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+++Davos Diary+++ Was bleibt vom WEF 2013?

Das Weltwirtschaftsforum 2013 in Davos: Für die WirtschaftsWoche vor Ort sind Roland Tichy, Sebastian Matthes und Tim Rahmann. Sie berichten laufend aktuell und bieten spannende Einblicke hinter die Kulissen.

Die skurrilsten Zahlen und Fakten über Davos
Mittlerweile zum 43. Mal lädt Klaus Schwab, der Gründer und Präsident des Weltwirtschaftsforums, zum Treffen in Davos. Das Thema diesen Jahres lautet "Resilient Dynamism" (zu deutsch: "Widerstandsfähige Dynamik"). Der Schweizer Nobelort hat 11.131 Einwohner - und wird im Tagungszeitraum von...
Iglu Quelle: dapd
Davos Quelle: AP
Viele Wirtschaftsbosse laden am Essen gerne Geschäftspartner zu einem Essen ein. Das Posthotel berechnet dabei nach NY-Times-Angaben pro Person mindestens 210 US-Dollar. Eine Cocktail-Party für 60 bis 80 Leute kostet pro Stunde 8000 US-Dollar.
Die meisten Gäste des Weltwirtschaftsforums reisen über den Flughafen in Zürich an. Die Schweizer Metropole liegt rund 150 Kilometer von Davos entfernt. Von Zürich-Kloten geht es mit einer Limousine nach Davos - oder per Helikopter. Eine Strecke kostet 3.400 US-Dollar.
Weltwirtschaftsforum Quelle: dpa
Wein Quelle: Fotolia

Mit mehr als 2500 führenden Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft hat am Mittwoch in Davos das 43. Weltwirtschaftsforum seine Arbeit aufgenommen. Im Mittelpunkt steht die Suche nach neuen Ideen und Impulsen für mehr wirtschaftliches Wachstum zur Überwindung der Folgen der Finanzkrise. Zudem wollen die Teilnehmer - unter ihnen fast 50 Staats- und Regierungschefs - über Möglichkeiten zur Stärkung der Abwehrkräfte gegen neue Krisenschübe beraten.

Für die WirtschaftsWoche vor Ort sind Chefredakteur Roland Tichy, Technik-Ressortleiter Sebastian Matthes und Online-Politikredakteur Tim Rahmann. Hier im "Davos Diary" berichten sie in den kommenden Tagen von ihren Eindrücken:

+++Sonntag, 10.14+++

Die schwarzen Shuttle-Busse stehen stumm auf dem Parkplatz, das Kongresszentrum ist zu - das Weltwirtschaftsforum (WEF) 2013 vorbei. In Erinnerung bleiben vor allem die kämpferische Rede des britischen Premierministers David Cameron zum Zustand der Europäischen Union, das Siegerlächeln von EZB-Chef Mario Draghi und der nörgelnde George Soros. Eindrücke, die mit dem Thema des 43. Treffens der führenden Köpfe aus Politik und Wirtschaft "Widerstandsfähige Dynamik", nur wenig zu tun haben. Wie die Weltwirtschaft auch Schocks aushalten und nachhaltig wachsen kann, bleibt eine offenen Frage - auch nach Davos. Auch, weil die beiden größten Volkswirtschaften der Welt, die USA und China, durch ihre Regierungen nicht vertreten waren. Der Schweizer Nobel-Skiort ist kein Ort, an dem politische Fortschritte erzielt werden. Stattdessen werden zwischen den Wirtschaftsbossen Kontakte geknüpft, Geschäftsbeziehungen ausgebaut und neue Ideen entwickelt. Das passiert oft abseits des Kongresszentrums, in den Hotelbars und Restaurants, abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Davos ist nicht das Zentrum politischer Entscheidungsfindung, sondern der Ort des Netzwerkens. Daraus ergibt sich die Daseinsberechtigung des Forums.

+++Samstag, 10.23+++

Eine wenig optimistische Prognose hatte Bundeswirtschaftsminister Phillip Rösler für die Chefs der deutschen Konzerne anlässlich des jährlichen Gesprächskreises mit der Wirtschaft: In diesem Jahr wird nicht mehr regiert. Faktisch sei die Kabinettssitzung am 8. Februar der letzte Zeitpunkt vor der Bundestagswahl, an dem noch Gesetze in das Gesetzgebungsverfahren eingehen könnten. Danach herrscht Stillstand der Rechtspflege, denn die rotgrüne Mehrheit im Bundesrat werde danach das Handeln der Bundesregierung blockieren.

