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Davos Das wirkliche Problem der Weltwirtschaft

Aktienmärkte fahren Achterbahn, der Ölpreis bricht ein und China bietet ein Bild des Chaos: IWF-Chefin Christine Lagarde lässt sich davon nicht beunruhigen. Sie sagt: Der Weltwirtschaft droht keine Katastrophe. Die wahre Gefahr für die Weltwirtschaft sehen viele Ökonomen denn auch in einem anderen Problem.

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Spitzentreffen im Goldenen Ei
Das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos will angesichts der neuen globalen Unsicherheiten vor allem zur Bildung von Vertrauen beitragen. Die Welt stehe vor der Entscheidung zwischen einem Schulterschluss oder einem Auseinanderdriften, warnte der Initiator der Eliterunde, Klaus Schwab. Quelle: REUTERS
Der aus Ravensburg stammende Ökonomie-Professor Klaus Schwab hat das als Nonprofit-Unternehmen angelegte WEF einst gegründet. Der heute 75-Jährige will die unabhängige Stiftung nach eigenem Bekunden noch mindestens bis zum 50. Weltwirtschaftsforum im Jahr 2020 leiten. Quelle: dpa
Dem Forum gehören mehr als 1000 Unternehmen an – darunter 122 der weltweit größten als sogenannte strategische Partner. Erklärtes Ziel des World Economic Forum ist es, „den Zustand der Welt zu verbessern“. Quelle: REUTERS
Für dieses Jahr hat sich eine Rekordzahl von mehr als 2500 Topmanagern, Spitzenpolitikern und Wissenschaftlern aus gut 140 Ländern angesagt. Auch für sie gibt es diese neuen Hinweistafeln. Quelle: AP
Zwischen den Vorträgen und Diskussionsrunden lohnt ein Abstecher mit der Bahn auf das Weissfluhjoch. Russlands Ministerpräsident Dmitri  Medwedew ließ sich bei einem früheren Treffen schon beim Skifahren ablichten. Quelle: AP
Mehr als 40 Staats- und Regierungschefs werden in diesen Tagen in Davos erwartet. Die Sicherheitsvorkehrungen sind entsprechend hoch. Quelle: AP
Mit Fernglas und Schusswaffe ist dieser Polizist auf einem Dach postiert. Wie viele Polizisten insgesamt das Forum überwachen, bleibt ein Geheimnis. Im Einsatz sind außer ihnen rund 3000 Soldaten. Eurofighter sichern während des Forums den Luftraum. Quelle: REUTERS

Wer beim Weltwirtschaftsgipfel den offiziellen Diskussionen folgt, erliegt manchmal dem Eindruck, die hohen Berge und Absperrungen rund um den Tagungsort würden neben Verkehr und Eindringlingen auch den Nachrichtenstrom von dem Graubündner Bergidyll fernhalten. Während weltweit die Märkte einem wenig geordneten Chaos gleichen, reden Ökonomen, Unternehmer und Politiker in Davos am liebsten über den „long term“, die mittel- und langfristigen Aussichten für die Weltwirtschaft.

Und die seien gut. Sicher. Ganz sicher. Allenfalls der Ölpreis stört die gute Gipfelstimmung ein wenig, aber auch nicht viel. Insbesondere in China will so recht niemand Anlass zur Sorge erkennen. Da ist etwa Christine Lagarde, als Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), so etwas wie die mächtigste Wächterin über die Entwicklung der Weltwirtschaft.

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Sie nimmt in Davos an einer verwirrenden Vielzahl an Gesprächen teil und ist doch die Ruhe selbst: „Wir sehen in China Veränderungsprozesse in vielen Bereichen auf einmal. Das ist erstmal normal“, sagt sie. Was derzeit für so viel Unsicherheit sorge, sei vor allem ein Kommunikationsproblem: Die Märkte wissen nicht, was Chinas Verantwortliche vorhaben, und das macht sie nervös. Durch richtige Politik lasse sich das aber meistern. Lagarde: „Wir rechnen mit 6,5 Prozent Wachstum in diesem Jahr in China.“

Kein Grund für Dauerkrise

Dass die chinesischen Funktionäre bei ihrem ständigen Schwanken zwischen Markt und Staat in den vergangenen Wochen diese „richtige Politik“ nicht aus den Augen verloren haben, ist in Davos Mehrheitsmeinung. Gary Cohn, Präsident und COO der Investmentbank Goldman Sachs, sagt: „Ich muss daran erinnern, dass die chinesischen Markteingriffe sich nicht sehr fundamental von solchen Schritten unterscheiden, die auch westlichen Staaten immer mal wieder an den Märkten unternommen haben.“ „Es ist schon verblüffend, dass die Menschen immer sagen, das Wachstum in China bräche ein – auf 6,8 Prozent“, sagt Lagarde.

