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Deutsche Investoren Hinein ins Abenteuer Afrika

Vorbei sind die Zeiten, da Krisen, Kriege und krumme Geschäfte den Kontinent beherrschten. Südlich der Sahara baut China die Infrastruktur auf, dank mobiler Kommunikation und stabileren politischen Verhältnissen mausern sich viele Märkte zu Hotspots für Investoren. Zwar bleiben Risiken – aber die ängstliche deutsche Wirtschaft sollte jetzt in Afrika investieren, ehe der Kontinent ganz in Chinas Hand ist.

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Diese Volkswirtschaften hinken hinterher
Brasilien Quelle: dpa
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Rums, ein Achsbruch! Das war’s wohl mit der Reise in Ugandas Hinterland. So fühlt es sich zumindest an, als der Asphalt abrupt endet und der Toyota krachend auf der Schotterpiste aufschlägt. Rafael, der Fahrer, verzieht keine Miene, er bringt die alte Karre auf Kurs und gibt Gas. In diesen Augenblicken weiß man nicht, was besser ist: flotte Fortbewegung nachts, wenn Afrika so düster ist, dass man das Ende der Straße fast so spät sieht wie die Passanten am Fahrbahnrand. Oder Dauerstau bei Tag, wenn Verkäufer Handyladegeräte und tote Hühner feilbieten, derweil ein Jeep mit Blaulicht kreuzt, auf dessen Heck Polizei und auf der Tür Ambulanz zu lesen ist.

Afrika, du bist so sonderbar! Nach vier Stunden erreicht der Wagen endlich das Dorf Wobulenzi, irgendwo im Nirgendwo nördlich von Ugandas Hauptstadt Kampala. Abseits des Weges versteckt sich das Solarzentrum der Kirchner Solar Group, eines Mittelständlers aus Alheim in Osthessen, der in Afrikas Mitte Geschäfte macht: Solarkraftwerke made in Germany versorgen Mobilfunkantennen mit Strom, wofür Telekomkonzerne den pfiffigen Unternehmer Lars Kirchner bezahlen. Überschüssige Energie liefert er in die Dörfer, deren Bewohner für Solarstrom Rechnungen bekommen. Die sie neuerdings sogar begleichen, meist per Handy.

Afrika funktioniert, trotz allem. Andernfalls hätte Kirchner nicht ein ganzes Dorf aus Holzhütten mit Strohdächern mitten im Busch gebaut, Zuwege inklusive. Hier bildet der 42-Jährige Installateure aus und lässt Anlagen endmontieren, die er zwischen Kongo und Kilimandscharo errichtet. „Wir werden in den kommenden zwei Jahren in Ostafrika Solaranlagen im Wert von 50 Millionen Euro aufstellen“, sagt Kirchner. Damit will er Umsatzrückgänge kompensieren, die ihm die in Deutschland kräftig gestutzte Förderung erneuerbarer Energien eingebrockt hat. So viel Weitblick ist selten in einer Branche, die über Jahrzehnte an Subventionen hing wie ein Heroinsüchtiger an der Nadel.

Investitionsklima auf dem afrikanischen Kontinent

Nicht nur Armut und AIDS

Seltener noch ist der Pioniergeist, den einer wie Kirchner beweist: Während deutsche Investoren weiter in die großen und umkämpften Märkte Asiens pilgern, stürzt sich der Hesse freiwillig ins Abenteuer Afrika. Dabei ist Afrika aus deutscher Sicht dieser hoffnungslose Kontinent, den fortwährend Kriege und Krisen schütteln, wo alle arm sind und Aids haben, ein Ort barbarischer Kriminalität, wo ohne Bakschisch gar kein Geschäft gelingt. Klar, dass Kirchner bei solchem Leumund der einzige Deutsche ist, der in Uganda kräftig investiert.

Trotz ernst zu nehmender Risiken – auf Dauer werden sich die bequemen und erfolgsverwöhnten deutschen Unternehmer von Afrika nicht fernhalten können. „Nach einem Jahrzehnt des Aufschwungs und relativer politischer Stabilität empfehlen sich viele Länder im Afrika südlich der Sahara als interessante Zielorte für Investitionen“, sagt Nikolaus Lang von der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group. Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat das erkannt, nennt Afrika einen „Chancenkontinent“ und erhebt ihn zu einem Schwerpunkt seiner Aktivität.

