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Die Meisterflüsterer Der Vordenker der "Abenomics"

Sie arbeiten im Hintergrund, sind oft wenig bekannt – aber immens einflussreich. In einer Serie stellt die WirtschaftsWoche die Berater der Mächtigen vor. Diesmal: Etsuro Honda, Vordenker der „Abenomics“ in Japan.

Shinzo Abe Quelle: AP

Auf seiner Visitenkarte steht „Spezieller Berater für das Kabinett“, und wer Etsuro Honda treffen will, braucht Zutritt zum politisch Allerheiligsten, dem Kantei. So heißt der Amtssitz von Japans Premierminister Shinzo Abe im Zentrum von Tokio. Im Kantei hat Honda ein eigenes Büro, er ist dem Regierungschef damit so nah wie kein anderer Wirtschaftsexperte Nippons.

Und das gilt nicht nur räumlich. Honda zählt zu den wichtigsten Spin-Doktoren der japanischen Politik, mit einem kurzen Draht zum Premier.

Sein bislang größter Coup: Er gehörte zusammen mit dem Abgeordneten Kozo Yamamoto, Vize-Notenbank-Gouverneur Kikuo Iwata und dem emeritierten Yale-Professor Koichi Hamada zu den Architekten der sogenannten Abenomics. Mit dieser 2013 begonnenen (und unter internationalen Ökonomen umstrittenen) Mixtur aus staatlichen Konjunkturprogrammen, ultralockerer Geldpolitik und – bislang weitgehend nur angekündigten – Strukturreformen versucht Premier Abe, die Wirtschaft auf Kurs zu bringen.

Die größten Pleitestaaten der Welt
Norwegische Insel Quelle: dpa
Reichstag Quelle: dpa
Gracht in Amsterdam Quelle: AP
Akropolis Quelle: AP
Brunnen am österreichischen Parlamentsgebäude Quelle: dpa
Schweizer Flagge Quelle: dpa
Big Ben und Westminster Abbey Quelle: REUTERS

Der 60-jährige Honda darf Abe auf dem Mobiltelefon anrufen, seine Mails gehen direkt durch; regelmäßig treffen sich die beiden zu informellen Mittagessen. „Wir sind im gleichen Alter und können gut miteinander sprechen“, sagt Honda. Das mag auch an der politischen Färbung liegen: Beide Männer denken konservativ-national und wollen Japans Wirtschaft gegenüber China stärken.

Ein gutes Beispiel für Hondas Einfluss ist die überraschende Entscheidung von Abe, die geplante zweite Erhöhung der Mehrwertsteuer um anderthalb Jahre zu verschieben. Damit stellte sich der Regierungschef gegen Schwergewichte seiner Liberaldemokratischen Partei und auch gegen seinen Finanzminister, der mit den Mehreinnahmen die Neuverschuldung bremsen wollte. Immerhin ist Japan, wo die Staats-schulden über 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen, der Schuldenkönig unter den Industriestaaten.

Doch Abe hörte auf Honda, der schon die erste Stufe der Steuererhöhung im April 2014 kritisch sah. „Die Deflation ist noch nicht überwunden“, begründet Honda seine Skepsis.

