Denkfabrik

China muss die Krankenversicherung fördern

Martin Feldstein Quelle: Bloomberg, Montage
Martin S. Feldstein US-amerikanischer Ökonom, Professor für Wirtschaftswissenschaften und ehemaliger Oberster Wirtschaftsberater für US-Präsident Ronald Reagan Zur Kolumnen-Übersicht: Post aus Harvard

Chinas Wachstum ist für die Weltwirtschaft von zentraler Bedeutung. Das Problem: Die Chinesen sparen zu viel und konsumieren zu wenig. Eine bessere Krankenversicherung könnte den Konsum ankurbeln.

Krankenschwestern in einem Krankenhaus in Peking Quelle: REUTERS

Chinas Wirtschaftspolitiker beklagen zu Recht die Exportlastigkeit ihrer Volkswirtschaft und das Übergewicht der Schwerindustrie im Land. Der Anteil des privaten Konsums am Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll endlich wachsen – das ist das erklärte Ziel der Regierung in Peking. Nur über den Weg dorthin gibt es noch keinen Konsens. Dabei würde schon eine vergleichsweise einfache Änderung der vom Staat gesetzten Rahmenbedingungen viel bewirken: China muss die Krankenversicherung seiner Bürger fördern.

Was ist der ökonomische Hintergrund? Der Binnenkonsum in China soll helfen, einen höheren Lebensstandard für die Menschen zu erreichen, ein Hauptbestandteil des von der politischen Führung oft zitierten „chinesischen Traums“. Mehr privater Verbrauch würde dafür sorgen, dass Chinas BIP wieder schneller wächst. Das ist auch deshalb nötig, weil das Land Millionen neuer Arbeitsplätze für die Millionen von Menschen braucht, die derzeit aus ländlichen Regionen in die Städte strömen. Hinzu kommt die hohe Zahl junger Leute, die Jahr für Jahr ihr Studium an einer chinesischen Universität abschließen und auf den Arbeitsmarkt drängen.

Derzeit taugt der Konsum noch nicht zum Wachstumsmotor: Er macht in China nur 36 Prozent vom BIP aus, das ist etwa halb so viel wie in den USA oder in Westeuropa.Wo also liegt der Schlüssel zur Ankurbelung des Binnenkonsums?

Die politisch Verantwortlichen müssen sich klarmachen, warum ihre Landsleute so viel sparen: Es liegt am Risiko chinesischer Arbeitnehmer, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, am Fehlen eines vertrauenswürdigen Rentensystems – und an der Angst vor unbezahlbaren Arztrechnungen.

Die Chinesen geben einen ungewöhnlich großen Teil ihres Lohns schlicht deshalb nicht aus, weil sie Furcht vor Erkrankungen haben. Sie legen stattdessen viel Geld für den Fall beiseite, dass man selbst oder ein Familienmitglied ins Krankenhaus muss. Die staatliche allgemeine Krankenversicherung ist nur lückenhaft, private Versicherungen gibt es kaum. Ersatzweise horten die Bürger Bargeld.

Private Krankenversicherungen würden exzessives Sparen unnötig machen, indem sie relativ kleine Prämien von Einzelpersonen – oder ihren Arbeitgebern – sammeln und sie an diejenigen auszahlt, die von hohen Arztrechnungen betroffen sind. Der Staat müsste also den Abschluss von Krankenversicherungen fördern. Dann würde die Sparquote sinken, und den einzelnen Chinesen ginge es besser, weil sie befreit vom Risiko hoher Krankheitskosten mehr Geld für andere Zwecke zur Verfügung hätten.

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