Afrika startet jetzt erst richtig durch. Seit 2000 stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen Süd- und Nordafrika um 90 Prozent auf 1,3 Billionen Dollar. Der Internationale Währungsfonds erwartet, dass bis 2017 die Hälfte der 20 wachstumsstärksten Ökonomien der Welt in Afrika liegen wird. In Bezug auf die Wirtschaftskraft ist der Kontinent ohne das gut entwickelte Südafrika und den arabisch geprägten Norden fast so stark wie Spanien. Was schwach scheint, denn die Region Subsahara-Afrika zählt 49 Staaten. Aber die meist kleinen Länder wachsen nicht zu knapp: Schreibt man die BIP-Zuwächse von aktuell im Schnitt sechs Prozent pro Jahr fort, sagt David Faulkner, Ökonom bei der HSBC in Johannesburg, werde sich die Wirtschaftsleistung der Mitte Afrikas alle zwölf Jahre verdoppeln.

Von einer regelrechten „Wachstumsrevolution“ spricht Faulkner. „Viele glauben, die Zuwächse gingen allein auf starke Öl- und Gasexporte zurück, aber das stimmt nicht mehr.“ Inzwischen stehe der Aufschwung auf solideren Säulen, nämlich politischer Stabilität, steigendem Konsum, ausländischen Investitionen und besserem makroökonomischen Management. Er ist sicher: „Nach Asien wird Afrika die letzte Boomregion der Weltwirtschaft.“ Die Frage ist nur, inwieweit die deutsche Wirtschaft hiervon profitieren kann – denn die Chinesen sind seit Jahren dabei, die Märkte zu erobern. Und das mit formidablen Erfolgen.

Unberechenbarkeit Afrikas hemmte deutsche Investoren

Diese Volkswirtschaften geben 2050 den Ton an
Skyline Berlin schön Quelle: dpa
Eine Frau verkauft Hülsenfrüchte Quelle: REUTERS
Platz 9: Russland und der IranDank erneut hoher Ölpreise und einer stark steigenden Konsumnachfrage ist das russische BIP im Jahr 2011 laut amtlicher Statistik um 4,3 Prozent gewachsen. Für die kommenden drei Jahre sagen die HSBC-Experten Wachstumsraten in ähnlicher Größenordnung voraus. Sie gehen davon aus, dass Russland bis 2050 durchschnittlich um 3,875 Prozent wächst. Damit würde das Riesenreich in der Liste der größten Volkswirtschaften der Welt von Rang 17 (2010) auf Rang 15 steigen. Ebenfalls eine durchschnittliche Wachstumsrate von 3,875 Prozent bis 2050 prophezeit die britische Großbank dem Iran. Im Jahr 2011/2012 betrug das Bruttoinlandsprodukt Schätzungen zufolge circa 480 Milliarden US-Dollar. Zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Irans zählen die Öl- und Gasindustrie, petrochemische Industrie, Landwirtschaft, Metallindustrie und Kfz-Industrie. Die Inflationsrate wird von offizieller Seite mit 22,5 Prozent angegeben, tatsächlich liegt sie bei über 30 Prozent. Die Arbeitslosenrate beträgt offiziellen Angaben zufolge 11,8 Prozent. Quelle: dpa-tmn
Ginza-Viertel in Tokio Quelle: dpa
Mexikanische Flagge Quelle: dapd
Copacabana Quelle: AP
Baustelle in Jakarta Quelle: AP

Tansania ist da ein gutes Beispiel. Dort soll ein chinesisches Unternehmen für elf Milliarden Dollar den Hafen Bagamoyo neu bauen, wo der deutsche Kaiser einst seine Flagge hissen ließ. Nebenan baut China die Wirtschaftszone. Schon übergeben ist das neue Stadion der Großstadt Daressalam, wobei die Regierung in Peking die Hälfte der Kosten trug – mit der Hoffnung auf Folgeprojekte wie den Hafen. „Wir können davon ausgehen, dass sich China viele dieser Bauprojekte mit Rohstoffverträgen versilbern lässt“, sagt Stefan Reith, der das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung leitet. Wie stark der Einfluss Chinas ist, lässt sich an Zahlen ablesen: Der Deutsch-Tansanische Businessclub zählt sechs aktive Mitglieder – der chinesische mehr als 3000.

Roland Moos war schon in Tansania, als China noch unter der Kulturrevolution litt. 1976 war das, der Ingenieur aus Karlsruhe baute damals schon Anlagen zur Wasseraufbereitung – für Hersteller, die es heute längst nicht mehr gibt. 1989 gründete er die Firma Merrywater, die in Tansania Wasseraufbereitungsanlagen plant und installiert – von der kleinen Pumpe im Pool bis zur Entsalzungsanlage für Coca-Cola.