Die Prognose von Philipp Rösler ist wenig optimistisch. Quelle: dpa

Das haben ja die Wahlsieger noch in der Nacht der Landtagswahl angekündigt und sich damit in die Tradition des früheren SPD-Chefs Oskar Lafontaine gestellt, der seinerzeit die Regierung Kohl bis 1998 buchstäblich verhungern ließ, indem aber auch jede Reform aus machttaktischen Gesichtspunkten brutal verhindert wurde. Damals ging es um Renten- und Krankenversicherung, die durch Lafontaines Obstruktionspolitik tief in rote Zahlen eintauchten und die Beitragssätze anheben mussten. Heute geht es um die Energiepolitik. Denn die Energieversorgung wird immer problematischer, wackliger und teurer. Gerade die Bosse der energieabhängigen Industrien finden die Machtspielchen nicht lustig. Ihnen läuft die Zeit davon. (R.Tichy)


+++ Freitag, 13.20 +++

"Frankfurt Meets Davos" ist ein wichtiger Treffpunkt in einem der fensterlosen Kellerverliese des Hotels Belvedere: Dort treffen sich Manager und Banker aus Frankfurt, aber auch aus München. Der Finanzplatz Frankfurt soll gefördert werden, sich neben den übermächtigen Konkurrenten London und New York zeigen. Davos mit seiner ungeheuren Dichte von Managern ist der ideale Ort, um neben feinsinnigen Debatten zu versuchen, vom Multibillionen-Dollar-Game zu profitieren und einen Teil der globalen Finanzströme auf die eigenen Mühlen zu leiten. Beim Treffen der Frankfurter sind dann nicht nur Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank wie Stephan Leitner da, oder Börsenchef Reto Francioni, dessen Deutsche Börse weltweit aktiv ist. Auch Lufthansa-Chef Christoph Franz steht da, oder Qiagen-Chef Peer Schatz, EZB-Direktor Jörg Asmussen, Dutzende weitere Manager, Verleger, Journalisten. In der Ecke steht beiseitegeschoben ein Rednerpult. Eigentlich sollte der neugewählte Frankfurter OB Feldmann die Veranstaltung eröffnen, wie in früheren Jahren seine Vorgängerin Petra Roth. Doch Feldmann fehlt, Begründung gibt es keine. Er sei eben in Frankfurt festgehalten worden, sagt er mir am nächsten Tag am Telefon. Da war schließlich eine Krise in Frankfurt, die neuen Geschäftsführer der städtischen Wirtschaftsförderung und der regionalen "Internationale Marketing GmbH" gab es zum Vorstellungsgespräch; immerhin waren die Altgeschäftsführer in Davos. Und am Donnerstag tagte der Regionalverband, sagt Feldmann, mit so wichtigen Teilnehmern wie dem DGB, der IHK und Handwerkskammer. Die Präsenz im Regionalverband, also im globalen Städtedreieck Darmstadt, Hanau, Wiesbaden sei ja auch ein Zeichen, wichtig die Wirtschaft für die Stadt Frankfurt sei, sagt Feldmann. Wörtlich. Da darf ein Bürgermeister nicht fehlen. Der Kirchturm beschreibt den Radius der Lokalpolitik, Globalisierung und Großindustrie hin oder her. Und außerdem ist ja sogar Wahlkampf in Deutschland und Hessen. Feldmann gilt als Getreuer des hessischen SPD-Vorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel, und der darf für den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück die abgegessenen Bankenkritiken neu aufkochen. Da sind die lokalen Bäcker schon wichtiger als Häppchen in Davos. Und überhaupt - ist nicht Frankfurt ohnehin die kleinste Großstadt in Deutschland, jenseits der Rotlichtzone von der liebenswerten Verschlafenheit eines zu groß gewordenen Dorfs? All Politics is local. Da ist nichts dagegen zu machen. Das lässt hoffen für Deutschland. Banken und Wirtschaft braucht doch kein Mensch. Das Geld? Kommt vom Sozialamt, oder? (R. Tichy)

