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Dutzende Tote in den USA befürchtet Jeff Bezos: „Wir sind untröstlich über den Verlust unserer Teammitglieder“

In Illinois stürzte das Dach eines Verteilzentrums des Online-Händlers Amazon teilweise ein. Mehrere Menschen starben. REUTERS/Drone Base TPX IMAGES OF THE DAY Quelle: REUTERS

Tornados ziehen durch die USA und hinterlassen gigantische Verwüstungen. Die Behörden befürchten viele Tote. Unzählige Gebäude stürzten ein – darunter auch eine Kerzenfabrik und eine Amazon-Lagerhalle.

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US-Präsident Joe Biden hat die Verwüstung in mehreren amerikanischen Bundesstaaten durch 36 Tornados als einen der wahrscheinlich größten Tornado-Ausbrüche in der Geschichte des Landes bezeichnet. „Wir wissen immer noch nicht, wie viele Menschen ums Leben gekommen sind oder wie groß das ganze Ausmaß der Schäden ist“, sagte der Präsident in einer Ansprache am Samstag (Ortszeit), die er auch auf Twitter veröffentlichte.

Biden sprach allen Angehörigen sein Beileid aus und versicherte, dass die Regierung alles in ihrer Macht stehende tun werde, um zu helfen. Der Präsident verkündete auch, der Notstandserklärung zugestimmt zu haben, die der Gouverneur von Kentucky vor einigen Stunden beantragt habe. Auf diese Weise könnten Hilfsgelder aus dem Bundeshaushalt nach Kentucky gehen, wo sie dringend benötigt würden. Biden stellte einen Besuch im Katastrophengebiet in Kentucky in Aussicht. Er sagte aber, er wolle damit warten, bis er die Rettungsoperationen nicht behindere. Gemeinsam mit First Lady Jill Biden bete er für die Opfer und deren Angehörigen.

Biden sagte, es sei noch nicht klar, welche konkrete Rolle der Klimawandel bei der jüngsten Katastrophe gespielt habe. Die Erderwärmung trage aber zu Wetterextremen bei. „Also müssen wir handeln.“ Oberste Priorität habe derzeit aber, „dass wir jeden retten müssen, der noch am Leben ist“. Angesichts der Katastrophe wirf Biden seine Landsleute zur Geschlossenheit auf. „Wir werden das gemeinsam durchstehen“, sagte er. „Dies ist einer der Momente, in denen wir weder Demokraten noch Republikaner sind.“



Den Bundesstaat Kentucky hat es vermutlich am schlimmsten getroffen. Nach Angaben des dortigen Gouverneurs, Andy Beshear, hinterließ ein Tornado auf einer Strecke von 365 Kilometern eine Spur der Zerstörung: „Wir sind Ground Zero.“ Der Sturm verwüstete Wohnhäuser, Fabriken und Lagerhallen. „Alles in ihrem Weg ist weg. Häuser, Geschäfte, Regierungsgebäude – einfach weg. Teile von Industrieanlagen, Dächer sind in Bäumen. Es ist schwer vorstellbar, dass das überhaupt möglich ist“, sagte Beshear. „Die Verwüstung ist mit nichts zu vergleichen, was ich in meinem Leben gesehen habe, und ich habe Mühe, es in Worte zu fassen.“

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    Zahlreiche Menschen starben. „Ich bin jetzt sicher, dass die Zahl oberhalb von 70 liegt. Es kann aber tatsächlich darauf hinauslaufen, dass sie 100 übersteigt, bevor der Tag endet“, sagte Beshear. Die Nacht zu Samstag sei „eine der härtesten“ in der Geschichte Kentuckys gewesen. „Ich glaube, dass dies der tödlichste Tornado sein wird, der jemals durch Kentucky gezogen ist.“ Auf Twitter forderte der Gouverneur zu Blutspenden auf und warnte die Menschen, die in Sicherheit und versorgt sind, von den Straßen fern zu bleiben: „Lassen Sie unsere Ersthelfer so schnell wie möglich zu den Betroffenen vordringen.“



    Einige der schwersten Schäden wurden aus Mayfield gemeldet, einer Stadt mit rund 10.000 Einwohnern im Westen Kentuckys, wo der Bundesstaat an Illinois, Missouri und Arkansas grenzt. Rund 110 Menschen hätten sich in einer Kerzenfabrik aufgehalten, als der Tornado vorbeigezogen sei und das Dach des Gebäudes abgerissen habe, sagte Beshear. In der Fabrik wurde wegen des Hochbetriebs zur Weihnachtszeit in der Nacht zu Samstag gearbeitet. Nur 40 Menschen in der Fabrik seien gerettet worden, sagte der Gouverneur. Wo einst die Fabrik gestanden habe, liege jetzt ein mehr als vier Meter hohes Trümmerfeld mit Metallschrott und Autowracks. „Es wäre ein Wunder, würde dort jemand lebendig gefunden“, so Beshear. Der Feuerwehrchef der Stadt, Jeremy Creason berichtete, Retter hätten teils über Tote hinwegsteigen müssen, um zu Überlebenden vorzudringen.