Natürlich war es nicht einfach, einen Betrieb in Tansania aufzubauen, wo bis in die Neunzigerjahre nur zwei Handelsvertreter Lizenzen für den Import deutscher Waren besaßen. Roland Moos, ein inzwischen tief entspannter Mann Anfang 60, klappt sein Notebook auf und zeigt dem Besucher Verkaufszahlen aus zwei Jahrzehnten: „Hier sind mer ein bisserl rumgedümpelt, aber da ging’s steil bergauf.“ Als Merrywater mal einen Verlust auswies, habe das Finanzamt so lange gerechnet, bis Gewinne auftauchten – und Steuern zu zahlen waren. Seit ein paar Jahren kennen seine Graphen aber nur eine Richtung: nach oben.

BIP Tansania

Womöglich ist Afrikas Unberechenbarkeit der Grund, weshalb Roland Moos fast der einzige Deutsche ist, der in Tansania auf eigenes Risiko investiert: „Die Deutschen wollen von Anfang an Prognosen sehen“, sagt er, vor allem die Konzerne. „Afrika funktioniert anders: Manchmal läuft’s, manchmal nicht.“ Man müsse einen langen Atem haben. Dann führt er durch das Rückgrat seiner Firma, das Lager. Im Hochregal stapeln sich wuchtige Generatoren, Wasserfilter, Rohre und Pumpen, kurz: Millionenbeträge. „Das habe ich im Geiste alles einmal abgeschrieben“, sagt Moos.

Das Risiko der Enteignung ist nie wegzudenken, ein Regierungswechsel kann zu Chaos und Blutvergießen führen. In Daressalam aber ist nie etwas passiert – die Friedfertigkeit der Tansanier hat den Unternehmer selbst überrascht. Moos ist heute Tansanias größter Anbieter von Premiumanlagen zur Wasseraufbereitung. Als er abends seinen Jeep durch Daressalam lenkt, geht der Zeigefinger ständig hoch: da, die russische Botschaft, ein guter Kunde, und dieses Hotel dort auch.

Der Erfolg von Roland Moos mag mitunter auch daran liegen, dass er im Markt präsent ist, statt bloß seine Kataloge nach Daressalam zu schicken. So sieht das jedenfalls Dino Stengel: „Die deutschen Unternehmen brauchen sich nicht zu wundern, dass sie in Afrika keine Geschäfte machen, denn sie sind nicht vor Ort.“ In Afrika hänge ein Geschäft an Beziehungen zum Kunden. Nur so könne man gegen die Chinesen Boden gutmachen. Stengel ist in Tansania Chef des Bremer Handelshauses Achelis, das für Carl Zeiss Medizintechnik oder für Bomag aus Boppard Baumaschinen vertreibt.

„Das Tolle an Tansania ist, dass es hier fast nichts gibt“, sagt Stengel. Was für ihn bedeute, dass er in Tansania alles Mögliche verkaufen könne. Zumal im Land Goldgräberstimmung herrscht, seit im Süden Öl gefunden wurde. Außer dem Hafen will die Regierung auch eine neue Eisenbahnlinie bauen sowie Straßen und Kraftwerke. Die Wirtschaft wächst mit rund sieben Prozent kräftiger als Kenia, die politische Lage ist stabil. Und es ist nicht so, dass bei Bauwerken nur Chinesen zum Zuge kämen. Norwegens Energiekonzern Statoil und die britische BG Group planen eine Anlage zur Gasverflüssigung für zehn Milliarden Dollar. „Deutsche Unternehmen können im Windschatten dieser Konzerne gute Geschäfte machen, aber sie haben Angst“, sagt Stengel. Er fragt sich bloß, wovor?

Deutsche Unternehmen könnten bei der Industrialisierung helfen

Foto von Richard Kimani

China ist in der Lage, ganze Paketlösungen anzubieten, und liefert gleich die Finanzierungen mit. Die Europäer dagegen verzetteln sich in Risikoprüfungen und verlieren am Ende trotz besserer Qualität an Wettbewerbsfähigkeit. Mittlerweile scheint indes auch die deutsche Wirtschaft bereit, Fuß zu fassen in Afrika: In einer BDI-Umfrage geben 89 Prozent der befragten Unternehmer an, in den kommenden Jahren ihre Aktivitäten auszuweiten.

