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„Das wird zu einer Delle führen“ Chinas Wirtschaft „nach“ Corona

Die chinesische Wirtschaft läuft wieder an. Die Delle in der Konjunktur wird dennoch nachhaltig sein. Quelle: REUTERS

China hat das Coronavirus offenbar vorerst unter Kontrolle bekommen. Eine Botschaft der Hoffnung für die Menschen – doch die Wirtschaft wird noch sehr lange brauchen, um sich zu erholen.

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Wenn Jörg Wuttke in diesen Tagen die Analysen einiger Investmentbanken liest, dann wundert er sich. Sein Eindruck ist, dass viele von ihnen nicht verstanden haben, wie es um die chinesische Wirtschaft tatsächlich steht.

Wuttke, der als Chef der Europäischen Handelskammer in Peking einen tiefen Einblick in die Situation der Unternehmen vor Ort hat, erteilt der derzeit weit verbreiteten „Rebound“-Theorie, wonach sich Chinas Wirtschaft spätestens im zweiten Quartal kräftig erholen und die düsteren ersten drei Monate des Jahres in Windeseile abschütteln kann, eine klare Absage. „Eine Wirtschaft, die so komplex ist, das dauert eine ganze Weile, bis man die wieder hochfährt“, sagt Wuttke. Derzeit laufe es nur „ganz dünn“ wieder an.

Die katastrophalen Konjunkturdaten, die China Anfang der Woche vorlegte, kamen nicht überraschend. Das Land stand seit Ende Januar wegen der strengen Maßnahmen im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus praktisch still. Folgerichtig sackten die Wirtschaftsdaten ab. So ging die Industrieproduktion im Januar und Februar im Vergleich zu den ersten beiden Monaten des Vorjahres um 13,5 Prozent zurück – der stärkste bislang gemessene Einbruch. Mit einem Minus von 20,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sackte auch der Umsatz im Einzelhandel deutlich ab. Die Anlageinvestitionen brachen um 24,5
Prozent ein.

China steht nun im ersten Quartal das erste Negativ-Wachstum seit 1976 bevor. Eine schnelle Rückkehr zur Normalität wird danach nicht folgen, glauben Wuttke und andere Beobachter.

Während in Europa und den USA die Ausbreitung gerade erst begonnen hat, scheint China das Virus zwar tatsächlich vorerst unter Kontrolle gebracht zu haben. Die Pekinger Gesundheitskommission meldet seit Tagen nur noch sehr wenige neue Infektionen und teilte mit, dass der Höhepunkt überschritte sei. Die größte Sorge macht sich das Land nun wegen so genannter „importierter Fälle“, also Menschen, die das Virus bei ihrer Einreise zurück nach China einschleppen könnten.

Aus der besonders betroffenen Provinz Hubei, wo das Virus im Dezember in der Millionenmetropole Wuhan erstmals ausgebrochen war, wurde dagegen am Dienstag nur noch eine einzige neue Erkrankung gemeldet. In vielen Städten kehrt das Leben zurück auf die Straße. Der Autoverkehr nimmt spürbar zu und Menschen beginnen wieder mit der Arbeit. Für Unternehmen bleibt die Lage aber schwierig.

Steiniger Weg zurück in die Normalität

Einerseits stehen sie vor der Herausforderung, die Produktion wieder hochzufahren, was nicht so einfach ist, wenn es an Materialien fehlt. „Die Lieferketten sind ein riesengroßes Problem“, sagt Wuttke. Noch immer gelten etwa in vielen Provinzen unterschiedliche Quarantäne-Vorschriften, die den Warenverkehr erschweren.

Und dort, wo die Produktion theoretisch laufen könnte, fehlt es an Abnehmern. Die chinesische Wirtschaft wird von gleich zwei Seiten in die Zange genommen. Einerseits ist die Binnennachfrage eingebrochen, weil Menschen nach Wochen im Ausnahmezustand noch immer zurückhaltend konsumieren. „Es geht nicht nur um zwei Monate, in denen Unternehmen schlecht produzieren konnten. Hunderte Millionen Menschen haben kein Gehalt bezogen. Das wird zu einer richtigen Delle bei der Nachfrage führen“, sagt Wuttke.

Weil sich das Coronavirus nun im Rest der Welt verbreitet, brechen auch für Chinas Exporteure schwere Zeiten an. Wenn die Weltwirtschaft ins Stottern gerät, bekommen sie das zuerst zu spüren. Und auch mit Blick auf das Ausland machen die Lieferketten wieder Probleme. „Teile der Industrie sind auf Lieferungen von Rohstoffen aus dem Ausland angewiesen, die nun ebenfalls zum Erliegen kommen könnten“, warnt die Pekinger Ökonomin Ye Tan: „Die derzeitige Situation ist nicht sehr stabil“.

Wie schnell sich eine Erholung einstellt, wird davon abhängen, wie gut die Stützungsmaßnahmen der Regierung greifen und wie schwer die Weltwirtschaft durch die Ausbreitung des Virus in anderen Regionen getroffen sein wird, glaubt Max Zenglein von China-Institut Merics in Berlin: „Es ist davon auszugehen, dass die chinesische Wirtschaft auch über das zweite Quartal noch mit den Auswirkungen zu kämpfen haben wird.“

Eine höhere Energieproduktion und das größere Verkehrsaufkommen deuteten an, dass die Wirtschaft wieder zum Leben erwacht. Von einem Normalzustand könne derzeit aber noch nicht die Rede sein.

Zwar kündigte die Regierung bereits Steuersenkungen an und die Zentralbank lockerte die Geldpolitik. Ein wirklich großes Konjunkturpaket, wie nach der Finanzkrise 2008 oder der Sars-Epidemie 2003, lässt dagegen bislang noch auf sich warten.

Derzeit, so sagen Beobachter in Peking, lote die Regierung das weitere Vorgehen noch aus. Zunächst würde der tatsächliche Tiefe des wirtschaftlichen Einbruchs ermittelt. Die frischen Konjunkturdaten zu Beginn der Woche sollten dabei geholfen haben.

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