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„Direkter Draht“ Putin, wir haben ein Problem!

Das Volk fragt, der Präsident antwortet und das Staatsfernsehen sendet: In der alljährlichen Bürgerbefragung gibt sich Russlands Regierungschef Wladimir Putin als Macher, gerne auch bei privaten Problemen.

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Wladimir Putin Quelle: REUTERS

„Wladimir Wladimirowitsch, meine beste Freundin Elena wünscht sich zum Geburtstag einen Hund. Aber ihr Mann Boris, ein Soldat, ist dagegen. Können Sie ihm bitte sagen, dass er falsch liegt?“ Der russische Präsident verzieht keine Miene, als er die Videobotschaft einer besorgten Bürgerin empfängt. Er ist live auf Sendung, jetzt heißt es handeln – und Wladimir Putin hat eine Idee.

Ein „Aktionsplan für Elena“. Man könnte doch den Soldaten gemeinsam fragen, den Hund zuzulassen, sagt der Präsident. „Sei ein guter Ehemann Boris und kauf ihr einen Hund. Für die Familie!“ Und nun zu einer sehr ernsten Frage, sagt der Moderator, kommen wir zur Ukraine.

Stopp. Wer an dieser Stelle zufällig in die Sendung „Direkter Draht“ auf dem russischen Staatssender Rossija 1 geschaltet hat, könnte glauben, er sei bei der russischen Version des Kummer-Radios „Domian“ gelandet – mit Wladimir Putin in der Hauptrolle.

Nicht doch! Das hier ist die alljährliche Fragestunde des russischen Präsidenten. Wobei Stunde leicht untertrieben ist: Fast 240 Minuten dauert die Live-Sendung am Donnerstag Mittag, in der Putin rund 70 Anfragen seiner Bürger beantwortet. Und dabei nie auch nur Anzeichen von Müdigkeit zeigt.