Wobei sie auf politische Flankierung von Geschäften hoffen, über Hermes-Deckungen oder Doppelbesteuerungsabkommen. „Die deutschen Unternehmen haben erkannt, dass der Kontinent enorme Chancen bietet und sie sich deshalb stärker vor Ort engagieren müssen“, sagt Matthias Wachter, der im BDI für Afrika zuständig ist. Er rechne mit einem deutlichen Zuwachs an Direktinvestitionen in den kommenden Jahren.

Auch wenn China einen Vorsprung hat – in Afrika wollen die Deutschen künftig mitverdienen. „Je größer Afrikas wirtschaftlicher Erfolg, desto stärker wird die Nachfrage nach hochwertigen Produkten, die aus Deutschland kommen“, sagt Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrikavereins der deutschen Wirtschaft, der die Interessen von 600 Unternehmen in Afrika vertritt. Er vergleicht den Kontinent mit China vor 20 bis 30 Jahren. „Damals waren in China nur wenige deutsche Investoren vor Ort“, sagt er. „Aber die, die schon da waren, sind heute am besten im Geschäft.“ Jetzt müsse die deutsche Wirtschaft investieren, denn er ist überzeugt: „Afrika hebt ab.“

Auch in Nairobi, Kenia. Die Präsenz glasverspiegelter Hochhäuser mag manch einem schon als Beweis genügen, dass das Land in Ostafrika mit am weitesten entwickelt ist. Die hügelige Stadt mit mehr als drei Millionen Einwohnern wirkt wirr, aber geschäftig, auch wenn im Industriepark von Lunga-Lunga eine Frau mitten auf der Verkehrsinsel in der Mittagssonne döst. Wer wissen will, zu welcher Wertschöpfung die lokale Industrie wirklich imstande ist, sollte Richard Kimani besuchen, den Fruchtsaftkönig von Nairobi.

BIP Kenia

Eigentlich hat Kimani keine Zeit. Er fliegt heute Nachmittag nach London und muss den Besucher in seiner alten Fabrik gegenüber eines Friedhofs in Nairobis Nordosten empfangen. Viel lieber würde er die neue Anlage außerhalb der Stadt vorführen, wo in Stoßzeiten 600 Mitarbeiter Fruchtsäfte und Konzentrate produzieren. „Dort haben wir die modernste Saftfabrik ganz Afrikas gebaut“, schwärmt Kimani. Hier, am beengten Standort in der Stadt, gebe es nur Tetrapaks und Ketchup. Sagt’s und öffnet eine Ketchupflasche, um dem Besucher eine Kostprobe auf die Fingerkuppe zu spritzen. Schmeckt süßer als sonst.

Zu Hause in Kenia hat sein Unternehmen Kevian den Fruchtsaftmarkt unter Kontrolle. Täglich verarbeiten die Fabriken rund 200 Tonnen Früchte aus der Region zu Säften; rund 30 000 lokale Farmer liefern ihm zu. Großabnehmer ist neben den meist südafrikanischen Supermarktketten auch Kenyan Airways. Dieses Jahr will Richard Kimani nach Deutschland liefern, wo Saftgroßhändler Rudolf Wild aus Eppelheim bei Heidelberg als Abnehmer bereitsteht.

Solche Erfolgsstorys lieben die wenigen Deutschen in Kenia. Bei Kevian ist mit der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) eine deutsche Bank an Bord. Andere Financiers halten sich aus Afrika eher fern. Ausrüster wie Krones dagegen liefern moderne Anlagen und verdienen so nicht nur Geld, sondern werben für Deutschland: Hiesige Unternehmen können Kenia bei der Industrialisierung helfen, die beim Fruchtsaft beginnt und mit der Veredlung der jüngst entdeckten Öl- und Gasvorkommen endet. Mehr als bei Chinas Infrastrukturprojekten brächte das Beschäftigung und Steuern, denn die Wertschöpfung der Produkte bliebe im Inland. Schade nur, dass der deutsche Mittelstand Afrika als zu kleinteilig und zu riskant betrachtet.

Kenia allerdings empfängt die Europäer im Moment auch nicht mit offenen Armen. In Nairobi munkelt man, China habe den im April 2013 gewählten Präsidenten Uhuru Kenyatta im Wahlkampf unterstützt. Dieser revanchiere sich mit einer betont China-freundlichen Politik einschließlich der Bevorzugung bei Infrastrukturprojekten wie dem anstehenden Bau von Eisenbahnen und Pipelines. Schwerer dürfte allerdings wiegen, dass Kenyatta auf Drängen der EU vor dem Internationalen Strafgerichtshof wegen Anstiftung zum Mord angeklagt ist. Nach der verlorenen Präsidentschaftswahl 2007 soll er Volksgruppen gegeneinander aufgehetzt haben; bei Protesten kamen rund 1000 Menschen um.