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Sie sieht auch bei den Daten keinen Grund für Dauerkrise. Mit Blick auf die Sorge um die Schwankungen der chinesischen Währung sagt Lagarde: „Man darf den Renminbi nicht nur gegen den Dollar laufen lassen sondern muss ihn mit dem IWF-Währungskorb und den Währungen von Chinas Handelspartnern vergleichen. Dann ist er relativ stabil.“ Zudem die anwesenden Chinesen sich bemühen, die Unsicherheiten in den größeren Kontext zu stellen.

Die ständigen Eingriffe von Staat und Notenbank in den Kurs des Renmibi? Das zeitweilige Aussetzen des Aktienhandels? Die Ängste vor einer Schulden- wie Kapazitätsblase, insbesondere, bei den Staatsunternehmen? Alles nicht so schlimm – oder angeblich so geplant. Das ist die Haltung vieler Chinesen. Zhang Xin, Chefin von Soho China, sagt: „Es gibt eine totale Entkopplung von Aktienmarkt und Realwirtschaft in diesen Tagen.“ Und Fang Xinghai, Generalmanager in der chinesischen Wirtschaftsplanungsbehörde (Central Leading Group for Financial and Economic Affairs, sagt: „Es gibt eine Strategie in China und die ist richtig: Nämlich den Verbrauchern mehr Geld zu verschaffen, damit sie den Konsum ankurbeln.“ Das verursache eben „Anpassungsschwierigkeiten.“

Drei Schritte zur Lösung des China-Problems

Dass das Teil der Reform und nicht Teil deren Rückdrehung sei, sagt auch Jian Jianging, Chairman der ICBC-Bank. „China hat einen Punkt erreicht, an dem es die Reformen nicht mehr zurückdrehen kann. Es muss aber sein Geschäftsmodell nun ändern, um als Volkswirtschaft auch die nächste Entwicklungsstufe erreichen zu können.“

Das Problem ist vermutlich: Was Chinesen unter Anpassung verstehen, kann den Rest der Welt trotzdem gefährden. Ray Dalio, Chairman von Bridgewater, rechnet damit, dass die Anpassungsphase „drei Jahre dauern und natürlich Auswirkungen auf den Rest der Welt haben wird.“

An diesen Märkten kracht es
Mit Chinas Aktienmarkt fing alles an: Jahrelang propagierte die Regierung in Peking den Einstieg in Aktien – ganz offiziell in den Staatsmedien. Der kleine Mann sollte an der Börse investieren und den chinesischen Unternehmen zu Kapital verhelfen. Doch mit dem stagnierenden Wirtschaftswachstum kamen Zweifel auf. Die Börsen in Schanghai und Shenzhen brachen innerhalb weniger Wochen drastisch ein. Und das Virus China begann, sich auszubreiten. Quelle: dpa
So zog Chinas Schwäche zum Beispiel auch das deutsche Aktienbarometer nach unten. Viele exportorientierte Dax-Unternehmen, vor allem die Autobauer, haben gelitten. Weil am Donnerstag die USA zusätzlich mit guten Konjunkturdaten aufwarten konnten und die Zinswende damit näher zu rücken scheint, ließ der Leitindex am Freitag weiter Federn. Zum Handelsschluss notierte er gut 300 Punkte tiefer bei 10.124 Punkten. Auf Wochensicht verlor der Dax knapp acht Prozent oder 861 Punkte. Quelle: REUTERS
Die voraussichtlich schlimmste Woche des Jahres für Aktien hat am Freitag auch die Wall Street nicht verschont. Nach enttäuschenden Konjunkturdaten aus China lagen die wichtigsten Indizes in New York zur Eröffnung deutlich im Minus. Der Dow-Jones-Index lag mit 16.815 Punkten ein Prozent im Minus. Der breiter gefasste S&P-500 tendierte mit 2.016 Zählern ebenfalls fast ein Prozent tiefer. Quelle: AP
Nicht nur an den Börsen, auch bei den Währungen ging es zuletzt deutlich bergab. Anfang der Woche gab die chinesische Zentralbank überraschend den Yuan-Wechselkurs frei – woraufhin dieser um mehrere Prozent nach unten rauschte. Auch in den Folgetagen konnte die Regierung den Kurs nur mit Mühe über Devisenverkäufe stabilisieren. Grundsätzlich will Peking daran festhalten, den Referenzkurs für den Wechselkurs nach Angebot und Nachfrage zu bestimmen. Quelle: dpa
Nicht nur der Yuan, auch die Schwellenländerwährungen allgemein haben in dieser Woche stark gelitten. Die türkische Lira, zum Beispiel, erreichte einen historischen Tiefstand nach dem anderen. Der Grund: Investoren ziehen ihr Geld aus den Schwellenländern ab und investieren es eher wieder im Dollar und Euro-Raum. Viele Schwellenländer hängen am Tropf Chinas. Das Vertrauen der Investoren schwindet daher. Quelle: REUTERS
Nach unten ging es diese Woche auch für den Ölpreis. Zuletzt kostete ein Barrel Brent noch 45,90 Dollar, ein Barrell der Sorte WTI noch knapp über 40 Dollar. Experten gehen längst davon aus, dass der Preisverfall weitergeht. Der Grund: Die USA hat durch die Schieferölförderung in nur vier Jahren die eigene Ölproduktion nahezu verdoppelt. Das dadurch steigende Angebot will und kann die Opec auch mittelfristig durch eigene Produktionskürzungen nicht kompensieren. Quelle: dpa
Doch nicht nur der Ölpreis leidet: Auch die Aktien der großen Ölunternehmen Exxon Mobil, Chevron, Royal Dutch Shell und Petrochina sind zuletzt deutlich eingebrochen. Experten warnen Anleger derzeit vor einem Wiedereinstieg. Quelle: dpa