+++ Freitag, 11:40 +++

Einen Auftritt der angenehmen Art erlebte Mario Draghi am Vormittag. Ein alter Weggefährte, John Lipsky, bat den EZB-Präsidenten zum Gespräch. Wohin die Reise gehen sollte, wurde direkt mit der Einführung klar. „Herr Präsident, Sie haben einen großen Einfluss auf die Euro-Zone und im vergangenen Jahr außerordentliche Herausforderungen gemeistert“, begrüßte ihn Lipsky. Draghi setzte sein schelmisches Lächeln auf und nutzte die Vorlage zu seinen Gunsten. „2012 können als das Jahr des Relaunches (eine Art Neustart) des Euro in die Geschichte eingehen“, so Draghi.

EZB-Präsident Mario Draghi erwartet eine Erholung der Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte. Quelle: REUTERS

Man habe mit der Geldschwemme zu Beginn des vergangenen Jahres eine Kreditklemme und dramatische Folgen für die Realwirtschaft verhindern. Zudem seien in den Mitgliedsstaaten Reformen angestoßen worden. Im zweiten Halbjahr 2013 werde die Euro-Zone wieder wachsen, wenn auch auf niedrigem Niveau. Inflationsgefahren sehe er keine, sagt Draghi und lächelt das Siegerlächeln. Um nicht allzu viel Angriffsfläche zu bieten, unterstrich der EZB-Präsident zum Abschluss, dass das Mandat der Frankfurter Notenbanker sei, die Preisstabilität zu gewährleisten. Dem fühle er sich verpflichtet. Was das konkret heißt – und wie dieses Bekenntnis zur Politik des lockeren Notenbank-Geldes passt, verriet er nicht. John Lipsky tat ihm den Gefallen und fragte nicht weiter nach, sondern gönnte Draghi seinen Abschiedsapplaus. (T. Rahmann)

+++ Freitag, 09:36 +++

Das Gesprächsthema am Morgen sind traditionell die Partys vom Vorabend. Wo war es besonders gut, welche der zahlreichen Partys in Davos war enttäuschend? Heute Morgen ist die Antwort klar: Die Veranstaltung von Microsoft am Donnerstagabend war ein Flop. Kaum bekannte Gesichter, keine Stimmung. Da half auch nichts, dass Wikipedia-Gründer Jimmy Wales durch den Saal tanzte. Die Lücke, die Google - Ausrichter legendärer Partys in Davos - hinterlassen hat, ist bisher nicht gefüllt. Heute Abend gibt es die nächste Chance, unter anderem für Booz & Company und die russische Delegation, die beide zu Partys in Nobelhotels laden. (T. Rahmann)

+++Donnerstag, 22.43 Uhr+++

Der Wirtschaftsgipfel in Davos ist auch deshalb spannend, weil hier mögliche Lösungen für Probleme wie Armut, Jugendarbeitslosigkeit, Klimawandel und Umweltschutz eine wichtige Rolle spielen. In den Sessions drängeln sich die bekanntesten Vordenker der jeweiligen Felder und tauschen sich aus, Politiker und CEOs lauschen ihnen und schwärmen anschließend von den großartigen Ideen der grünen Visionäre. Alle sind sich einig: Wir müssen etwas tun, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Beseelt von diesem Ziel treten die Davos-Besucher abends ins Freie, wo eine nicht enden wollende Kolonne schwarzer A8 auf sie wartet. So viele, dass der Verkehr in der ganzen Stadt zum Erliegen kommt. Dabei steht allen Besuchern des Wirtschaftsforums ein weit verzweigtes Shuttle-System mit sehr komfortablen Kleinbussen zur Verfügung, die im Zehn-Minuten-Takt zu den wichtigsten Veranstaltungen und Hotels pendeln. Schade, dass die oft halbleer im Stau zwischen schwarzen Limousinen stehen.

+++Donnerstag, 16:20+++

Klar ist die Euro und die Finanzkrise auch dieses Jahr in Davos wichtig. Aber, das habe ich nun von mehreren CEOs gehört: Das Thema beherrscht die Gespräche nicht mehr wie noch vor einem Jahr. "Die blanke Angst ist gewichen", sagt einer. "Die Lage ist stabiler".