Nivea für Afrika

Afrika-Fonds für Privatanleger

Die Folgen spüren Manager des Westens im Alltag, selbst wenn sie aus Indien kommen. Yogesh Shroff, der neue Landeschef von Beiersdorf, musste ein halbes Jahr auf die Arbeitsgenehmigung warten, bis er im Herbst offiziell das Afrikawerk des Hamburger Kosmetikherstellers übernehmen konnte. „Es scheint, dass der neue Präsident eher Richtung China schaut“, sagt der Inder so nett, wie das nur Inder formulieren. Ansonsten überrasche ihn Kenia: „Ich hätte nicht erwartet, auf welch hohem Ausbildungsstand die Kenianer sind.“

Beiersdorf ist seit Anfang der Achtzigerjahre in Kenia am Markt. Ursprünglich war das kleine Investment eher ein philanthropisches Projekt; inzwischen stützt der Familienkonzern seine starke Stellung in der Region auf die Präsenz vor Ort. Heute produzieren 90 Mitarbeiter 60 Produkte exklusiv für Ostafrika. Die 1800 Tonnen Creme, die das Werk Nairobi im Jahr herstellt, mag Hamburg in zwei, drei Tagen schaffen. Doch „unsere Absatzmärkte wachsen hier so sehr, dass wir der Nachfrage oft kaum hinterherkommen“, sagt Shroff. Noch sei Kenia der größte Markt, aber Uganda und Ruanda zögen an. In Äthiopien rechnet er sich Chancen aus, wenn die sozialistische Regierung den Rücktransfer der Gewinne zulasse. Im Hof lässt er ein neues Lager bauen, damit er in der Haupthalle weitere Zentrifugen aufstellen kann.

Kenia spielt gern die Lokomotive für das Wachstum in Ostafrika. In Nairobi hat sich ein kaufkräftiger Mittelstand entwickelt, den eine innovative IT-Industrie und die boomende Mobilfunkbranche tragen. Im Nahrungsmittelsektor hat Unilever erst vor Kurzem bekannt gegeben, seine Teefabrik für 150 Millionen Euro auszubauen. IT-Riese IBM eröffnete im Herbst ein Entwicklungszentrum und brach damit eine Lanze für das Bildungsniveau des Landes. Auf deutscher Seite indes ist Beiersdorf einziger Investor mit Produktion.

Demokratischer denn je

Was auch damit zusammenhängt, dass sich negative Afrikabilder tief in die Köpfe der Europäer gebrannt haben. Tatsächlich bekämpfen sich im Südsudan zwei Volksgruppen und werfen das Ölland ökonomisch um Jahre zurück. Was Erinnerungen an den Völkermord in Ruanda weckt, wo in den Neunzigerjahren eine Million Menschen umkamen – und den Blick auf die Tatsache verstellt, das just in jenem Ruanda heute ein vorbildliches Investitionsklima herrscht, mit schlanker Bürokratie und aktiver Standortförderung.

Klar, auch im rohstoffreichen Kongo brodelt es und in Zentralafrika; Somalia gilt als gescheiterter Staat, in dem Terroristen und Piraten das Sagen haben. Dennoch ist der Kontinent, abgesehen von diesen Unruheherden, friedlich und stabil wie nie – man nimmt es nur kaum wahr im Westen. Nach dem Index von Freedom House, der die Zahl der Demokratien misst, waren nach dem Ende des Kalten Krieges drei Viertel der Länder Subsahara-Afrikas nicht demokratisch – heute ist es nur mehr ein Drittel.

Freilich machen die Afrikaner auch heute nicht mit vorbildlicher Regierungsführung von sich reden. Korruption und Bürokratie schütteln die meisten Länder, Schmiergelder sind Teil des Geschäftsgebarens – erst recht, wenn es um staatliche Ausschreibungen geht. Aus westlicher Sicht zieht sich die Korruption wie ein Krebsgeschwür über den Kontinent. Die Afrikanische Union hat errechnet, dass die Region jedes Jahr 148 Milliarden Dollar durch Schmiergeldzahlungen verliert, wobei ein Teil der geflossenen Gelder über den Konsum reinvestiert wird.