    Mit Blick auf die zerstörte Kerzenfabrik sagte die Polizistin Sarah Burgess, Rettungsteams setzten schweres Gerät ein, um den Schutt zu entfernen. Rechtsmediziner wurden zum Unglücksort bestellt und Körper aus den Trümmern geholt. Burgess sagte, es könne einen Tag und möglicherweise länger dauern, um allen Schutt zu beseitigen. Die Rettungsbemühungen wurden dadurch verkompliziert, dass die Haupt-Feuerwehrstation der Stadt und eine Rettungsstelle ebenfalls von dem Tornado getroffen wurden.

    Eine Luftaufnahme der völlig zerstörten Kerzenfabrik in Mayfield. Quelle: REUTERS

    Beshear schwor die Menschen im Katastrophengebiet angesichts von Tiefsttemperaturen um den Gefrierpunkt und großflächigen Stromausfällen auf schwierige Stunden ein. „Es wird eine harte Nacht für viele Menschen in Kentucky werden“, sagte er. Dem Gouverneur drohte zwischenzeitlich die Stimme zu versagen – etwa, als er von dem Heimatort seines Vaters namens Dawson Springs erzählte. „Einen Block von dem Haus meiner Großeltern steht kein Haus mehr“, sagte Beshear. „Und wir wissen nicht, wo all diese Menschen sind.“

    In den frühen Morgenstunden seien mehr als 56.000 Menschen in Kentucky ohne Strom gewesen, berichtete der Gouverneur. Er rief den Ausnahmezustand aus und schickte Nationalgardisten in die betroffenen Gemeinden. Im Westen von Kentucky entgleiste ein Zug in dem Sturm. Auch aus den Bundesstaaten Tennessee, Arkansas und Missouri wurden erhebliche Schäden gemeldet. In Monette im Norden von Arkansas starb den Behörden zufolge mindestens ein Mensch, als ein Tornado das Dach eines Pflegeheimes wegriss. Mehrere Menschen wurden verletzt.

    Auf diesem Luftbild sind Schäden an Häusern in der Kleinstadt Monette im Nordosten von Arkansas zu sehen. Quelle: dpa

    In Illinois konnten der örtlichen Feuerwehr und dem Gouverneur zufolge, sechs Menschen nach dem Einsturz einer Lagerhalle des Amazon-Konzerns nur noch tot geborgen werden. Immerhin hätten sich 45 Mitarbeiter aus den Trümmern des 500.000 Quadratmeter großen Gebäudes in Edwardsville in Sicherheit bringen können, sagte Feuerwehrchef James Whiteford. Die Behörden gehen inzwischen nicht mehr davon aus, noch weitere Überlebende zu finden. Satellitenaufnahmen zeigen das Ausmaß der Zerstörung an der Amazon-Lagerhalle in Edwardsville:



    Satellite image copyright: 2021 Maxar Technologies/Handout via REUTERS

    Ein Verletzter wurde per Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht, wie Feuerwehrchef James Whiteford berichtete; die Trümmer würden weiter nach Opfern abgesucht. Die Behörden waren am Samstag (Ortszeit) noch unsicher hinsichtlich der Zahl der Betroffenen, weil gerade ein Schichtwechsel stattfand, als der Tornado am Freitagabend das Gebäude traf. Eine Gewerkschaft kritisierte Amazon dafür, das Lager während einer Wetternotlage in Betrieb gehalten zu haben.

    Amazon-Gründer Jeff Bezos äußerte sich bestürzt über die „tragischen Berichte“ aus Edwardsville. „Wir sind untröstlich über den Verlust unserer Teammitglieder“, twitterte er in der Nacht zum Sonntag.



    Entstanden waren die Tornados in der Nacht infolge einer Reihe von Unwettern. Darunter war eine sogenannte Superzelle, die sich im Nordosten von Arkansas gebildet hatte. Dieser besonders gefährliche Sturm zog von Arkansas und Missouri nach Tennessee und Kentucky. Auf dem Weg seien einige tödliche Tornados entstanden, erklärte der Meteorologe Roger Edward vom Sturmvorhersage-Zentrum des Nationalen Wetterdienstes.

    Victor Genzini, Extremwetter-Forscher der Northern Illinois University, schätzt: Sollten sich die frühen Berichte bestätigen, werde der Tornado vermutlich als einer der längsten in die US-Geschichte eingehen. Der bislang längste Tornado seit Beginn der Aufzeichnungen zog im März 1925 auf 355 Kilometern durch Missouri, Illinois und Indiana. Genzini sagte, der Tornado, der sich nun ereignet habe, könne auf bis zu 400 Kilometern durch das Land gezogen sein. Der Sturm sei umso außergewöhnlicher, weil er sich im Dezember ereignet habe, wenn das kältere Wetter Tornados normalerweise eindämmt.

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