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Deutsche Unternehmen entdecken den Standort Florida Business unter Palmen

Für deutsche Exporteure und Startups bleiben die USA der wichtigste Markt. Eine Zweigstelle in den Vereinigten Staaten ist fast unersetzlich. Doch wo?

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Fort Myers zieht deutsche Unternehmen an.

New York? Zu teuer. Das Silicon Valley? Zu große Konkurrenz. Der Mittlere Westen, rund um Chicago? Zu schlechtes Wetter. Die USA sind für deutsche Unternehmen noch immer der wichtigste Markt. Ob etablierte Firmen oder Startups: Die heimische Wirtschaft zieht es nach Übersee – zumindest mit einer kleinen Anlaufstelle für die US-Kunden. Doch die Suche nach dem richtigen Standort gestaltet sich oftmals schwierig; immer mehr Firmen suchen abseits der bekannten Pfade. Dutzende Bundesstaaten und noch mehr Kommunen wollen dabei assistieren. Sie helfen bei der Immobiliensuche und Rechtsproblemen, stellen Kontakte zu Unternehmen vor Ort her – und subventionieren nicht zuletzt den Start in Übersee.

Mittendrin im Gefecht: Der Landkreis Lee County, mit der 60.000-Einwohner-Stadt Fort Myers, an der Westküste Floridas. Während es in New York City friert, sind hier, Anfang Januar, noch immer um die 25 Grad; an den muschelgesäumten Stränden beobachten Einheimische und Touristen, wie Pelikane auf Fischjagd gehen – und Delphine im unregelmäßigen Abstand ihren Kopf aus dem Meer strecken. Die Südspitze Floridas gilt als Rentnerparadies. Und dennoch gelingt es der örtlichen Wirtschaftsförderung, eine beachtliche Zahl von Unternehmen anzulocken. Bekannte Namen wie der Autovermieter Hertz, der soeben seinen Hauptsitz nach Fort Myers verlegt hat, oder die Analysefirma Gartner, deren Aktienkurs innerhalb von fünf Jahren von 34 auf rund 82 Dollar gestiegen ist. Und auch: immer mehr deutschstämmige Unternehmen.

Die größten Pleitekandidaten der USA

Klaus-Peter König öffnet die Klappe der Maschine, die wie ein übergroßer Wäschetrockner aussieht. Er schnappt sich eine Kiste mit über Zehntausend Golf-Tees, auf denen der Golfball beim Abschlag gelegt wird, und schüttet sie in die Öffnung. Nach drei, vier Bewegungen über ein Touchpad bewegt sich ein Sprühkopf und färbt die Plastikteile, die wie in der Wäscheschleuder durcheinandergewirbelt werden. Sportzubehörhersteller gehören genauso zu den Kunden von „Special Coatings“ wie die Produzenten von Geschirrspülern, Herde oder Waschmaschinen, etwa Siemens. 1983 hat König die Arbeit in Gilching, unweit von München, aufgenommen. Im Sommer 2015 folgte der Sprung in die USA.

Kosten, von denen Unternehmen in New York nur träumen können

„Wenn du in den Vereinigten Staaten erfolgreich sein willst, brauchst du einen Ansprechpartner vor Ort“, hat der Unternehmer gelernt. Die Amerikaner würden nicht in Deutschland anrufen, um Teile zu bestellen. Problematisch seien auch die Zeitverschiebung zwischen Deutschland und den USA und der Versand von Bestellungen nach Übersee. „Ich habe mir gesagt: Wenn du in Amerika Geschäfte machen willst, dann musst du rüberkommen“, so König.

Doch wieso Florida? Der Bayer gibt eine Antwort, die fast wortgleich viele Unternehmer vor Ort geben. „Weil es mir hier im Urlaub gefallen hat.“ Viele Manager haben ihre erste Erfahrungen mit Lee County als Tourist gemacht –und dann überlegt, ob man dort nicht auch Geschäfte machen kann. Kann man, ist König überzeugt. „Die Region ist sehr wirtschaftsfreundlich.“

Zunächst einmal sind die Kosten gering. Gewerbeimmobilien gibt es zu Preisen, von denen Firmen im Umkreis von New York City nur träumen können. Und: Da weder der Bundesstaat (Florida) noch die Kommune eine eigene Einkommenssteuer erhebt – Bundessteuern müssten natürlich gezahlt werden – können die Unternehmen deutlich geringere Löhne zahlen als anderswo.

