+++Davos Diary+++ Was bleibt vom WEF 2013?

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+++ Freitag, 11:40 +++

Einen Auftritt der angenehmen Art erlebte Mario Draghi am Vormittag. Ein alter Weggefährte, John Lipsky, bat den EZB-Präsidenten zum Gespräch. Wohin die Reise gehen sollte, wurde direkt mit der Einführung klar. „Herr Präsident, Sie haben einen großen Einfluss auf die Euro-Zone und im vergangenen Jahr außerordentliche Herausforderungen gemeistert“, begrüßte ihn Lipsky. Draghi setzte sein schelmisches Lächeln auf und nutzte die Vorlage zu seinen Gunsten. „2012 können als das Jahr des Relaunches (eine Art Neustart) des Euro in die Geschichte eingehen“, so Draghi.

EZB-Präsident Mario Draghi erwartet eine Erholung der Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte. Quelle: REUTERS

Man habe mit der Geldschwemme zu Beginn des vergangenen Jahres eine Kreditklemme und dramatische Folgen für die Realwirtschaft verhindern. Zudem seien in den Mitgliedsstaaten Reformen angestoßen worden. Im zweiten Halbjahr 2013 werde die Euro-Zone wieder wachsen, wenn auch auf niedrigem Niveau. Inflationsgefahren sehe er keine, sagt Draghi und lächelt das Siegerlächeln. Um nicht allzu viel Angriffsfläche zu bieten, unterstrich der EZB-Präsident zum Abschluss, dass das Mandat der Frankfurter Notenbanker sei, die Preisstabilität zu gewährleisten. Dem fühle er sich verpflichtet. Was das konkret heißt – und wie dieses Bekenntnis zur Politik des lockeren Notenbank-Geldes passt, verriet er nicht. John Lipsky tat ihm den Gefallen und fragte nicht weiter nach, sondern gönnte Draghi seinen Abschiedsapplaus. (T. Rahmann)

+++ Freitag, 09:36 +++

Das Gesprächsthema am Morgen sind traditionell die Partys vom Vorabend. Wo war es besonders gut, welche der zahlreichen Partys in Davos war enttäuschend? Heute Morgen ist die Antwort klar: Die Veranstaltung von Microsoft am Donnerstagabend war ein Flop. Kaum bekannte Gesichter, keine Stimmung. Da half auch nichts, dass Wikipedia-Gründer Jimmy Wales durch den Saal tanzte. Die Lücke, die Google - Ausrichter legendärer Partys in Davos - hinterlassen hat, ist bisher nicht gefüllt. Heute Abend gibt es die nächste Chance, unter anderem für Booz & Company und die russische Delegation, die beide zu Partys in Nobelhotels laden. (T. Rahmann)

+++Donnerstag, 22.43 Uhr+++

Der Wirtschaftsgipfel in Davos ist auch deshalb spannend, weil hier mögliche Lösungen für Probleme wie Armut, Jugendarbeitslosigkeit, Klimawandel und Umweltschutz eine wichtige Rolle spielen. In den Sessions drängeln sich die bekanntesten Vordenker der jeweiligen Felder und tauschen sich aus, Politiker und CEOs lauschen ihnen und schwärmen anschließend von den großartigen Ideen der grünen Visionäre. Alle sind sich einig: Wir müssen etwas tun, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Beseelt von diesem Ziel treten die Davos-Besucher abends ins Freie, wo eine nicht enden wollende Kolonne schwarzer A8 auf sie wartet. So viele, dass der Verkehr in der ganzen Stadt zum Erliegen kommt. Dabei steht allen Besuchern des Wirtschaftsforums ein weit verzweigtes Shuttle-System mit sehr komfortablen Kleinbussen zur Verfügung, die im Zehn-Minuten-Takt zu den wichtigsten Veranstaltungen und Hotels pendeln. Schade, dass die oft halbleer im Stau zwischen schwarzen Limousinen stehen.

+++Donnerstag, 16:20+++

Klar ist die Euro und die Finanzkrise auch dieses Jahr in Davos wichtig. Aber, das habe ich nun von mehreren CEOs gehört: Das Thema beherrscht die Gespräche nicht mehr wie noch vor einem Jahr. "Die blanke Angst ist gewichen", sagt einer. "Die Lage ist stabiler".

Euro und Finanzkrise bleiben wichtig, sind aber nicht mehr das bestimmende Thema. Quelle: REUTERS

Aber wie stabil ist sie wirklich? Ist es nicht nur eine trügerische Ruhe, weil der Patient Europa mit einer weiteren Geldschwemme ruhig gestellt wurde? Kann das gutgehen? Ich habe da meine Zweifel. Aber darüber will kaum jemand offen reden. Das überlässt man hier lieber den Star-Ökonomen auf der Bühne. (S. Matthes)

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