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Denkfabrik

China wächst langsamer – wird aber wichtiger

Martin Feldstein Quelle: Bloomberg, Montage
Martin S. Feldstein US-amerikanischer Ökonom, Professor für Wirtschaftswissenschaften und ehemaliger Oberster Wirtschaftsberater für US-Präsident Ronald Reagan Zur Kolumnen-Übersicht: Post aus Harvard

Das Riesenreich wächst nur noch um sechs bis sieben Prozent – für China lange Zeit unvorstellbar wenig. Und doch ist die Akzeptanz der neuen Wachstumswerte ein Zeichen, dass sich das Land auf einem guten Weg befindet.

China Wirtschaft Aufschwung Quelle: dpa

Jedes Frühjahr organisiert die chinesische Regierung zur großen Konferenz ihrer offiziellen Denkfabrik ein, die in englischer Übersetzung Development Research Center heißt, also Zentrum für Entwicklungsforschung. Dieses so genannte China Development Forum (CDF) findet regelmäßig kurz nach der Jahrestagung des Nationalen Volkskongresses statt.

Hohe chinesische Funktionäre, Unternehmenschefs aus China und aus dem Westen und eine kleine Zahl ausländischer Politiker und Wissenschaftler erfahren jedes Jahr auf dem Forum, was die Führung des Landes wirtschaftspolitisch im Sinn hat. Der Finanzminister und der Zentralbankpräsident gehören zu den Rednern, und nach solchen Ansprachen bekommen die anwesenden Chinesen die Kommentare und Anregungen der westlichen Unternehmer und Wissenschaftler zu hören, dieses Jahr auch in einer Gesprächsrunde mit dem Ministerpräsidenten Li Keqiang.

Zur Person

Seit mehr als zehn Jahren bin ich regelmäßiger Teilnehmer beim CDF. Aber in diesem Jahr war es ganz anders als irgendwann bisher: vor allem, weil der chinesische Staat ganz offiziell zugibt, dass das jährliche Wirtschaftswachstum auf Dauer unter den Durchschnitt der vergangenen 30 Jahre von mehr als zehn Prozent gesunken ist. Der offiziellen Schätzung zufolge wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2014 um 7,4 Prozent, und dieser Wert – so heißt es – werde dieses Jahr wahrscheinlich weiter zurückgehen. Das Zentrum für Entwicklungsforschung präsentierte detaillierte Prognosen, die einen weiteren Rückgang ergeben, bis auf etwa sechs Prozent am Ende des Jahrzehnts.

 Ausnahmslos alle chinesischen Politiker und Beamten nannten diese niedrigen Wachstumswerte die „neue Normalität“ ihres Landes. Haben sie sich wirklich mit dem langsameren Wachstum ausgesöhnt? Eigentlich überraschend, weil es bislang in Peking immer hieß, China brauche sehr schnelles Wachstum, um Arbeitslosigkeit und politische Unruhen zu verhindern. Inzwischen aber scheinen die politischen Führer des Landes zu verstehen, dass die niedrigeren Wachstumsraten nicht zu Arbeitsplatzverlusten führen, weil sie das Ergebnis der volkswirtschaftlichen Schwerpunktverlagerung von exportorientierter Industrieproduktion hin zu mehr Dienstleistungen sind – und das bedeutet auch, dass mehr Beschäftigte benötigt werden, um die gleiche Wirtschaftsleistung zu produzieren.  