Die Putin-Versteher
Helmut Schmidt (SPD), Ex-BundeskanzlerAltkanzler Helmut Schmidt hat sich für mehr Verständnis für Russland und Präsident Wladimir Putin ausgesprochen. Andernfalls sei „nicht völlig ausgeschlossen“, dass aus dem Konflikt um die Ukraine „sogar ein heißer Krieg wird“, sagte Schmidt. Die großen Sorgen Putins gälten weniger der Ukraine, Polen oder Litauen, sondern den Nachbarn China, Pakistan und ehemaligen sowjetischen Teilrepubliken, sagte Schmidt. Angesichts dieser Lage sei Putin die Zukunft der Ukraine „weniger wichtig“. Russland sei von den Beschlüssen der EU zur Ost-Erweiterung Anfang der Neunziger Jahre in einer „Wild-West-Periode“ unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin überrascht worden. „Das rächt sich heute“, sagte Schmidt, denn Jelzins Nachfolger Putin habe Russland wieder internationale Beachtung verschafft. „Putins Politik muss uns nicht gefallen. Aber wir müssen sie aus der Geschichte verstehen und ernst nehmen.“ Quelle: dpa
Dietmar Bartsch, die LinkeIn Anne Wills Sendung zum Mord an Putin-Kritiker Boris Nemzow sagte Dietmar Bartsch von den Linken, dass das „Oberlehrertum" Deutschlands gegenüber Russland den Deutschen nicht zustehe und erinnerte an den Zweiten Weltkrieg. In Bezug auf die Entfremdung zwischen Russland und dem restlichen Europa fragte Bartsch, ob „wir“ dazu nicht einen Beitrag geleistet und antwortete sogleich mit: „Ich glaube schon.“ Weiter sagte er zur Annexion der Krim und den Krieg in der Ostukraine, Putin habe schon Gründe für sein Handeln, vielleicht fühle sich Russland mit gutem Grund bedroht und greife präventiv die Ukraine an. Auch gegen Wirtschaftssanktionen sprach er sich aus. Quelle: dpa
Siemens-Chef Joe Kaeser Alle reden über Sanktionen gegen Russland – und Siemens-Chef Joe Kaeser pflegt Kundenkontakte. Er besuchte Russlands Präsident Wladimir Putin und traf in dessen Residenz nahe Moskau auch den Chef der russischen Eisenbahn, Wladimir Yakunin. Dass der auf der Sanktionsliste der USA steht, seitdem Russland die ukrainische Halbinsel Krim annektierte, störte Kaeser nicht weiter.  Im ZDF-„heute journal“ sagte er dazu: „Wir schließen nicht Geschäfte mit Menschen ab, die zufällig ein Unternehmen leiten, sondern mit den Unternehmen als Ganzes. Und das sind Einzelpersonen in aller Regel zweitrangig.“ Auch sonst fand der Siemens-Chef nichts dabei, in der derzeitigen angespannten Lage, nach Russland zu reisen und Putin zu treffen. Kaeser betonte, „(…)dass wir uns von kurzfristigen Turbulenzen in unserer langfristigen Planung nicht übermäßig leiten lassen“. Und er fügte hinzu: „Wenn ich die Kommentare so mancher Altbundeskanzler bewerte, fühlt man sich nicht besonders allein. (…)“ Gemeint sind Gerhard Schröder und Helmut Schmidt, die beide Verständnis für Putins Vorgehen in der Krim-Krise geäußert hatten. Quelle: dpa
Peter Gauweiler, CSU-VizeDer stellvertretende CSU-Vorsitzende und Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler kritisierte den Kurs der Regierung Merkel in der Krim-Krise scharf. Im „Stern sagte der 64-Jährige, Washington und Brüssel, die EU, hätten „uns in eine gefährliche Drohungseskalation gebracht“. Dass Kanzlerin Angela Merkel wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland wolle und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen eine größere Truppenpräsenz an der Ostgrenze der Nato forderte, bezeichnete er als „Säbelrasseln“ und „gefährliche Kraftmeierei“. Man dürfte nicht ignorieren, dass Russlands Präsident Wladimir Putin in der Krim-Frage die Mehrheit der Russen hinter sich habe und dem Volk seinen Stolz zurückgegeben habe. Drohungen würden hier nicht weiterhelfen. Die Entsendung von Jagdbombern und Kampfjets der Nato nach Polen und Litauen war in den Augen von Gauweiler der falsche Weg. „Solche militärischen Spiele müssen sofort aufhören. Ein militärisches Vorgehen ist keine Option. Oder wollen die ein neues 1914?“ Quelle: dpa
Gerhard Schröder (SPD), Ex-BundeskanzlerGerhard Schröder gilt als Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der Sozialdemokrat ist seit seinem Ausscheiden aus der Politik Aufsichtsratsvorsitzender der Nord Stream AG, bei der der russische Staatskonzern Gazprom die Mehrheit der Anteile hält. Schröder lehnt es ab, Putin wegen seines völkerrechtswidrigen Handelns auf der Krim mit erhobenem Zeigefinger gegenüberzutreten. Er begründet dies damit, dass er selbst das Völkerrecht gebrochen habe, als es um die deutsche Beteiligung am Kosovo-Krieg gegen Serbien während seiner Regierungszeit gegangen sei. Quelle: AP
Gregor Gysi, LinksfraktionschefLinken-Fraktionschef Gregor Gysi kritisiert zwar den Griff Russlands nach der Krim. Für nicht akzeptabel hält er allerdings, dass mit der Ostausdehnung der Nato nach dem Kalten Krieg russische Sicherheitsinteressen massiv verletzt wurden. Kanzlerin Angela Merkel hält er zudem vor, beim Völkerrecht mit zweierlei Maß zu rechnen. Auch die Abtrennung des Kosovo von Serbien sei ein Rechtsbruch gewesen. Außerdem arbeite die Bundesregierung mit der Übergangsregierung in Kiew zusammen, an der Faschisten beteiligt seien. Die Strafaktionen gegen Russland lehnte er ab. Quelle: dpa
Sahra Wagenknecht, LinksparteivizeDer Westen sollte sich nach den Worten der stellvertretenden Linkspartei-Vorsitzenden Sahra Wagenknecht mit einer möglichen Angliederung der Krim an Russland abfinden. „Es gibt machtpolitische Gegebenheiten, die man akzeptieren muss.“ Wirtschaftssanktionen gegen Russland lehnt sie ab. Kritisch sieht sie die jetzige Regierung in Kiew, in der „Neofaschisten“ und „Antisemiten“ säßen. „Insofern ist das eine Reaktion auf eine Fehlentwicklung“, sagte sie. Der Bundesregierung hält Wagenknecht eine „zutiefst heuchlerische Außenpolitik“ vor. „Die USA und die Bundesrepublik haben jedes Recht verwirkt, Völkerrechtsbrüche zu kritisieren, weil sie selber so viele begangen haben.“ Quelle: dpa

Im Gegenteil, Putin wirkt so gelassen und erholt wie ein russischer Braunbär nach dem Winterschlaf. Als ob er allen Verschwörungstheoretikern, die vor Wochen über seinen Gesundheitszustand oder gar seinen Tod spekuliert hatten, zeigen will, wie fit er ist.