Euro und Finanzkrise bleiben wichtig, sind aber nicht mehr das bestimmende Thema. Quelle: REUTERS

Aber wie stabil ist sie wirklich? Ist es nicht nur eine trügerische Ruhe, weil der Patient Europa mit einer weiteren Geldschwemme ruhig gestellt wurde? Kann das gutgehen? Ich habe da meine Zweifel. Aber darüber will kaum jemand offen reden. Das überlässt man hier lieber den Star-Ökonomen auf der Bühne. (S. Matthes)

+++Donnerstag, 15:22+++

Die Vorwürfe an die Bundesrepublik, die Euro-Zone mit ihrer Politik zu schwächen, sind seit dem Ausbruch der Schuldenkrise auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos so vorhersehbar wie der Schneefall in dem Nobel-Ski-Ort. Bundeskanzlerin Angela Merkel tritt dem entgegen. Deutschland produziere nicht zu billig, nein, die anderen Euro-Partner seien schlicht zu teuer. „Wenn wir uns bei den Lohnstückkosten in der Mitte treffen, ist unser Kontinent nicht wettbewerbsfähig und Deutschland verliert seinen Status als Exportmacht“, so Merkel. Es sei demzufolge wichtig, dass die Euro-Zone weiter Strukturreformen durchführe, die nationale Haushalte saniere und gleichzeitig Wachstum schaffe. Dieser Dreiklang sei kein Widerspruch, so Merkel – die gleichzeitig einräumt: „Strukturreformen wirken nicht sofort. Es kann, das wissen wir in Deutschland aus eigener Erfahrung, drei oder vier Jahre dauern, bis die Erfolge spürbar sind.“ Für diese Zeit könne man Überbrückungsprogramme in Erwägung ziehen.

„Wenn wir uns bei den Lohnstückkosten in der Mitte treffen, ist unser Kontinent nicht wettbewerbsfähig und Deutschland verliert seinen Status als Exportmacht“, so Bundeskanzlerin Angela Merkel. Quelle: dapd

Um nachhaltiges Wachstum zu schaffen, das auch Schocks aushalten kann, will die Euro-Zone den Freihandel vorantreiben. Man sei kurz davor mit Japan und Kanada entsprechende Verträge zu unterzeichnen. Auch mit asiatischen Ländern und vor allem mit den USA sollen Freihandelsabkommen unterzeichnet werden. „Ein Vertrag mit den Vereinigten Staaten könnte bis zu zwei Prozent Wirtschaftswachstum bringen“, so Merkel. „Die Verhandlungen werden nicht einfach, aber wir müssen das schaffen.“ Nicht geschafft hat es Merkel, beim Thema Bankenunion und griechischen Schuldenschnitt klar Stellung zu beziehen. Zwei Themen, die auf den Gängen des Weltwirtschaftsforums heiß diskutiert werden. Angeregt durch die Rede von IWF-Chefin Christine Lagarde am Vorabend, die die Vollendung der Bankenunion inklusive eine Haftung aller für Alle forderte, erklären auch immer mehr Ökonomen, Deutschland müsse seinen Widerstand aufgeben. Angela Merkel lieferte keine Klarstellung. Vielleicht, weil sie selbst weiß, dass ein Schuldenschnitt für Griechenland nach den Bundestagswahlen kaum zu verhindern ist. (T. Rahmann)

+++Donnerstag, 14:50+++

Das Vordenken, wie sich eine bessere Zukunft gestalten lässt, ist die Agenda der “Young Global Leaders”, einer mit dem Wold Economic Forum verbundenen Stiftung, in der mehr als 850 außergewöhnliche Führungspersönlichkeiten unter 40 Jahren, dazu eingeladen sind, die Welt zu verbessern. In zahlreichen Session stellen dieser Tage in Davos “Young Global Leaders”  ihre Ideen zur Diskussion. So auch Abraham Reuben, Executive Director des indischen Centres for Emerging Markets Solutions. “Urbanisiert den Planeten”, lautet seine Weltverbesserungsformel, die er mit umfangreichem Datenmaterial unterlegt. So erwirtschaftet beispielsweise die Stadt New York ein größeres Bruttosozialprodukt als ganz Russland, hinterlässt dabei jedoch einen wesentlich kleineren ökologischen Fußabdruck. So haben 77 Prozent der New Yorker kein eigenes Auto – das öffentliche Transportsystem der mit acht Millionen Einwohnern größten nordamerikanischen Stadt macht es möglich.

