Die Folgen europäischer Müllexporte Illegale Deponien vergiften türkische Böden

Deutscher Müll auf türkischem Boden. Illegale Deponien in der Türkei schaden der Umwelt. Quelle: Ihsan Yalcin/Greenpeace

Die Türkei ist einer der größten Abnehmer für Plastikabfälle aus Europa. Doch ein Teil landet auf illegalen Müllkippen statt im Recyclingwerk. Eine Untersuchung von Greenpeace zeigt nun, wie giftig diese Deponien sind.

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Illegal entsorgte Plastikexporte aus Deutschland und anderen europäischen Ländern vergiften den Boden in der Türkei. Zu diesem Ergebnis kommt die Umweltorganisation Greenpeace, die Proben von illegalen Müllkippen rund um die Stadt Adana untersuchen ließ.

Adana gilt als Hauptstadt der türkischen Recyclingindustrie. Die Branche hat in den vergangenen Jahren ein enormes Wachstum erfahren, weil europäische Länder immer mehr Plastikmüll in die Türkei exportieren. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts und des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) schickten deutsche Unternehmen im vergangenen Jahr etwa 90.000 Tonnen Plastikabfälle in die Türkei – damit ist das Land nach den Niederlanden der wichtigste Abnehmer für Plastikmüll aus Deutschland. Noch mehr Plastikreste exportiert Großbritannien in die Türkei.

In der Branche bewegen sich unseriöse Müllmakler und kriminelle Gruppen, wie eine Undercover-Recherche der WirtschaftsWoche und des Produktionsbüros a&o im vergangenen Jahr enthüllte. Für diese Gruppen kann es profitabler sein, die importierten Abfälle illegal in der Umwelt zu entsorgen, statt sie zu recyceln. Auch auf den von Greenpeace untersuchten unoffiziellen Deponien finden sich Abfälle aus Großbritannien, Deutschland und weiteren Ländern. Fotos zeigen etwa Packungen mit feuchtem Toilettenpapier, deutschen Hustenbonbons, oder die Verpackung eines „Magic Asia Nudel Snack“.

Quelle: Ihsan Yalcin/Greenpeace

Um ihre Spuren zu verwischen und den Müll verschwinden zu lassen, zünden die Kriminellen die Abfälle auf den illegalen Müllkippen häufig an. Wenn Plastik verbrennt, können sich jedoch giftige Stoffe bilden und so die Umwelt wie auch die Anwohner belasten.

Greenpeace hat deshalb dort Proben von Boden, Asche, Wasser und Sediment genommen und mit Proben von nahegelegenen unbelasteten Kontrollstandorten verglichen. Die Proben wurden bei Greenpeace und auch von einem unabhängigen Labor auf Stoffe wie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), polychlorierte Biphenyle (PCB), Dioxine oder Schwermetalle untersucht. PAK etwa können von Menschen über die Luft und die Nahrung aufgenommen werden und sind potenziell krebserregend. Die Herstellung von PCB ist verboten, die Schadstoffe können aber bei der Verbrennung von chlorhaltigem Plastik entstehen. Dioxine und Furane entstehen ebenfalls durch Verbrennung von Plastik, sie können zu Hautkrankheiten oder der Bildung von Tumoren führen.

Besonders auf einer Deponie südlich von Adana stellten die Aktivisten bedenkliche Konzentrationen von Schadstoffen fest: Dort fanden sie Kupfer und Zinn, die Menge an PCB lag 30.000 mal so hoch wie in der Vergleichsprobe, bei Dioxinen und Furan stellten sie gar eine 400.000-fache Konzentration fest. Das gehöre „zu den höchsten Werten, die bisher in der Türkei im Boden nachgewiesen worden“, heißt es in dem Report. Das deute darauf hin, dass auf der Deponie über lange Zeiträume hinweg Plastik verbrannt wurde.

Die Deponie liegt laut Greenpeace mitten in Feldern von Mais und Erdnüssen, auch ein Bewässerungskanal und Tierfutterfabriken gibt es in der Nähe. „Einige der festgestellten organischen Schadstoffe können lange Zeit im Boden verbleiben. Diese Schadstoffe können nahe gelegene Oberflächengewässer direkt und indirekt verunreinigen und ins Grundwasser gelangen“, warnt Greenpeace.


Mittlerweile seien an einigen der Untersuchungsstandorte Asche und verbrannte Plastikabfälle oberflächlich beseitigt wurden, schreibt Greenpeace in dem Report. „Der Boden darunter ist teilweise stark kontaminiert und muss ebenfalls dringend fachgerecht beseitigt werden,“ so Greenpeace. Die Organisation fordert daher, dass die türkischen Behörden die Entsorgung von kontaminierter Asche und Böden beauftragen und auch überwachen, damit keine weiteren giftigen Chemikalien in die Umwelt gelangen können.


Mehr zum Thema: Der griechische Zoll hat 37 Container mit deutschen Plastikabfällen gestoppt. Der Müll lag fast ein Jahr in türkischen Häfen und sollte nach Vietnam verschifft werden. Eine Odyssee durch die Welt der Plastikexporte.

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