Zehn Vorurteile über Japan - und die Wahrheit
Japan ist nicht Asien!Als Inselreich gehört Japan selbst geografisch nicht hundertprozentig zu Asien. Und kulturell auch nur eingeschränkt. Wer Japan kennt, kann also nicht sagen, dass er Asien kennt. Das liegt vor allem daran, dass sich Japan zwischen dem frühen 17. Jahrhundert und 1854 fast völlig von Asien und dem Rest der Welt abkapselte. Nur über die kleine niederländische Handelsstation Dejima (Bild) im Hafen von Nagasaki wurden Waren und Informationen ausgetauscht. Aber Japan blieb dadurch auch verschont von westlichem Kolonialismus. Nach der Meiji-Restauration 1868 modernisierte sich Japan in atemberaubender Geschwindigkeit und wurde selbst zu einer in Asien expandierenden Großmacht. Quelle: Gemeinfrei
Japaner und Chinesen haben nicht dieselbe SchriftDie japanische Schrift ist eine einzigartige Mischung. Eigennamen werden zum Großteil mit chinesischen Schriftzeichen – Kanji – geschrieben. Die Japaner nutzen etwa 2000 dieser Zeichen.  Einige Wörter und vor allem Endungen und Partikel werden in der Lautschrift Hiragana geschrieben. Für die immer zahlreicher werdenden Fremdwörter nutzen Japaner eine eigene Silbenschrift: Katakana. Quelle: Fotolia
Japaner sprechen nicht von „Samurai“Der Begriff wird eher im Westen verwendet. Japaner sprechen meist von „Bushi“, wenn sie die Krieger des alten Japans meinen. Der Ehrenkodex der Krieger hieß daher „Bushidô“, also „Weg des Kriegers“. Mit einem gewissen Rapper der Gegenwart hat das überhaupt nichts zu tun. Quelle: Fotolia
Geishas sind keine ProstituiertenJapans Kurtisanen sind bewandert in allen schönen Künsten, oft mehrerer Sprachen mächtig und vor allem redegewandt. Sie lachen, scherzen, tanzen, musizieren und bewegen sich äußerst gekonnt, lassen dezent Haut blitzen oder auch nicht und verwöhnen den Gast mit erlesenen Gerichten und Alkoholika. Sie sind ein Stück japanische Tradition aber keinesfalls Prostituierte - das waren sie auch früher nicht. Quelle: dpa
In Japan gibt es ausgezeichnetes BierDas traditionelle japanische alkoholische Nationalgetränk ist "Sake". Ein milder Reiswein, der im Winter heiß, im Sommer kalt genossen wird. Seit der Öffnung des Landes im 19. Jahrhundert und dank der Unterrichtung durch deutsche Braumeister hat sich aber immer mehr das Bier als eigentliches Nationalgetränk im Alltag durchgesetzt. Vor allem zu Sushi passt Bier am besten. Quelle: AP
Anime und Manga sind kein KinderkramAnimationsfilme und japanische Comics haben sich längst auch bei erwachsenen Japanern durchgesetzt. Viele sind thematisch auch ganz und gar nicht für Kinder gedacht. Sie sind der größte Kultur-Export-Schlager Japans, nicht zuletzt in Deutschland. Die Wurzeln des Manga sind in der alten japanischen Holzschnittkunst zu suchen, den ukio-e. Quelle: dpa
Japaner lächeln nicht immerEs stimmt schon, Japan ist ein Land des Lächelns. In Geschäften, in Restaurants wird man als Kunde wohltuend freundlich behandelt, selbst bei unfreundlichen Anlässen. Aber wer mehr als ein paar Touristentage in Japan verbringt, wird schnell auch japanische Härte und sogar Unfreundlichkeit erleben. Japanische Zollbeamte zum Beispiel kennen kein Lächeln. Einen lächelnden Sumo-Ringer wird man auch nur selten finden – zumindest nicht beim Kampf. Quelle: REUTERS

Abe sucht in der Wirtschafts-und Finanzpolitik Hondas Rat, obwohl der gar kein gelernter Ökonom ist, sondern Jurist. Nach dem Jurastudium machte er Karriere im Finanzministerium. „Das ist die mächtigste Institution in Japan, die ihre Beamten vor allem aus der juristischen Fakultät der Universität Tokio rekrutiert“, sagt der deutsche Ökonom Martin Schulz vom Fujitsu-Institut.

Als Ministerialbeamter kümmerte sich Honda unter anderem um Handelsfragen und Finanzverbrechen; zwischenzeitlich wurde er in Japans diplomatische Vertretungen in Moskau, Los Angeles, New York und Washington entsandt. 2008 saß er im Aufsichtsrat der Europäischen Bank für Wiederaufbau in London. Wegen seiner Beraterrolle für die Regierung schied er, wie es in Japan Brauch ist, aus dem Finanzministerium aus. Heute hält er neben seiner Arbeit als Spin-Doctor auch Vorlesungen an der Meiji-Universität Tokio.

Honda entspricht so gar nicht dem Klischee des Ministerialbürokraten, der sich zwischen Aktenbergen versteckt. Er ist ein meinungsstarker und weltgewandter Macher.

Deflationäre Mentalität

In Arbeit
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Mit den Abenomics wolle sein Land „die deflationäre, negative Mentalität von Verbrauchern und Managern überwinden“, sagt Honda. Nach 15 Jahren Deflation hätten sich die Japaner an leicht fallende Preise und Löhne gewöhnt. „Den reichen Japanern ist das egal, aber die 20- bis 30-Jährigen sehen keine strahlende Zukunft mehr“, sagt er. Durch eine extrem expansive Geld- und Fiskalpolitik sollen die Inflationserwartungen der Japaner steigen. Die Verdoppelung der Geldbasis durch massive Wertpapierkäufe der Notenbank hat Japan negative Realzinsen beschert und den Yen geschwächt. Infolge höherer Gewinne und Nettovermögen könnten die Konzerne nun Löhne, Investitionen und Dividenden anheben.

Doch was ist mit den Strukturreformen? Honda versichert, dass die vom Ausland geforderte Deregulierung komme. Aber: „Strukturreformen sollten langsam ablaufen“. Erst wenn die Wirtschaft gesunde, würden Konsumenten und Manager risikobereiter. Dann ließen sich Wettbewerbshürden, etwa in der Landwirtschaft, im Gesundheitssektor und am Arbeitsmarkt, leichter wegräumen. Für Honda sind die Abenomics Japans „letzte Chance“ zur Überwindung der Deflation. Das Gespräch mit der WirtschaftsWoche im Kantei endet mit den eindringlichen Worten: „Wir sind zum Erfolg verdammt.“

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