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Deutsche Unternehmen in China „Die Erwartungen sind so niedrig wie seit Jahren nicht mehr“

Deutsche Firmen bekommen Abschwung in China zu spüren Quelle: AP

Der Abschwung in der Volksrepublik kommt nun auch bei deutschen Firmen an. Nur noch jedes vierte Unternehmen geht davon aus, seine Geschäftsziele erreichen zu können.

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Zumindest eine gute Nachricht hat Jens Hildebrandt an diesem Dienstagmorgen parat: So viele Firmen wie noch nie hätten sich dieses Mal bei der jährlichen Stimmungs-Befragung seiner Handelskammer beteiligt, berichtet der China-Geschäftsführer der deutschen AHK. Die Zahlen, die er und seine Mitstreiter dann im Pekinger Hilton Hotel an die Wand werfen, lassen jedoch nur wenig Spielraum für Optimismus. Die Kernbotschaft der Studie, an der sich 526 der etwa 5200 deutschen Unternehmen in China beteiligten: Der Wirtschaftsabschwung in der Volksrepublik hat die deutschen Firmen voll erfasst.

Demnach gingen lediglich etwas mehr als ein Viertel (27 Prozent) der Unternehmen noch davon aus, in diesem Jahr ihre Geschäftsziele in der Volksrepublik erreichen zu können.

Die Stimmung der Firmen leide unter der sich verlangsamenden Konjunktur Chinas gepaart mit den Auswirkungen des Handelskonfliktes, erläutert die Kammer die Ergebnisse ihrer Befragung. So fühlen sich 83 Prozent der deutschen Unternehmen direkt oder indirekt vom Handelskrieg zwischen China und den USA betroffen.

Auch für kommendes Jahr seien „nur zaghafte Anzeichen“ einer Erholung auszumachen. „2020 wird sehr wahrscheinlich durch die vom Handelskonflikt und der Abschwächung des globalen sowie chinesischen Wirtschaftswachstums bedingten Unsicherheiten geprägt sein“, glaubt Hildebrandt.

Laut Stephan Wöllenstein, Präsident der Deutschen Kammer in Peking und China-Chef von Volkswagen, hätten alle „auf eine schnelle Lösung“ zwischen Washington und Peking gehofft. Dies habe sich jedoch nicht bewahrheitet. Das Ergebnis: „Die Geschäftserwartungen sind so niedrig wie seit Jahren nicht mehr.“ Besonders Wöllensteins eigene Branche, die Autoindustrie, ist hart getroffen.

69 Prozent der befragten Firmen geben dort an, dass sich die Lage ihrer Industrie verschlechtert habe. Ähnlich schlecht ist die Stimmung bei den deutschen Maschinenbauern, wo 39 Prozent eine Verschlechterung ihrer Situation ausmachen. 30 Prozent bewerten die Lage hier als unverändert. Positiv gestimmt sind dagegen Unternehmen in der Gesundheitsbranche und deutsche IT-Firmen, bei denen 65 Prozent beziehungsweise 59 Prozent der Befragten sogar Verbesserungen sehen.

Zwar machten Washington und Peking in der vergangenen Wochen bei ihren Verhandlungen Fortschritte, doch die deutsche Community in Peking bleibt vorerst skeptisch, ob es wirklich zu einem Durchbruch kommt. „Wir hoffen auf eine Verhandlungslösung , aber wir müssen auf einen sich fortsetzten Konflikt vorbereitet sein“, fasst Clemens von Goetze, deutscher Botschafter in Peking, die Ängste zusammen.

Laut AHK-Befragung werden nicht nur Probleme im Verhältnis zwischen den USA und China gesehen. Auch zwischen Europäern und Chinesen gebe es noch viel Verhandlungsarbeit. China sei nach wie vor ein wichtiger Markt, der für die befragten Unternehmen wertvolle Geschäftsmöglichkeiten biete, allerdings seien die Wachstumspotenziale deutscher Unternehmen in China durch Marktzugangsbeschränkungen sowie komplexe regulatorische Rahmenbedingungen weiterhin begrenzt.

Dabei stellen indirekte Beschränkungen wie die Vergabe von Lizenzen, unverhältnismäßige Ausschreibungsverfahren, eine mangelnde Beteiligung an der Entwicklung von Industriestandards und unzureichende Vorlaufzeiten bei der Umsetzung neuer Vorschriften laut Kammer die größten Hürden für deutsche Unternehmen dar.

„Kopfschmerzen“ bereitet laut Wöllenstein sowohl deutschen als auch chinesischen Firmen das geplante Sozialkreditsystem. Bereits im August hatten die deutsche Kammer eine Studie veröffentlicht, wonach ein Jahr vor der geplanten Einführung sieben von zehn deutschen Unternehmen in China nicht mit dem System, seiner Wirkungsweise und Zielsetzung im Geschäftskontext vertraut sind. Bis 2020 soll nach Plänen der Regierung in China ein landesweites Sozialpunktesystem eingeführt und nach und nach ausgebaut werden. Es soll Vertrauenswürdigkeit ermitteln und zwischen „guten“ und „schlechten“ Bürger unterscheiden.

Geplant ist, dass nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Unternehmen genauer unter die Lupe genommen werden. Firmen in China sind schon jetzt diversen Ratings unterworfen. Höhere Punktzahlen können niedrigere Steuersätze, bessere Kreditbedingungen, einfacheren Marktzugang und mehr öffentliche Beschaffungsmöglichkeiten für Unternehmen bedeuten, so die EU-Kammer. Niedrigere Punktzahlen führen zum Gegenteil und können sogar zu einem Marktausschluss führen.

Für etwa jeden zweiten Befragten in der am Dienstag veröffentlichten Mitgliederbefragung blieben Rechtsunsicherheit und die diffusen rechtliche Rahmenbedingungen sowie Technologietransfer die bedeutsamsten Herausforderungen im China-Geschäft. Die Kammer appelliert deshalb, auf den Abschluss eines umfassenden Investitionsabkommens zwischen der EU und China hinzuarbeiten. Ein Abkommen, das einen fairen Marktzugang umfasst, würde neue Impulse setzen und die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen „auf eine neue Stufe heben“, sagt AHK-Chinachef Hildebrandt. Die Verhandlungen für ein Abkommen müssen „jetzt beschleunigt werden“, findet auch Botschafter von Goetze. Eine Einigung über ein Investitionsabkommen bis Ende nächsten Jahres sei denkbar.



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