessiert sie noch nicht einmal die Frau, die das angeschlagene Image von Berlusconi als Sex-Süchtiger revidieren sollte: seine offizielle Verlobte Francesca Pascale. Noch vor Weihnachten war sie das Thema schlechthin. Er sprach von ihr in Interviews, er brachte sie sogar zum Weihnachtsessen der Familie mit. In den verschiedenen sozialen Netzen im Internet kursierten Fotos von Silvios Tochter Marina und der 20 Jahre jüngeren Freundin ihres Vaters, beide mit Kussmund wie beste Freundinnen. Doch jetzt herrscht Stille. Keine Spur mehr von der 27-jährigen Napoletanerin. Angeblich haben Umfragen ergeben, dass auch die Italiener die Story von dem 76-Jährigen und der 27-jährigen Freundin nicht abkaufen. Und was Umfragen betrifft, da ist Berlusconi extrem sensibel.

Es bleibt also eine Solo-Tour von Silvio. Deren Unterhaltungswert ist groß genug.

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