„Die Welt normalisiert sich“, findet der ehemalige Bundesbankchef Axel Weber, heute Verwaltungsratschef der Schweizer Großbank UBS. Er sei sehr optimistisch was China angehe. „Es ist eine harte Angleichung derzeit, aber eine, die in die richtige Richtung führt.“ China habe bereits große Schritte auf dem Weg von der Schwerindustrie- zur Dienstleistungswirtschaft geschafft – davon profitiere am Ende China und die Welt. Um seine Zuversicht zu unterstreichen, ergänzt er: „Wir werden unsere Arbeitsplätze in den nächsten fünf Jahren in China verdoppeln.“

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Von den aktuellen Turbulenzen sieht er vor allem Volkswirtschaften jenseits der Industrieländer betroffen. Das sei aber zum Teil wegen derer hohen Abhängigkeit von Rohstoffexporten vor allem nach China selbst verschuldet: „Wir sehen, dass einige Schwellenländer stark gewachsen sind, einige, wie Indien, haben es sinnvolle genutzt, andere wie Brasilien nicht.“ Europa wiederum werde sogar etwas stärker wachsen als zuletzt.

Das China-Problem, sagt auch Lagarde, lasse sich relativ zügig lösen. Und nennt drei Schritte: „China braucht 1. Klare Kommunikation. 2. Klare Ziele, 3. Eine verbindliche Umsetzung der angekündigten Reformen.“

Viel mehr Sorgen als China oder der Einbruch des Ölpreises - oder gar die Flüchtlingskrise, die ohnehin nur die Europäer wirklich umtreibt – bereitet den Ökonomen in Davos ein ganz anderes Phänomen – dass die Weltwirtschaft seit Jahren insgesamt kaum noch produktiver wird.

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Der indische Notenbankpräsident Raghuram Rajan erklärt das so: „Wir haben technischen Fortschritt noch nicht monetarisiert.“ Die Effizienzgewinne, die die Internet-Technik bringt, sind bisher kaum in Investitionen in den Wohlstand von morgen umgemünzt worden, sondern werden entweder verkonsumiert oder von einigen wenigen privaten Profiteuren vereinnahmt. Wie sich das ändern lässt, das sehen viele Davos-Ökonomen und Politiker als die wirkliche entscheidende Frage.

IWF-Chefin Lagarde im übrigen gerät in Davos nur ein einziges Mal aus der Ruhe – als sie nach ihrem Ambitionen für eine zweite Amtszeit gefragt wird. Angeblich soll sie sich die Stimmen der USA, Frankreichs und Deutschlands gesichert haben. Da rutscht Madame ein wenig auf dem Stuhl und die, die sonst immer sofort eine präzise Antwort hat, sagt verlegen: „Für diese Antwort brauche ich Zeit.“

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