Deutscher wirbt um Startups

„Die Abgaben hier sind in etwa so hoch wie in South Dakota. Nur ist es hier viel schöner“, sagt Donald Hopta, Chef von Klocke US. Bereits seit 1996 ist der Verpackungshersteller mit den deutschen Wurzeln in Florida vertreten. 60 Vollzeit-Mitarbeiter produzieren derzeit am Standort in Fort Myers Probefläschen für Parfums, Haarwachs oder Pestizide. Die Mehrzahl der Großkunden sitze an der Ostküste. Das sei aber kein Problem. „Mit dem Regionalflughafen in Fort Myers ist man in drei Stunden in New York City“, sagt Hopta. Die Großstädte Miami – mit seinem internationalen Flughafen – und Tampa sind weniger als zwei Autostunden von Fort Myers entfernt. „Außerdem habe ich noch keinen Manager gehört, der nicht gerne bei uns vorbeigeschaut hat. Am liebsten am Freitag oder Montag“, sagt Hopta und lacht. Schließlich bleibe dann übers Wochenende noch Zeit, um die Küste zu entdecken.

Gutes Wetter, günstige Preise und gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen ziehen Unternehmer an.

Der CEO besitzt ein Haus am Meer. Der Häusermarkt, der infolge der Finanzkrise kollabierte, insbesondere auch in Florida, erholt sich nur langsam. Die Preise liegen bei 60 bis 65 Prozent im Vergleich zum Vorkrisenniveau. Für unter 200.000 US-Dollar ist ein Eigenheim schon verfügbar. Für 500.000 US-Dollar gibt es direkt am Haus einen Bootsteg und damit den privaten Zugang zum Wasser inklusive. Und auch langfristig halten sich die Kosten in Grenzen, die property tax, die Grundsteuer, liegt gut ein Drittel unter dem Niveau von New York City und Umgebung.

„Angestellte, die in Connecticut, an unserer Hauptstelle, 100.000 US-Dollar verdienen, haben genauso viel in der Tasche oder manchmal gar einen Tick weniger, wie unsere Mitarbeiter in Fort Myers, die 60.000 US-Dollar bekommen“, sagt Nate Swan, Abteilungsleiter von Gartner. Die Analysefirma berät Kunden bei deren technologischen Entwicklung. Innerhalb von fünf Jahren hat das Unternehmen am Standort in Florida seine Mitarbeiter von 110 auf 440 erhöht. „Während wir in San Francisco wohl rund 120.000 US-Dollar an Lohn zahlen müssten, können unsere Fachkräfte hier mit etwa 75.000 Dollar gut leben.“

IWF fordert USA zum Handeln auf

Die offenen Stellen zu besetzen, sei bisher kein Problem gewesen, sagt Swan. Es gebe einen guten Pool von Absolventen vor Ort, die örtliche Universität habe sich von Jahr zu Jahr verbessert. Und abseits von Florida lässt sich für Fort Myers leicht begeistern. „Das Wetter ist natürlich ein großes Plus.“

Bislang sind es vor allem Produzenten und Dienstleister, kleine und mittelständische deutsche Unternehmen, die sich in Fort Myers niedergelassen haben. Dieter Kondek will dafür sorgen, dass nun auch heimische Startups über Florida nachdenken. Bislang zieht es die ins Silicon Valley oder auch in das boomende Austin, Texas. Dem Trend hinterherzurennen, sei keine gute Idee, so Kondek. „Die Konkurrenz dort ist enorm, die Kosten und der Druck sind hoch.“ Mit seiner „Rocket Lounge“ will Kondek junge Unternehmer nach Florida locken. Sein Angebot ist attraktiv: Für Gründer stehen Büroflächen – so genannte Co-Working-Bereiche – und eine Anschubfinanzierung bereit, Mentoren beraten die Jungunternehmer – und auf diversen Veranstaltungen sollen Gründer und potenzielle Kunden zusammengeführt werden.

„Wir haben ein großes Netzwerk, hunderte von hoch ausgebildeten Mentoren, und sind überzeugt, jungen Gründern die besten Voraussetzungen für den US-Markteintritt zu bieten“, sagt Kondek selbstbewusst. Es gebe keinen Grund, einen Bogen um Florida zu machen. Der Bundesstaat sein ein Urlaubs- und Wirtschaftsparadies – und „RocketLounge ist ein Tech-Startup-Paradies“.

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