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Indien kämpft gegen den Schlendrian

Martin Feldstein Quelle: Bloomberg, Montage
Martin S. Feldstein US-amerikanischer Ökonom, Professor für Wirtschaftswissenschaften und ehemaliger Oberster Wirtschaftsberater für US-Präsident Ronald Reagan Zur Kolumnen-Übersicht: Post aus Harvard

Der Wirtschaftsgigant Indien hat noch immer viele Standortnachteile. Nach einer Reihe enttäuschender Jahre will die Regierung nun aber einen marktwirtschaftlicheren Kurs eingeschlagen.

Schafft es Indien trotz enormer Anstrengungen und vielen wirtschaftlichen und politischen Unwägbarkeiten nach einer Reihe enttäuschender Jahre wieder einen marktwirtschaftlicheren Kurs einzuschlagen? Quelle: dapd

Leicht wird es nicht: Indien hat immer noch viele Standortnachteile. Es gibt zwar hervorragende Universitäten und Forschungsinstitute, doch im Grundschulbereich ist das Bildungssystem katastrophal. Das Kastensystem und die restriktive Arbeitsgesetzgebung verhindern einen effizienten Arbeitsmarkt. Populistische politische Maßnahmen sorgen für staatliche Transferleistungen zugunsten Hunderter Millionen Männer und Frauen auf dem Land. Die Folge sind sinkende Erwerbsneigung dieser Menschen, vielfach überhöhte Löhne und eine Beschädigung der Wettbewerbsfähigkeit. Hinzu kommt eine unterentwickelte Infrastruktur. Die Stromproduktion ist zu gering, Stromausfälle sind häufig. Die Häfen sind unzureichend ausgebaut, auf den chronisch verstopften Straßen herrscht Chaos.

Diese Volkswirtschaften geben 2050 den Ton an
Skyline Berlin schön Quelle: dpa
Eine Frau verkauft Hülsenfrüchte Quelle: REUTERS
Platz 9: Russland und der IranDank erneut hoher Ölpreise und einer stark steigenden Konsumnachfrage ist das russische BIP im Jahr 2011 laut amtlicher Statistik um 4,3 Prozent gewachsen. Für die kommenden drei Jahre sagen die HSBC-Experten Wachstumsraten in ähnlicher Größenordnung voraus. Sie gehen davon aus, dass Russland bis 2050 durchschnittlich um 3,875 Prozent wächst. Damit würde das Riesenreich in der Liste der größten Volkswirtschaften der Welt von Rang 17 (2010) auf Rang 15 steigen. Ebenfalls eine durchschnittliche Wachstumsrate von 3,875 Prozent bis 2050 prophezeit die britische Großbank dem Iran. Im Jahr 2011/2012 betrug das Bruttoinlandsprodukt Schätzungen zufolge circa 480 Milliarden US-Dollar. Zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Irans zählen die Öl- und Gasindustrie, petrochemische Industrie, Landwirtschaft, Metallindustrie und Kfz-Industrie. Die Inflationsrate wird von offizieller Seite mit 22,5 Prozent angegeben, tatsächlich liegt sie bei über 30 Prozent. Die Arbeitslosenrate beträgt offiziellen Angaben zufolge 11,8 Prozent. Quelle: dpa-tmn
Ginza-Viertel in Tokio Quelle: dpa
Mexikanische Flagge Quelle: dapd
Copacabana Quelle: AP
Baustelle in Jakarta Quelle: AP
New York Quelle: AP
Platz 1: Indien Quelle: dapd
Rang 1: ChinaChina hat bereits 2014 die USA als wirtschaftsstärkste Nation der Welt abgelöst. Bis 2050 wird sich der Abstand noch vergrößern. Ganze 61,079 Milliarden US-Dollar nach Kaufkraftparität wird China bis dahin erwirtschaften und damit rund 50 Prozent mehr als die USA. China wird seine Produktivität weiter ausbauen können und von seiner riesigen Bevölkerung profitieren. Allerdings könnten die Konflikte im Mittleren Osten und die Spannungen mit Japan die langfristigen Wachstumsmöglichkeiten durchaus einschränken. Sollten diese Konflikte gelöst werden, gehen die Forscher davon aus, dass Chinas Wirtschaftsleistung bis 2050 jährlich um 3,4 Prozent zulegt. Quelle: dpa

Dringend müsste Indien auch sein Steuersystem, die staatliche Ausgabenpolitik und die Regulierung der Wirtschaft reformieren. Doch politischer Wandel ist schwierig in einer bundesstaatlichen Demokratie mit vielen Parteien und 1,2 Milliarden Menschen, die sich auf dem Subkontinent verteilen. Die derzeitige Regierung ist eine zerbrechliche Koalition mehrerer Parteien. Weitaus stärkster Koalitionspartner ist die Kongresspartei, der aber in beiden Häusern des Parlaments eine eigene Mehrheit fehlt. Der Blick auf die Wahlen 2014 macht es noch schwieriger, Gesetze durchzubringen.

Trotz allem verzeichnete die indische Wirtschaft über Jahre ein durchschnittliches Wachstum von neun Prozent. Aktuell wächst das Bruttoinlandsprodukt um knapp sechs Prozent im Jahr. Von den großen Volkswirtschaften der Welt schneiden nur China und Indonesien besser ab.

Ein Faktor für Indiens wirtschaftlichen Erfolg ist die große Zahl von Unternehmern mit guter fachlicher Ausbildung. Sie gründen neue Firmen und bilden den Kern einer modernen neuen Mittelschicht. Investitionen werden auch dadurch erleichtert, dass die Sparquote hoch ist und viel Kapital aus dem Ausland zufließt. Überdies haben die indischen Bundesstaaten großen Einfluss auf die Ansiedlung von Gewerbe; sie konkurrieren miteinander, um Unternehmen zu sich zu holen.

Fakt ist: Das beste Rezept für dauerhaft stärkeres Wachstum sind mehr Investitionen. Ein niedrigeres Haushaltsdefizit – durch Begrenzung der Staatsausgaben und den Kampf gegen eine Kultur der Steuervermeidung – erhöht die staatliche Sparleistung, die für Investitionen zur Verfügung steht. Wenn Indien ausländische Investoren überzeugt, ein verlässlicher Standort zu sein, wird das den Kapitalzustrom nachhaltig erhöhen.

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