Deutsche sehen China als Bedrohung
Wirtschaftsmacht37 Prozent der befragten Deutschen assoziieren mit China vor allem eine starke Wirtschaftsmacht. Faszination und Angst polarisieren hierzulande die Bevölkerung im Bezug auf Chinas ökonomische Stärke. Das Land wird als Schlüsselrolle für die eigene und internationale Entwicklung gesehen und 57 Prozent der Befragten beurteilen die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen sogar als wichtiger als die zu den USA. Gleichzeitig geht mit dem Wirtschaftsboom Chinas aber auch die Angst einher, chinesische Unternehmen könnten deutsche Firmen von den internationalen Märkten verdrängen. 59 Prozent der Deutschen empfinden Chinas starke Wirtschaft daher als Bedrohung. Quelle: dpa/dpaweb
BevölkerungswachstumBabyboom und Bevölkerungswachstum, daran denken 20 Prozent der Deutschen, wenn sie das Stichwort China hören. Derzeit leben 1,35 Milliarden Menschen in China, die Bevölkerungsdichte beträgt 143 Einwohner pro Quadratkilometer. Doch die Bevölkerung wird noch weiter wachsen, um 0,6 Prozent pro Jahr. Für 2032 rechnen Statistiken mit 1,467 Milliarden Menschen in China, bei einer gleichbleibenden Fertilitätsrate von 1,7 Kindern pro Frau. Viele Deutsche sehen das auch als Bedrohung an. Quelle: REUTERS
Kommunismus15 Prozent fällt spontan der Kommunismus ein, wenn sie an China denken. Während China im ökonomischen Bereich erfolgreich in den internationalen Handel eingebettet wurde und sich für ausländische Investoren geöffnet hat, ist das Land politisch in den Augen der Deutschen weiterhin ein diktatorisches Ein-Parteien-System unter Führung der Kommunistischen Partei. Die ist mit etwa 78 Millionen Mitglieder nicht nur die größte kommunistische Partei der Welt, sondern auch die mitgliederstärkste Partei allgemein. Deutsche verbinden mit ihr ein vornehmlich negatives Bild. Quelle: REUTERS
Chinesische MauerMan kennt sie aus Reiseprospekten und gefühlt jedes zweite China-Restaurant ist nach ihr benannt. Nicht weiter verwunderlich also, dass 15 Prozent der Befragten mit China die Chinesische Mauer assoziieren. Sie gilt als Weltkulturerbe und erstreckt sich über 21.196 Kilometer. Früher sollte die Mauer vor allem zum Schutz vor Völkern aus dem Norden dienen, heute ist sie eine der meistbesuchten Touristenattraktionen Chinas und lockt Reisende aus aller Welt an. 36 Prozent der Befragten haben daher sehr großes oder großes Interesse an China als Reiseland. Quelle: dpa
Chinesisches EssenPeking-Ente, Reis süß-sauer - und das alles mit Stäbchen: 14 Prozent der befragten Deutschen denken beim Stichwort China an chinesisches Essen. Was Viele aber nicht wissen: Chinesisches Essen ist nicht gleich chinesisches Essen. Die meisten der 23 Provinzen Chinas haben ihre eigene Regionalküche. Zu den populärsten gehört die würzige Küche aus Sichuan, die gerne Sojasauce, Ingwer und Frühlingszwiebeln verwendet, die scharfe Xiang-Küche aus Hunan und die kantonesische Yue-Küche, die vor allem durch die Verwendung ungewöhnlicher Zutaten wie Hundefleisch bekannt geworden ist. Übrigens: Die Peking-Ente ist das berühmteste Gericht der chinesischen Küche. Quelle: REUTERS
MenschenrechtsmissachtungEbenfalls 14 Prozent fallen zu China Menschenrechtsverletzungen ein. Auf die Frage, wo sie das Land gegenwärtig und in 15 Jahren beim Schutz der Menschenrechte sehen, ordneten 60 Prozent der Befragten die Volksrepublik in die Schlussgruppe ein, nur 1 Prozent sieht China als Spitzengruppe in Bezug auf Menschenrechte. Auch das Bild Chinas als ein Rechtsstaat stößt auf wenig Zustimmung bei den Deutschen. 49 Prozent stimmten der Aussagen gar nicht zur, nur 1 Prozent sieht China als Rechtsstaat an. 80 Prozent der befragten Bevölkerung geht außerdem davon aus, dass in China kaum oder keine Debatten über politische Themen geführt werden. Quelle: dpa
Diebstahl von Ideen12 Prozent denken, China spioniere deutsche Unternehmen aus und verkaufe die Ideen aus dem Westen als eigene. Nachgebaute Ware aus China, oft zum Spottpreis, macht deutschen Unternehmen das Leben schwer. Auch das Markenimage chinesischer Produkte ist bei den befragten Deutschen schlecht. So assoziieren viele Konsumenten in Deutschland chinesische Produkte mit einfache, technisch wenig anspruchsvolle Billigware. Quelle: dpa

Man darf es aber nicht übertreiben. China braucht weiter starkes Wachstum, weil es im internationalen Vergleich immer noch in Land mit niedrigem Einkommen und erheblicher Armut ist. In absoluten Zahlen hat China heute zwar das zweitgrößte BIP der Welt nach den USA, vielleicht sogar das größte, wenn man die Kaufkraftparität berücksichtigt. Pro Kopf allerdings beträgt das chinesische Jahreseinkommen auch heute noch nur 7000 Dollar, ungefähr 15 Prozent des Niveaus der Vereinigten Staaten. Und der Konsum in China ist nach wie vor niedrig und macht nur etwa die Hälfte vom BIP aus, wenn man die Staatsausgaben einschließt – betrachtet man nur den Verbrauch der Privathaushalte, sind es 35 Prozent vom BIP. Entsprechend weit ist der Weg zu dem von der Pekinger Führung proklamierten Ziel einer „modernen wohlhabenden Gesellschaft“.

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