Die Bewegung der Menschen vom Land in die Städte lässt sich nicht aufhalten. Deshalb die Forderung: Urbanisiert den Planeten! Quelle: dpa

Kleinere Wohnungen, eine dichtere Infrastruktur bei öffentlichen Angeboten Bildung und Gesundheit betreffend schonen nicht nur Ressourcen, sondern auch den Haushalt der Stadt, sind derlei öffentliche Leistungen in Städten doch wesentlich günstiger zu erbringen als auf dem Land. Die Bewegung der Menschen vom Land in die Städte lässt sich nicht aufhalten. Während im Jahr 1800 nur drei Prozent der Weltbevölkerung in Städten lebten, werden es aller Voraussicht nach im Jahr 2050 rund 80 Prozent sein. “Uns bleiben 40 Jahre, um alles zu ändern, was wir in der Vergangenheit getan haben”, so Reuben Abraham. Noch leben 50 Prozent der Menschen in seinem indischen Heimatland von der Landwirtschaft. Dass es im Zuge der Urbanisierung zu Lebensmittelknappheit kommt, lässt sich nach seiner Ansicht durch gesteigerte Produktivität in der Erzeugung vermeiden. Überhaupt ist die Urbanisierung in Davos ein häufig diskutiertes Thema. “Designing Smart Cities”, “Building CapaCity” oder “Indias Growth Context” lauten die Titel der Veranstaltungen, die dieses Thema unter vielen Gesichtspunkten diskutieren. (R. Tichy)

+++Donnerstag, 11:15+++

Viel hatten die Besucher nicht erwartet, als es hieß, der britische Regierungschef David Cameron werde über Freihandel, nicht aber über das angekündigte EU-Referendum reden. Doch Cameron überraschte die Massen, die sich im Kongresssaal tummelten. Am Ende seiner Rede stellte er sich den Fragen des Plenums und verteidigte seinen Vorstoß, die Briten über einen EU-Austritt abstimmen zu lassen. "Wir führen die Debatte, weil sie gut ist für Großbritannien, für Europa und für die Weltwirtschaft", so Cameron.

Die EU müsse sich ändern und wirtschaftsfreundlicher werden. Steuern müssten gesenkt, Vorschriften abgeschafft werden. Cameron sprach sich gegen Eurokratie aus, betonte aber, stets ein verlässlicher Partner und Vorkämpfer für Europa gewesen zu sein. "Die EU verdankt uns den Binnenmarkt, wir haben den Anstoß gegeben!" Auch habe man als erste europäische Nation Frankreich seine Unterstützung im Mali-Konflikt zugesagt.

Cameron hat mit seiner leidenschaftlichen Rede deutlich gemacht: Auf ein Großbritannien, das sich für Deregulierung und freie Märkte einsetzt, kann die EU nicht verzichten. (T. Rahmann)

+++ Donnerstag, 09:55 +++

Henry Kissinger eröffnet mit seiner Analyse zur Lage der Welt den Gipfeltag. Dass er kein Fan von US-Präsident Barack Obama ist, macht er schnell deutlich. "Obama war nicht meine erste Wahl", sagt der Republikaner. Das habe auch außenpolitische Gründe: Der Abzug von US-Truppen aus Afghanistan drohe, vorschnell zu erfolgen.

Henry Kissinger Davos Quelle: dpa

Zunächst müsse garantiert werden, dass Afghanistan selbst in der Lage ist, sich zu verteidigen - und ein partnerschaftliches Verhältnis zu seinen Nachbarn wie Pakistan hat. Hier hätte Obama vermitteln sollen. Im Nahohst-Konflikt plädiert Kissinger für eine Zwei-Staaten-Lösung. Hier müsse Obama mehr auf Israel einwirken. Gleichzeitig müsse international alles dafür getan werden, dass der Iran nicht in den Besitz der Atombombe gelange. (T. Rahmann)

