+++Davos Diary+++ Was bleibt vom WEF 2013?

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+++Donnerstag, 15:22+++

Die Vorwürfe an die Bundesrepublik, die Euro-Zone mit ihrer Politik zu schwächen, sind seit dem Ausbruch der Schuldenkrise auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos so vorhersehbar wie der Schneefall in dem Nobel-Ski-Ort. Bundeskanzlerin Angela Merkel tritt dem entgegen. Deutschland produziere nicht zu billig, nein, die anderen Euro-Partner seien schlicht zu teuer. „Wenn wir uns bei den Lohnstückkosten in der Mitte treffen, ist unser Kontinent nicht wettbewerbsfähig und Deutschland verliert seinen Status als Exportmacht“, so Merkel. Es sei demzufolge wichtig, dass die Euro-Zone weiter Strukturreformen durchführe, die nationale Haushalte saniere und gleichzeitig Wachstum schaffe. Dieser Dreiklang sei kein Widerspruch, so Merkel – die gleichzeitig einräumt: „Strukturreformen wirken nicht sofort. Es kann, das wissen wir in Deutschland aus eigener Erfahrung, drei oder vier Jahre dauern, bis die Erfolge spürbar sind.“ Für diese Zeit könne man Überbrückungsprogramme in Erwägung ziehen.

„Wenn wir uns bei den Lohnstückkosten in der Mitte treffen, ist unser Kontinent nicht wettbewerbsfähig und Deutschland verliert seinen Status als Exportmacht“, so Bundeskanzlerin Angela Merkel. Quelle: dapd

Um nachhaltiges Wachstum zu schaffen, das auch Schocks aushalten kann, will die Euro-Zone den Freihandel vorantreiben. Man sei kurz davor mit Japan und Kanada entsprechende Verträge zu unterzeichnen. Auch mit asiatischen Ländern und vor allem mit den USA sollen Freihandelsabkommen unterzeichnet werden. „Ein Vertrag mit den Vereinigten Staaten könnte bis zu zwei Prozent Wirtschaftswachstum bringen“, so Merkel. „Die Verhandlungen werden nicht einfach, aber wir müssen das schaffen.“ Nicht geschafft hat es Merkel, beim Thema Bankenunion und griechischen Schuldenschnitt klar Stellung zu beziehen. Zwei Themen, die auf den Gängen des Weltwirtschaftsforums heiß diskutiert werden. Angeregt durch die Rede von IWF-Chefin Christine Lagarde am Vorabend, die die Vollendung der Bankenunion inklusive eine Haftung aller für Alle forderte, erklären auch immer mehr Ökonomen, Deutschland müsse seinen Widerstand aufgeben. Angela Merkel lieferte keine Klarstellung. Vielleicht, weil sie selbst weiß, dass ein Schuldenschnitt für Griechenland nach den Bundestagswahlen kaum zu verhindern ist. (T. Rahmann)

+++Donnerstag, 14:50+++

Das Vordenken, wie sich eine bessere Zukunft gestalten lässt, ist die Agenda der “Young Global Leaders”, einer mit dem Wold Economic Forum verbundenen Stiftung, in der mehr als 850 außergewöhnliche Führungspersönlichkeiten unter 40 Jahren, dazu eingeladen sind, die Welt zu verbessern. In zahlreichen Session stellen dieser Tage in Davos “Young Global Leaders”  ihre Ideen zur Diskussion. So auch Abraham Reuben, Executive Director des indischen Centres for Emerging Markets Solutions. “Urbanisiert den Planeten”, lautet seine Weltverbesserungsformel, die er mit umfangreichem Datenmaterial unterlegt. So erwirtschaftet beispielsweise die Stadt New York ein größeres Bruttosozialprodukt als ganz Russland, hinterlässt dabei jedoch einen wesentlich kleineren ökologischen Fußabdruck. So haben 77 Prozent der New Yorker kein eigenes Auto – das öffentliche Transportsystem der mit acht Millionen Einwohnern größten nordamerikanischen Stadt macht es möglich.

Die Bewegung der Menschen vom Land in die Städte lässt sich nicht aufhalten. Deshalb die Forderung: Urbanisiert den Planeten! Quelle: dpa

Kleinere Wohnungen, eine dichtere Infrastruktur bei öffentlichen Angeboten Bildung und Gesundheit betreffend schonen nicht nur Ressourcen, sondern auch den Haushalt der Stadt, sind derlei öffentliche Leistungen in Städten doch wesentlich günstiger zu erbringen als auf dem Land. Die Bewegung der Menschen vom Land in die Städte lässt sich nicht aufhalten. Während im Jahr 1800 nur drei Prozent der Weltbevölkerung in Städten lebten, werden es aller Voraussicht nach im Jahr 2050 rund 80 Prozent sein. “Uns bleiben 40 Jahre, um alles zu ändern, was wir in der Vergangenheit getan haben”, so Reuben Abraham. Noch leben 50 Prozent der Menschen in seinem indischen Heimatland von der Landwirtschaft. Dass es im Zuge der Urbanisierung zu Lebensmittelknappheit kommt, lässt sich nach seiner Ansicht durch gesteigerte Produktivität in der Erzeugung vermeiden. Überhaupt ist die Urbanisierung in Davos ein häufig diskutiertes Thema. “Designing Smart Cities”, “Building CapaCity” oder “Indias Growth Context” lauten die Titel der Veranstaltungen, die dieses Thema unter vielen Gesichtspunkten diskutieren. (R. Tichy)

+++Donnerstag, 11:15+++

Viel hatten die Besucher nicht erwartet, als es hieß, der britische Regierungschef David Cameron werde über Freihandel, nicht aber über das angekündigte EU-Referendum reden. Doch Cameron überraschte die Massen, die sich im Kongresssaal tummelten. Am Ende seiner Rede stellte er sich den Fragen des Plenums und verteidigte seinen Vorstoß, die Briten über einen EU-Austritt abstimmen zu lassen. "Wir führen die Debatte, weil sie gut ist für Großbritannien, für Europa und für die Weltwirtschaft", so Cameron.

Die EU müsse sich ändern und wirtschaftsfreundlicher werden. Steuern müssten gesenkt, Vorschriften abgeschafft werden. Cameron sprach sich gegen Eurokratie aus, betonte aber, stets ein verlässlicher Partner und Vorkämpfer für Europa gewesen zu sein. "Die EU verdankt uns den Binnenmarkt, wir haben den Anstoß gegeben!" Auch habe man als erste europäische Nation Frankreich seine Unterstützung im Mali-Konflikt zugesagt.

Cameron hat mit seiner leidenschaftlichen Rede deutlich gemacht: Auf ein Großbritannien, das sich für Deregulierung und freie Märkte einsetzt, kann die EU nicht verzichten. (T. Rahmann)

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