Glaubt man russischen Meinungsumfragen, ist der russische Präsident auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit, trotz oder gerade wegen des turbulenten russischen Jahrs 2014. Die Großereignisse in Kürze: Winterolympiade in Sotschi, Annexion auf der Krim, Sanktionen im Westen, Rubelabsturz und Wirtschaftskrise in Russland. Jede Menge Redebedarf also bei dem russischen Volk. Angeblich hat es mehr als drei Millionen Anfragen gegeben, sagen die Moderatoren im Studio. Was nun, Herr Präsident?

Wer geglaubt hatte, in der weltweit übertragenen Sendung große Neuigkeiten zu erfahren, wurde jedenfalls enttäuscht. Putin: Nein, Russland hat keine Truppen in der Ukraine. Niet, der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat mich nicht gefragt, ob ich den Donbass übernehmen könnte. Ja, wir haben wirtschaftliche Probleme. Nein, Russland hat keine Absichten, eine neue Sowjetunion aufzubauen. Ja, wir arbeiten mit allen Staaten zusammen, die mit uns Geschäfte machen wollen. Doch, Russland ist stark und wird künftig mehr selbst produzieren.

So weit, so bekannt. Viel interessanter war es, zu schauen, welche persönlichen Fragen das Volk an den Präsidenten stellte. Und wie Putin reagierte. Denn die vier Stunden Sendung waren ein Lehrstück für alle, die sich fragen, warum der 62-Jährige bei seinen Landsleuten so gut ankommt. Ganz einfach: Sie glauben, dass er ihre Probleme kennt und sich kümmert – am liebsten persönlich. Da wird dann schon mal das Geschenk für die beste Freundin von Elena zur Chefsache.

„Wir werden zusammenarbeiten“

Bevor sich Putin den ausgewählten Fragen stellt, zählt er erst einmal auf, welche Fortschritte sein Land gemacht hat. Die Lebenserwartung und die Geburtenrate seien gestiegen. Die Wirtschaft sei im vergangenen Jahr um 0,6 Prozent gewachsen. Die Krise? Treffe Russland weniger hart als gedacht. Aber was ist mit der Inflationsrate von 17 Prozent? Naja, die sei schon schlimm, sagt Putin, aber man müsse eben Geduld haben. Und die westlichen Sanktionen? Wären für Russland eher eine Chance, ihre eigene Wirtschaft voranzutreiben. Wirklich? Aber was ist mit dem Rubel?

Die Währung habe sich zuletzt stabilisiert. Das stimmt, allerdings liegt der Kurs zum Dollar immer noch 25 Prozent unter dem von vor einem Jahr. Trotzdem glaubt Putin, dass sich die russische Wirtschaft in zwei Jahren wieder vollständig erholen könnte.

Hinter der Sendung mit dem Präsidenten steckt ein großer Aufwand, zeitlich und menschlich. Angeblich hat sich Putin zwei Tage lang nur auf die Fragerunde vorbereitet. Und die Mitarbeiter des staatlichen Senders Rossija 1 waren an vielen entlegenen Orten im flächenmäßig größten Land der Welt unterwegs, um Sorgen der Bürger aufzunehmen. Einige Fragen zeigen, in welch schwieriger Lage sich die Menschen in Russland befinden. Vor allem in Regionen fernab der Hauptstadt Moskau.

Fünf Folgen der Wirtschaftskrise in Russland

Eine russische Frau namens Elena bittet Putin um Hilfe für ihr krankes Kind. Die notwendigen Medikamente bekomme sie nur im Krankenhaus, nicht aber in den Apotheken im Ort. „Wladimir Wladimirowitsch, könnten Sie bitte etwas tun?“

Putin fordert die Kontaktdaten der Frau und gibt sich empört. „Das Gesundheitsministerium sagt mir, sie brauchen nicht mehr Geld von der Regierung, um die Medikamentenversorgung sicherzustellen. Wenn das aber nicht funktioniert, ist das ein Verbrechen.“ Das sei kein Einzelfall, sagt ein Moderator. Dann wolle er eben alle Unterlagen haben, befiehlt Putin, deswegen spreche man ja hier!