Kaum Angst vor Korruption, dafür vor Bürokratie

Foto von Roland Moos

Im Corruption Perception Index, dem Ranking zur wahrgenommenen Korruption von Transparency International, steht Afrika desolat da: Im oberen Drittel der halbwegs sauberen Länder rangieren nur Minimärkte wie Botswana oder Ruanda, während die größeren und damit attraktiveren Länder wie Kenia und Nigeria im unteren Drittel auf den Plätzen 136 und 144 landen. Andererseits steht Russland kaum besser da als Kenia, doch dort sind 6000 statt 60 deutsche Unternehmen registriert.

Überhaupt, sagt Paul Gabriel von der Risiko-Beratungsgesellschaft Control Risks, sei Korruption handhabbar: Jeder Investor müsse verstehen, wie Korruption in einem Land ablaufe, Investitionen sollte er aber deshalb nicht ausschließen. Dies lasse sich nämlich als Risikofaktor „einpreisen“, so der Experte. Damit meint er nicht, dass Unternehmer Schmiergeldforderungen nachkommen sollen, ganz im Gegenteil: „Wenn die Zöllner korrupt sind, dann müssen Sie längere Wartezeiten bei der Wareneinfuhr in Kauf nehmen“, nennt Gabriel ein Beispiel. Was auch der Grund ist, warum Roland Moos in Daressalam solchen Wert auf ein großes Lager legt, obwohl es viel Kapital bindet.

BIP von Uganda

Investoren fürchten Bürokratie in Afrika mehr als Korruption, wie die BDI-Umfrage zeigt. Wobei dies meist zusammenhängt. Manche Unternehmen beschäftigen Mitarbeiter, die den ganzen Tag in Behördenfluren auf Dokumente warten – und zusehen, wie andere Unternehmen Papiere gegen Schmiergeld sofort erhalten. Am Ende des Tages bekommen auch die Deutschen ihre Dokumente, und die Weste bleibt weiß.

Sicher gibt es Branchen und Länder, in denen ohne Korruption nichts geht. Nigerias Bauunternehmen Julius Berger, an der der Mannheimer Konzern Bilfinger eine Minderheit hält, ist in Afrika sehr angesehen, hierzulande aber wegen Schmiergeldzahlungen in Verruf. Seit in Frankfurt die Staatsanwaltschaft ermittelt, hält sich der Konzern von staatlichen Ausschreibungen in Afrika meist fern. Bilfinger-Chef Roland Koch würde die Anteile am liebsten ganz loswerden. Schon aus Imagegründen.

Man sollte nicht zu viel grübeln, sondern sich einlassen auf Afrika. So sieht das Lars Kirchner, der Elektrotechniker aus Hessen. Der hat gut reden, denn der Zufall trieb ihn nach Afrika. Es muss um die Jahrtausendwende gewesen sein, als sich Kirchner mit einem Afrikaner anfreundete, der Kunde bei ihm war. Damals montierte der Hesse Telefonanlagen, erst später machte ihn der Solaranlagenboom zum Mittelständler.

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Irgendwann ließ sich Kirchner nach Uganda einladen, wo sein Freund lebte, ins Dorf Wobulenzi. „Das war die Zeit, da wir richtig gutes Geld verdient haben“, sagt Kirchner. „Ich suchte nach einem Geschäftsmodell für die Zeit nach den Subventionen.“ Kirchner fand es in Afrika: Sonne satt, ständige Stromknappheit – Afrika ist wie gemacht für den Solarunternehmer. Mittlerweile hat er vier Überseecontainer aufgestellt, in denen die Technik lagert. Darauf ist ein Solargenerator befestigt, der die Mobilfunkmasten mit Energie versorgt. Überschüssiger Strom fließt in die Nachbardörfer.

Heute ist ein besonderer Tag für Kirchner. Stolz wie Oskar weiht er das neue Ausbildungszentrum ein. 80 treue Kunden hat er zum Feiern in den Busch geflogen, meist Häuslebauer aus dem Hessischen, denen Kirchner seine Solaranlagen aufs Dach gestellt hat. Da Kirchner nicht nur für sich, sondern für die gesamte Region Elektriker oder Kaufleute ausbildet, hat er eine Finanzierung der DEG erhalten. „Anfangs wollte ich mit denen nicht zusammenarbeiten“, sagt Kirchner, „Ich investiere nur noch in Projekte, weil sie sich lohnen. Und nicht, weil sie gefördert werden.“ Dass man in Afrika gutes Geld verdienen kann, davon ist Kirchner überzeugt. „Aber wer hier den schnellen Reibach machen will, dem muss ich von Afrika abraten.“

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