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Dauerkrise Japan muss weiter Geld drucken

Die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt kämpft weiter gegen Deflation, ihre riskante Exportabhängigkeit und eine schwache Konjunktur. Allmählich gehen Japan die Mittel zur Unterstützung der Wirtschaft aus.

Fußgänger vor einer Quelle: dpa

Japans Regierung und Notenbank stemmen sich mit zusätzlichem Geld gegen den seit Wochen andauernden Höhenflug der Landeswährung Yen. Die Bank von Japan stockte ihre Ende 2009 eingerichteten Finanzierungshilfen für Banken auf. Die Regierung in Tokio kündigte Konjunkturstützen an, um den Arbeitsmarkt in Schwung zu bringen und die Deregulierung voranzutreiben. Zudem signalisierte sie ihre Bereitschaft, direkt in das Marktgeschehen einzugreifen.

Experten räumen den Initiativen aber nur geringe Chancen ein, den Yen-Auftrieb zu stoppen. Die Regierung erklärte, sie beobachte die Wechselkursbewegung aufmerksam und werde falls nötig „entschiedene Schritte“ einleiten. Dieser Begriff gilt als Hinweis auf eine mögliche Intervention. Schon in den vergangenen Tagen und Wochen bemühten sich japanische Spitzenpolitiker, den Yen herunterzureden. Sie befürchten, dass die von Exporten getriebene Wirtschaftserholung durch die starke Währung gefährdet werden könnte. Die Zentralbank erklärte indessen, Japans Wirtschaft zeige Anzeichen einer „moderaten Erholung“. Sorgen bereite jedoch zunehmend die Entwicklung in den USA und die Volatilität der ausländischen Finanzmärkte.

Anlegern fehlt der Glaube

Die verbalen Interventionen zeigten kaum Erfolge. Auch das Einschreiten der Bank von Japan wurde allenfalls als symbolischer Schritt gewertet, der den Höhenflug der eigenen Währung kaum stoppen dürfte. Der Yen stieg zum Dollar zeitweise um ein Prozent. „Japan hat mit einer steigenden Währung zu kämpfen, und es gibt Sorgen, dass die Wirtschaft im Ausland an Schwung verliert“, sagte Ministerpräsident Naoto Kan. Im zweiten Quartal wuchs die Wirtschaftsleistung in Japan kaum noch, weil die Exporte in die USA und nach China an Schwung verlieren. Der private Verbrauch leidet unter dem Auslaufen der Konjunkturprogramme. Zudem macht eine hartnäckige Deflation dem ostasiatischen Land zu schaffen.

Konjunkturexperten gehen nicht davon aus, dass das Wachstum wieder in Fahrt kommt. Angesichts der hohen Staatsverschuldung, die schon jetzt bei mehr als dem doppelten der Wirtschaftsleistung liegt, ist der Spielraum der Regierung in Tokio begrenzt. Kan kündigte nun an, 920 Milliarden Yen (etwa 8,5 Milliarden Euro) aus den Haushaltsreserven umzuschichten. Mit dem Geld soll unter anderem der Arbeitsmarkt gestützt werden. Das Kabinett werde am 10. September über das Paket abstimmen, sagte Kan. Falls nötig, werde ein Zusatz-Haushalt noch für das laufende Geschäftsjahr bis Ende März 2011 aufgelegt.

Senkung der Konjunkturprognose möglich

Die Börse zeigte sich enttäuscht darüber, dass die Notenbank lediglich das Banken-Finanzierungsprogramm aufgestockt, aber keine tiefer greifenden Schritte eingeleitet habe. Das Finanzierungsprogramm, das Ende 2009 aufgelegt wurde, hat nun ein Volumen von 30 Billionen Yen, zehn Billionen Yen mehr (etwa 93 Milliarden Euro) als bisher. Allerdings behielt sich die Bank von Japan nach der Sondersitzung schärfere Maßnahmen vor. Nach Ansicht von Ökonomen dürfte die Aufstockung der Liquidität für den Finanzmarkt den Yen-Anstieg kaum bremsen. „Es könnte sogar den Yen-Anstieg und das Sinken der Aktienkurse beleben, da die japanische Notenbank alle ihre politischen Mittel, die sie derzeit anwenden kann, ausgeschöpft haben könnte“, schrieb Yasuhide Yajima vom NLI Research Institute in einem Kommentar für das Wirtschaftsmagazin „Nikkei“. Offenbar habe die Zentralbank unter starkem politischem Druck gehandelt, so die Ökonomen bei Nomura.

Gouverneur Masaaki Shirakawa sagte, die Bank von Japan könnte möglicherweise ihre Konjunkturprognose für Japan erneut senken. Damit signalisierte er, dass die Währungshüter bereitstehen, den Geldhahn noch weiter aufzudrehen und etwa japanische Staatsanleihen zu kaufen. Sollte das nicht ausreichen, um den Anstieg des Yen zu drosseln, ist nach Einschätzung von Experten wohl eine einseitige Intervention Japans am Devisenmarkt nötig - denn auf die Hilfe der anderen Industriestaaten kann sich das ostasiatische Land nicht verlassen. Anfang voriger Woche war der Wechselkurs des Greenback zum Yen auf den tiefsten Stand seit 15 Jahren gefallen.

Händler räumen einem derartigen Schritt jedoch nur geringe Erfolgschancen ein, wenn er nicht mit einer noch weiteren Lockerung der Geldpolitik begleitet wird. Dementsprechend sind die geldpolitischen Maßnahmen der japanischen Notenbank am Devisenmarkt verpufft. Investoren interpretierten die von der Bank of Japan angekündigten Schritte als zu lasch. Die Aufstockung der Finanzierungshilfen für Banken werde lediglich als ein symbolischer Akt gesehen, sagten Händler. Auch die in Aussicht gestellten weiteren Konjunkturmaßnahmen der Regierung änderten die Einstellung der Anleger nicht.

Zartes Pflänzchen Konjunktur

Das Bruttoinlandsprodukt des Landes stieg im zweiten Kalenderquartal nur noch mit einer hochgerechneten Jahresrate von 0,4 Prozent - geringere Exporte und der schwache Konsum schlugen durch. Zwar legten die Exporte im Juli zum Vorjahresmonat um 23,5 Prozent zu. Doch schwächt sich der Anstieg bereits seit fünf Monaten ab. Japan, das gerade von seinem Nachbarn China als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt überholt worden ist, steckt weiter im Griff einer Deflation mit andauernd fallenden Preisen. Der Verbraucherpreisindex sank im Juli um 1,1 Prozent zum Vorjahr und damit im 17. Monat in Folge. Eine Deflation hat schlimme Auswirkungen: Sie drückt die Umsätze und Gewinne der Unternehmen, die dann Investitionen aufschieben und Arbeitsplätze abbauen.

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