Egal ob Arbeiter am Weltraumbahnhof Wostotschnij, die keinen Lohn bekommen, oder Pendlerzüge in der Region Saratow, die nicht mehr fahren: Putin will sich den Problemen annehmen, höchstpersönlich versteht sich. „Wie heißen Sie?“, ruft er dem Arbeiter in Wostotschnij zu. „Anton? Iwanowitsch? Berichten Sie mir von dem letzten Rubel, der überwiesen wurde. Wir werden zusammenarbeiten, Sie in Wostotschnij, ich hier in Moskau.“

Und an die zurückgelassenen Pendler: „Sie haben recht, das ist völlig inakzeptabel. Ich werde mir Saratov genauer anschauen, wir müssen die Regionen unterstützen.“ Es klingt immer so ein bisschen nach „Lass das mal den Papa Putin machen“.

Die Schröder-Anekdote

Wladimir Putin weiß genau, dass sein Volk es schätzt, wenn jemand nicht lange redet, sondern mit klarer Linie entscheidet und handelt. Deswegen zeigt das Staatsfernsehen auch Nadeschda aus einem Dorf in Sibirien, das von dem schrecklichen Brand am Montag heimgesucht wurde. Mindestens 15 Menschen starben, 1000 Häuser brannten nieder. Die betroffene Frau bricht vor der Kamera in Tränen aus, sie fleht Putin an: „Bitte helfen Sie uns!“ Man weiß nicht, ob Putin erst auf eine solch drastische Botschaft gewartet hat, um zu reagieren, aber er reagiert. Zückt seinen Stift und schreibt auf und diktiert, wie viele Hunderttausende an Rubel für die Opfer bezahlt werden müssten.

Und wieder eine klare Ansage: „Bis zum 15. Oktober werden alle abgebrannten Häuser wieder stehen.“ Der Moderator atmet auf und bedankt sich. Die Sendung ist für Putin ein Heimspiel, der Sender ist wie das komplette russische Fernsehen vom Staat finanziert. Vor überraschenden kritischen Fragen muss sich hier keiner fürchten.

Sanktionsfolgen für Branchen in Deutschland

Erst nach drei Stunden und 40 Minuten kommen das erste Mal Bewohner der Krim zu Wort. Doch vorher zeigt die Kamera schöne Landschaftsaufnahmen, die Felsen und das Meer. Ein Bild für die russische Seele. Dann erzählt Nikolai, Chef eines Verbands für Transportunternehmen, von den extremen Wartezeiten russischer Lastwagenfahrer auf dem Weg zur Krim.

Teilweise stehen sie zwei Wochen an, um auf die Fähren zu warten. „Zwei Wochen?“ Putin kann es kaum glauben, aber man würde schon eine Lösung finden, „das verspreche ich Ihnen“. Die Kamera verlässt die Krim wieder, jetzt können die Bewohner nur noch hoffen, dass der Präsident sein Wort hält. Egal wohin man schaut, überall im Land scheint es Menschen zu geben, die ihre Probleme vor Ort von Präsident Putin, der im tausende Kilometer weit entfernten Russland regiert, gelöst bekommen wollen.

Die Sendung ist fast zu Ende, da will Putin noch eine Anekdote erzählen. Er wird gefragt, ob er denn gerne in die Sauna gehe. Einmal sei er mit Gerhard Schröder in der Sauna gewesen, erzählt Putin, das sei aber schon sehr lange her. Dann gab es einen Feueralarm, das ganze Gebäude brannte. Aber der deutsche Altkanzler? Wollte erst in Ruhe sein Bier austrinken und erst dann rausgehen. „Er ist verrückt, aber er ist so ein Typ“, sagt Putin über Schröder. Und will damit zeigen, wie gern er in die Sauna geht – so wie viele andere Russen auch. „Ich mag Sauna sehr.“

Dann ist die Show vorbei, Putin hat gesprochen. Er bedankt sich für die Fragen und sagt, er werde sein Bestes tun, um sich um alles zu kümmern. Dann nimmt er seinen grünen Schnellhefter mit und geht. Was bleibt, ist die Hoffnung des russischen Volkes.

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