+++Mittwoch 17:15+++

Twitter ist bei Groß-Events wie dem Weltwirtschaftsforum meist hilfreich. Man liest, welche Erfahrungen andere Besucher machen, erfährt, wo die spannendsten Vorträge stattfinden und trifft immer wieder neue, interessante Menschen. Um Tweets, die sich um ein Event drehen, zu kennzeichnen, richten die Veranstalter oft sogenannte Hashtags (#) ein. Der für Davos lautet #WEF. Wird ein solcher Hashtag besonders oft genutzt, registrieren das aber auch Spam-Accounts. Und so müllen Spammer Twitter unter dem Hashtag #WEF mit Links zu Pornoseiten voll. Fast im Sekundentakt. Damit wird das eigentlich nützliche Instrument hier unbrauchbar. Schade. (S. Matthes)

+++Mittwoch 16:42+++

Kurzes Gespräch mit dem Londoner Unternehmer Lucian Tarnowski. Einem der Young Global Leader, die hier in Davos jedes Jahr ausgezeichnet werden. Tarnowski war vor zwei Jahren ein gefeierter Jungunternehmer. Dann merkte er, dass sein Geschäftsmodell nicht funktioniert und hat quasi im laufenden Betrieb ein neues entwickelt. Nun ist Brave New Talent im Netz, ein soziales Netzwerk rund um Unternehmen, Themen und Talente. "Wenn Dinge nicht klappen, muss man halt etwas anderes probieren", sagt er. Das hat er getan. Demnächst zieht er nach San Francisco, "weil sein Unternehmen dort einfach bessere Mitarbeiter findet", sagt er. Das die auch mehr kosten ist nicht so schlimm, sein Unternehmen wird demnächst eine weitere Finanzierungsrunde schließen - Neustart hin oder her. (S. Matthes)

+++Mittwoch 14:51+++

Beim 43. Weltwirtschaftsforum in Davos gibt es für die Besucher ein 114-DinA4-Seiten-dickes Programm. Quelle: dpa

Der renommierte US-Ökonom Barry Eichengreen wagte schon Anfang 2012 eine mutige Prognose: Er behauptete, der Euro sei irreversibel und Griechenland auch noch Ende des Jahres Mitglied der Euro-Zone. Thesen, auf die vor einem Jahr kaum einer einen Cent gesetzt hatte. Doch er sollte Recht behalten. Die Schuldenkrise hat sich (gefühlt) abgeschwächt. Doch Eichengreen warnt im Gespräch mit Wirtschaftswoche Online: "Europa ist noch längst nicht über den Berg. Die Euro-Zone muss endlich einen Bankenunion schaffen." Er wisse, dass diese Forderung insbesondere in Deutschland umstritten sei. Aber es gebe keinen anderen Weg, um die Krise wirksam zu bekämpfen. (T. Rahmann)

+++Mittwoch, 12.12 Uhr+++

Beim Wirtschaftsforum in Davos gibt's allerhand Neues zu erleben. Zum Beispiel, dass überall Männer in Anzügen auf dem Fußboden herumkriechen. Denn hier ist alles bestens organisiert: Shuttle-Busse fahren zu den wichtigsten Veranstaltungen, kostenloses WLAN ist auch an vielen Orten verfügbar. Was aber fehlt, sind Steckdosen, an denen die vielbeschäftigten Weltenführer ihre Kommunikationsgeräte aufladen können. Sobald man also mit suchendem Blick durch die Cafés und Bars kriecht, erhält man überall aufmunternde Worte: "Wir haben auch schon gesucht, nichts zu machen". Aber ich habe nicht aufgegeben und hinter einer Holzverkleidung im Steigenberger-Hotel ein Mischpult gefunden, neben dem die letzte freie letzte Steckerleiste von Davos lag. Die gebe ich nicht mehr her. (S. Matthes)

Charlize Theron Quelle: dpa

+++Mittwoch 11:51+++

Zwei Lektionen habe ich schon nach wenigen Stunden Weltwirtschaftsforum gelernt. Erstens: Man braucht mehr als eine Handvoll Visitenkarten. Schon im Shuttle-Bus beginnt das fröhliche Austauschen der Visitenkarten. Nah jedem Gespräch ist das Überreichen der Kontaktdaten ein festes Ritual.

Lektion zwei: je kleiner die Veranstaltungen desto besser. Die Massen strömen in den großen Kongresssaal, in dem die bekanntesten Namen ihre Vorträge halten. Spannender jedoch, weil oft überraschender und mutiger, sind die kleinen Veranstaltungen, etwa das Treffen der Young Global Leaders. Hier werden im kleinen Kreis Ideen diskutiert, zum Beispiel wie die Wirtschaft grüner werden kann. Tauschplattformen, eine Flatrate für Schuhe oder Selbstversorgung: Denkverbote gibt es hier nicht. (T. Rahmann)

+++ Mittwoch, 08:30 +++

114 DinA4-Seiten dick ist das Programm zum Weltwirtschaftsforum. Hier die besten Termine rauszupicken, ist mehr Glück als Verstand. Bei der Fülle der Veranstaltungen hat man das Gefühl, ständig am falschen Ort zu sein. Dazu die Frage: Wie viele Seminare sind überhaupt sinnvoll zwischen den Gesprächen und Interviews, die sich abseits des Programms ergeben. Wir versuchen es heute mit dem Treffen der "Young Global Leader“, jenen jungen Hoffnungsträgern, die mit ihrem Engagement die Welt ein kleines bisschen verbessern. Später wartet ein Interview mit US-Ökonom Barry Eichengreen, den Abschluss bildet eine Rede von Italiens Ministerpräsident Mario Monti. (T. Rahmann)

+++ Dienstag, 22:11+++

Zum Auftakt des Forums wird die Schauspielerin Charlize Theron mit einem Crystal Award für ihren Kampf gegen HIV geehrt. Mit dem Preis zeichnet das WEF Künstler aus, die sich dafür einsetzen "den Zustand der Welt zu verbessern". In einer Rede bedankt sie sich und verspricht, ihr Engagement weiterzuführen.

Charlize Theron

Charlize Theron weiß, wovon sie spricht. Schließlich ist sie "im Epizentrum" des HI-Virus aufgewachsen, wie sie selbst sagt. Ihre Popularität nutzt die Oscar-Preisträgerin nun, um für den Kampf gegen Aids zu werben. Dies lohne sich: "In Südafrika wächst eine Erste Generation heran, die den HI-Virus nicht in sich trägt", erklärt sie im Kurz-Interview mit WirtschaftsWoche Online.

Sollte die westliche Welt - auch in Zeiten knapper Kassen - weiter bereit sein zu helfen, könne der Kampf gewonnen werden. "Wir stehen an einem entscheidenden Punkt, wir dürfen jetzt nicht nachlassen", appelliert sie. (T. Rahmann)

+++ Dienstag, 15:15 +++

Ein Shuttle-Service bringt alle Forums-Teilnehmer zum Kongress-Center nach Davos. Die Fahrt ist konspirativ: Ein schwarzer Bulli stoppt am Haltepunkt, die Tür geht elektronisch auf. Der Fahrer sagt nichts, ich steige trotzdem ein. Nach 15 Minuten hält der Bulli. Ich werde aufgefordert auszusteigen – um in einen zweiten Kleintransporter zu wechseln. Nach weiteren zehn Minuten ist auch diese Fahrt beendet. Als die Tür aufgeht, blicke ich zwei Polizisten in die Augen. Sie grüßen mich und weisen mir den Weg zum Anmeldezentrum. (T. Rahmann)

+++ Dienstag, 13:11 +++

Das Treffen der Reichen und Mächtigen (und Schönen) rückt näher. Woran man es merkt? Die Taktung der Helikopter, die über den Ort kreisen, nimmt zu. Der Flughafen Zürich-Kloten liegt rund 150 Kilometer entfernt von dem Nobel-Skiort entfernt. Wer es sich leisten kann, reist von dort nicht mit der Bahn weiter, sondern per Helikopter. Kostenpunkt: 3400 US-Dollar. (T. Rahmann)

+++ Montag, 18:53 +++

Ankunft in Klosters, einem kleinen Ort, 1179 Meter über Null und zehn Kilometer von Davos entfernt. Das Thermometer zeigt minus elf Grad Celsius, es schneit. Der Taxifahrer ist trotzdem gut gelaunt: „In fünf Tagen Weltwirtschaftsforum nehme ich mehr ein als in den kommenden fünf Wochen.“ Ich glaube es, als er von mir 16 Franken für die fünfminütige Fahrt zur Unterkunft verlangt. (T. Rahmann)

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